Landgericht Freiburg

Fall Maria L.: Prozess gegen Hussein K. beginnt

Joachim Röderer, Frank Zimmermann & Gina Kutkat

Der Tod von Maria L. hat weit über Freiburg hinaus für Bestürzung gesorgt. Jetzt steht der Mann vor Gericht, der die Studentin vergewaltigt und getötet haben soll. Am heutigen Dienstag beginnt der Prozess gegen Hussein K.

Vor der Jugendkammer des Landgerichts Freiburg sollte am Dienstagmorgen um 9 Uhr der Mordprozess gegen Hussein K. beginnen. Doch der Besucheransturm ist so groß, die Sicherheitsvorkehrungen so enorm, dass sich der Start verzögerte.


16 Verhandlungstage mit 45 Zeugen

Die Anklage gegen Hussein K. lautet auf Mord in Tateinheit mit schwerer Vergewaltigung. Der Verdächtige hat sich bislang weder zur Tat noch zu seiner Person geäußert. Ihm wird vorgeworfen, am frühen Morgen des 16. Oktober 2016 beim SC-Stadion an der Dreisam die 19 Jahre alte Medizinstudentin Maria L. vergewaltigt und getötet zu haben. Angesetzt sind 16 Verhandlungstage, 45 Zeugen sollen gehört werden. Das Urteil könnte nach dem Zeitplan des Gerichts am 8. Dezember fallen.

Die Eltern des Mordopfers werden nicht zum Prozess nach Freiburg kommen, sind als Nebenkläger aber durch einen Anwalt vertreten. Sie wollten so ihre Rechte wahrnehmen, um einen Beitrag dazu zu leisten, dass der Rechtsstaat die Tat an ihrer Tochter vollständig aufklärt und angemessen ahndet, hat das Ehepaar über den Anwalt mitteilen lassen.

Prozess unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen

Die öffentliche Verhandlung findet unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Zuhörer und Medienvertreter müssen vor Betreten des Saales IV im Landgericht eine Kontrollschleuse durchlaufen. Wer in den Gerichtssaal will, wird zuvor abgetastet. Taschen oder Laptops dürfen nicht mitgeführt werden, Mobiltelefone müssen ausgeschaltet bleiben.

Von den 150 Plätzen im Saal sind 48 für Medienvertreter reserviert. Die 100 Plätze für Zuhörer werden am jeweiligen Verhandlungstag nach Reihenfolge des Eintreffens vergeben. Der Saal wurde 60 Minuten vor Beginn der Verhandlung geöffnet. Das Interesse ist enorm, weit vor 8 Uhr bildete sich vor dem Landgericht eine lange Schlange in der Freiburger Salzstraße. Deutlich mehr als 100 Menschen warteten geduldig auf Einlass in das Gericht. Um kurz nach 9 Uhr war der Saal gefüllt, die Warteschlange löste sich auf.

In der Warteschlange entrollte rund ein halbes Dutzend AfD-Aktivisten, darunter der stellvertretende Bundesvorsitzende der "Jungen Alternative" (JA) Reimond Hoffmann, ein JA-Plakat mit der Parole "Grenzen schützen – Leben retten". Die Vertreter der JA versuchten, rund 50 Gegendemonstranten mit Rufen wie "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen" zu agitieren. Die Gegendemonstranten trugen Banner wie "Rassismus ist keine Alternative", "Unser Problem heißt Sexismus" und riefen "Haut ab!" und "Ob Pegida oder AfD, stoppt den Rechtsruck in der BRD".

Mit Buhrufen und Pfiffen versuchten die Gegendemonstranten, Videoaufnahmen der JA zu stören. 30 Polizisten hielten die beiden Demonstrantengruppen voneinander getrennt und sicherten den ungehinderten Verkehr der Linie 1. Gegen 9.30 Uhr verließen die AfD-Aktivisten die Innenstadt über die Kaiser-Joseph-Straße mit dem Ziel der Tiefgarage in der Rempartstraße. Etwa 20 Gegendemonstranten verfolgten die Gruppe, die von ebenso vielen Polizisten abgeschirmt wurde.

Große mediale Aufmerksamkeit

Der Fall hatte riesige mediale Aufmerksamkeit erregt, weil ihn die Politik aufgriff. Rechte Populisten versuchten ihn zu instrumentalisieren – aus einem Einzelfall sollte eine Debatte über Flüchtlingskriminalität allgemein werden. Weitere Brisanz bekam der Fall, als sich herausstellte, dass K. zuvor in Griechenland eine schwere Straftat begangen hatte, für die er verurteilt, aber wegen einer Amnestie aus dem Gefängnis entlassen worden war.

Da seine Fingerabdrücke nicht in der europaweiten Datenbank gespeichert waren, bot sich für K. ein Schlupfloch: Bei der Einreise in Deutschland fiel weder auf, dass er schon in ein europäisches Land eingereist war, noch, dass er bereits ein Verbrechen begangen hatte.

Die Frage nach dem Alter des Angeklagten

Im Verfahren vor der Jugendkammer in Freiburg wird es auch um das tatsächliche Alter des Angeklagten gehen. Hussein K. hatte im Asylverfahren sein Alter mit 17 Jahren angegeben. Zwei nach der Tat angefertigte Gutachten gehen jedoch davon aus, dass der Tatverdächtige mindestens 22 Jahre alt ist.

Drei Sachverständige sollen am sechsten Verhandlungstag zur Altersbestimmung vernommen werden. Die Staatsanwaltschaft hat sich bemüht, Dokumente über den Angeklagten aufzuspüren. Ermittelt wurden unter anderem im Iran, wo Hussein K. vor seiner Flucht nach Europa lange gelebt haben soll. Das Alter wird eine entscheidende Rolle beim Strafmaß spielen.
Kurz-Chronik des Falls Maria L.

  • 16. Oktober 2016: Die 19 Jahre alte Maria L. wird am Morgen tot in der Dreisam hinter dem Stadion des SC Freiburg gefunden. Die Obduktion in der Rechtsmedizin ergibt, dass sie vergewaltigt wurde, als Todesursache wird ertrinken festgestellt.
  • 26. Oktober: Die Polizei gibt bekannt, dass an der Leiche der Studentin DNA-Spuren einer männlichen Person festgestellt worden sind. Es werden DNA-Proben bei Männern erhoben, die nachweislich in Kontakt mit Maria L. standen. Ohne Ergebnis.
  • 4. November: Der Abgleich von DNA-Spuren, die an der Leiche gefunden worden sind mit der bundesweiten DNA-Datenbank des Bundeskriminalamts (BKA) bleibt erfolglos.
  • 8. November: Die Polizei bestätigt, dass die männliche DNA an einem herrenlosen Fahrrad identisch ist mit dem Genmaterial an der Leiche.
  • 18. November: Spürhunde verfolgen eine Geruchsspur vom Tatort bis in einen Uni-Hörsaal der Biochemie. Studenten geben freiwillig Speichelproben ab, ohne DNA-Treffer.
  • 3. Dezember: Die Polizei gibt die Verhaftung des afghanischen Flüchtlings Hussein K. bekannt. Ein auffällig blond gefärbtes Haar hat den mutmaßlichen Täter verraten. Es war am Tatort gefunden worden. Die Auswertung von Überwachungskameras in der Straßenbahn führte auf seine Spur.
  • 13. Dezember: Ermittler gehen Hinweisen nach, wonach der Verdächtige 2014 auf der griechischen Insel Korfu zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war, weil er eine Studentin eine Steilküste hinabgeworfen haben soll. Dies wird später bestätigt.

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