FameLab: Kleine Viecher in Kopf und Stadion

Julia Littmann

Beim Famelab-Wettbewerb steht die Neurowissenschaftlerin Sarah Jarvis im Deutschland-Finale – mit "sprechenden" Händen.



"Ich erkläre einfach wahnsinnig gerne", sagt Sarah Jarvis, "so gerne, dass ich richtig enttäuscht bin, wenn jemand gar nichts erklärt bekommen will." Da setzt sie dann hartnäckig nach, gesteht die 29-jährige Neurowissenschaftlerin mit einer guten Portion Selbstironie. Sarah Jarvis überzeugt mit Witz und Hingabe – auch für ihr komplexes Fach. Dieser Mix kommt ihr bei einem internationalen Wettbewerb zugute: "Famelab" (siehe Infobox) fordert junge Wissenschaftler auf, ihr Fachgebiet kurz und knapp verständlich zu machen.


Drei Minuten hatte Sarah Jarvis kürzlich bei der regionalen Vorentscheidung in Karlsruhe, drei Minuten wird sie auch am morgigen Samstag in Bielefeld haben, wenn die Regionalsieger darum kämpfen, zum Finale ins britische Cheltenham entsandt zu werden. Drei Minuten, in denen die Australierin – auf Englisch – erklären wird, dass Nervenzellen kleine komplizierte Viecher sind, die man leider nicht neustarten kann: "Complex little beasts without reboot possibility."

Sarah Jarvis untersucht die Funktionsweisen der Nervenzellen, wie sie vernetzt sind, wie sie aber auch ohne ersichtliche Vernetzung gemeinsam reagieren. Wie erklärt man nun Laien überhaupt schon die Fragestellung? "Wie funktioniert das, dass in einem randvollen Fußballstadion alles totenstill ist – und von einem Moment auf den anderen fangen alle an zu klatschen?"

Herausfordernd blickt Sarah Jarvis in die Runde. Und macht auf die entscheidende Beobachtung aufmerksam: "Einige im Stadion haben vielleicht per Handy verabredet, ich zähle jetzt bis zehn und wir fangen an zu klatschen. Die anderen 24 000 waren aber an dieser Handyverbindung gar nicht beteiligt – und reagieren trotzdem."



Ähnliches lässt sich bei den Nervenzellen im Gehirn beobachten. Die untersucht Sarah Jarvis nicht an einem Plastikmodell, sondern mittels Computersimulation. Welche Verbindungen finden wie statt zwischen den hundert Milliarden Gehirnzellen, die ein Mensch im Durchschnitt zur Verfügung hat?

Trockener Stoff? Alles zu kompliziert? "Quatsch", sagt Sarah Jarvis, "nichts ist zu kompliziert zum erklären!" Zum Beispiel ihre methodische Vorgehensweise: Da es zwar möglich ist, einzelne Nervenzellen, jedoch nicht, das ganze große Stadion Kopf zu untersuchen, schaut die Wissenschaftlerin Gruppen an, schaut auf Teilbereiche und rechnet von da aus Reaktionswege hoch.

Immer noch zu verwirrend? Dann hilft der Blick auf ihre Darbietung beim Contest in Karlsruhe – nicht nur ihre bilderreiche Sprache macht das Zuhören leicht, sondern erst recht ihre "sprechenden" Hände. Da kommt schauspielerisches Potenzial zum Einsatz: Beim Schultheater hatte sie einst komödiantisches Talent gezeigt. Und sich um die Technik gekümmert. Technik? "In der Schulzeit war mir nicht klar, dass es da so ein Mädchen/Jungen-Ding gibt, ich hab’ einfach gemacht, was mir lag", sagt sie.

"Warum ist was so – und nicht anders?"

Erst beim Studienbeginn in Sydney fiel ihr auf, dass verschwindend wenig junge Frauen im Hörsaal saßen. Sie studierte Computerwissenschaften – und promoviert nun am Freiburger Bernstein-Institut im Bereich der Neurowissenschaften. Fragen stellen, Fragen beantworten: "Das ist so spannend – warum ist was so und nicht anders?"

Als kopflastige Intellektuelle kommt Sarah Jarvis, die begeisterte Fragerin und leidenschaftliche Erklärerin, allerdings nicht rüber. Weil in ihrer WG Klavier und Trompete – ihre ursprünglichen Instrumente – zu laut wären, lernt sie Ukulele und um das Stadion in ihrem Kopf zur Ruhe zu bringen, geht sie im Schwarzwald wandern.

Lampenfieber vorm Bundesfinale? "Ja", strahlt sie unerschrocken, "das brauch’ ich, da kann ich mich am besten konzentrieren." In Karlsruhe hat das super geklappt. Und auch in Bielefeld werden Publikum und Jury mit Sicherheit wieder an den richtigen Stellen lachen. Und vor allem: In nur drei Minuten richtig viel über Nervenzellen kapieren.

FameLab

Famelab ist ein Wettbewerb, bei dem seit 2005 junge Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler vor Publikum und Jury ihr Fachgebiet erklären. 2011 gibt’s Famelab erstmals auch in Deutschland. Drei Minuten hat jeder für die Präsentation. Als Hilfsmittel ist erlaubt, was am Körper getragen werden kann – Kontrabass, aufblasbarer Delfin, Gehirnmodell – egal. Wer in Bielefeld gewinnt, reist zum internationalen Finale beim "Cheltenham Science Festival". In Deutschland sponsern British Council Germany, GEO und die Bielefeld Marketing GmbH Famelab.

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[Bilder: Michael Bamberger]