Gerichtsprotokoll

Fall Maria H.: Stiefsohn des Angeklagten sagt vor Gericht aus

Carolin Buchheim

Am dritten Tag im Prozess um die jahrelang verschwundene Maria haben ihre Mutter, eine Freundin Marias sowie der Stiefsohn des Angeklagten ausgesagt. Eine Vernehmung der Tochter war nicht möglich.

Der Verhandlung gegen Bernhard H. ist für heute beendet. Sie wird am Donnerstag, 23. Mai 2019 fortgesetzt.

Aussage des Stiefsohns von Bernhard H.

15.05 Uhr: Der Vorsitzende Richter Arne Wiemann informiert darüber, dass eine Vernehmung der Tochter nicht möglich war. "Sie ist kollabiert und wird im Sanitätsraum behandelt", sagt der Richter. Die Frau werde sich in medizinische Behandlung begeben, damit geklärt werde, wann und wie sie aussagen könne.

Nächster Zeuge ist der Stiefsohn des Angeklagten, C.. C. ist der Sohn von Bernhard Hs. Ex-Frau und nicht mit ihm verwandt oder verschwägert, C. wurde von ihm nicht adoptiert. "Ich habe es zuhause mit ihm nicht ausgehalten", sagt C., er sei mit dem Angeklagten nicht klar gekommen. Der Vorsitzende Richter fragt, ob es Auffälligkeiten im sexuellen Bereich gab. Einen ersten Vorfall habe es gegeben, als der Zeuge etwa 15 Jahre alt gewesen sei. "Da habe ich eine CD mit kinderpornographischen Fotos bei ihm gefunden", sagt C.. Er habe dies damals auch seiner Mutter gesagt. Bernhard H. habe behauptet, er habe die Bilder wegen Recherchen seiner Partei besessen. Zu einem weiteren Vorfall will der Zeuge nicht in der Öffentlichkeit aussagen. Er beantragt den Ausschluss der Öffentlichkeit, Staatsanwältin Novak unterstützt das. Die Kammer zieht sich zur Beratung zurück.

15.30 Uhr: Die Öffentlichkeit wird für den weiteren Verlauf der Vernehmung ausgeschlossen.

Aussage von Marias Freundin M.

11.10 Uhr : Zweite Zeugin ist M., die 2012 nach eigener Einschätzung Marias beste Freundin war. "Sie wollte damals weg von zuhause", sagt die heute 19-Jährige, sie habe viel Zeit woanders verbracht. Der Vorsitzende Richter Arne Wiemann will wissen, wann sie vom Kontakt zwischen Maria und Bernhard H. erfahren habe. M. antwortet, das sei gewesen, als Maria 11 war. Der Kontakt sei durch Marias Mutter unterbunden, aber ein Jahr später wieder aufgenommen worden. Dass die Polizei involviert war, wusste M. nicht.

"Sie hat ihn vielleicht auch als Vaterfigur gesehen." Zeugin M.
Sie habe gewusst, dass Maria und Bernhard H. chatteten und sich trafen. Ihr sei Bernhard H. auch "ein oder zwei Mal" begegnet. Die Beziehung sei "krass" gewesen. "Sie hat ihn vielleicht auch als Vaterfigur gesehen", sagt M., auch wenn die Freundinnen darüber nicht gesprochen hätten. "Mir kam Bernhard H. nicht so vor, als würde er sie bedrängen." Die Mädchen hätten im Gespräch Bernhard H. damals "der Lisa" oder "der Ella" genannt.

Der Vorsitzende Richter trägt der Zeugin ihre Aussage aus dem Jahr 2012 vor. Damals hatte sie ausgesagt, Bernhard H. habe Maria seine Liebe gestanden, sie hingegen würde ihn nur mögen. Viele Antworten für den Richter hat die Zeugin nicht. An Details der Treffen erinnert sie sich nicht, weder an Orte, noch an deren Ablauf oder daran, ob Bernhard H. und Maria Körperkontakt hatten. "Ich will nichts Falsches sagen", sagt sie mehrfach.

"Ich bin weg." Marias Nachricht an M.
Dann geht es um den Tag des Verschwindens. "Ich wusste, dass sie weg war, als sie weg war", sagt die Zeugin. Gegen 23 Uhr hätten sie Nachrichten ausgetauscht. "Ich bin weg", hätte Maria geschrieben. Kontakt hätten die Mädchen während der Abwesenheit nicht gehabt. Auch heute hätten sie keinen Kontakt mehr. Nach dem Verschwinden hätte M. der Mutter von Maria gesagt, dass Maria mit Bernhard H. abgehauen sei. "Ich hatte Angst, dass man mich mitbeschuldigt", sagt die junge Frau. "Ich wollte nicht, dass man mir vorwirft, ich hätte das unterstützt."

In den Tagen vor dem Verschwinden habe Maria im Hotel in Freiburg bei Bernhard H. übernachtet. Über Details der Übernachtungen habe Maria nicht geredet. Ein, zwei Monate zuvor hätte sie allerdings einmal mit Maria einen Schwangerschaftstest gekauft und durchgeführt. Warum dieser notwendig gewesen sei, hätten die Mädchen nicht besprochen, beziehungsweise M. könne sich nicht erinnern. Sie hätte nicht wirklich darüber nachgedacht, dass die Beziehung auch eine sexuelle Komponente haben könne.

Zuhause habe Maria sich nicht wohl gefühlt. Die Mutter sei streng gewesen, habe Sachen verboten, sagt die Zeugin. "Heute würde man sagen: vielleicht auch berechtigt."

Richter Teubner appelliert an ihr Erinnerungsvermögen. "Das war aber doch sicher auch für Sie damals etwas besonders", sagt der Richter. "Das klingt zwar hart, aber mein Leben ist seitdem weitergegangen", sagt die Zeugin.

Bei Nachfragen von Monikas H.s Anwalt Winfried Jörissen geht es noch mal darum, ob die Zeugin wusste, das es eine sexuelle Beziehung gab. Er spricht an, dass die Zeugin über Übernachtungsbesuche log, damit Bernhard H. und Maria sich treffen konnten. "Mir war nicht klar, dass sie Sex mit ihm hatte", sagt sie. "Aber der Gedanke war schon da."

Verteidiger Stefan Althaus will mehr über die Situation in der Familie wissen. "Wir haben Freizeit zusammen verbracht, zu dritt", sagt Bernhard H.. Dann unterbricht ihn Richter Wiemann. "Fragen, Herr H.!" "Sie haben Maria so megahübsch die Haare frisiert, als wir in die Weinberge gefahren sind", sagt der Angeklagte. "Das können Sie nicht vergessen haben!"

Vor der Mittagspause informiert Richter Wiemann, dass für die für den Nachmittag geplanten Aussagen der Ex-Frau des Angeklagten und seiner Tochter Anträge auf Ausschluss der Öffentlichkeit gestellt worden sind. Ex-Frau und Tochter würden bei einer öffentlichen Aussage von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Die Kammer zieht sich für die Beratung kurz zurück, kommt nach wenigen Minuten wieder in den Saal: Für beide Aussagen wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Im Fall der Ex-Ehefrau werde die Aussage möglicherweise höchstpersönliche Lebensbereiche tangieren. Im Falle der Tochter werde es auch um einen möglichen sexuellen Übergriff im Kindesalter durch den Angeklagten gehen.
Öffentlich wird die Sitzung erst wieder gegen 15 Uhr, wenn der Stiefsohn des Angeklagten aussagen soll.

Aussage von Marias Mutter Monika B.

9 Uhr: Der dritte Prozesstag beginnt mit der Aussage von Maria H.s Mutter Monika B.. Für ihre Vernehmung bleibt B. auf ihrem Platz auf der Nebenklägerbank sitzen. Die Familie sei 2012 eine normale Familie gewesen, erzählt B., als im Frühsommer die Kripo ins Haus gekommen sei. Dass Maria mit einem älteren Mann in Kontakt stand, habe sie nicht gewusst oder bemerkt. Bernhard H. habe Maria angewiesen, Chatverläufe zu löschen. Sie habe ihrer Tochter Telefon und Internet weggenommen und gedacht, damit sei die Sache erledigt und ihr bald wieder erlaubt, bei Freundinnen zu übernachten. B. schildert dann das Verschwinden ihrer Tochter an einem Wochenende Anfang Mai 2013.

Maria habe angegeben, bei einer Freundin zu übernachten, doch beim Anrufen bei deren Eltern entpuppte sich das als gelogen. Sie habe immer wieder mit ihrer Tochter telefoniert, und versucht, sie dazu zu bewegen, nach Hause zu kommen, sie angewiesen, ein Taxi zu rufen. Doch die Familie habe vergeblich auf sie gewartet. Dann habe sie die Kripo alarmiert.

Dass Berhard H. involviert sei, habe sie zunächst nicht für möglich gehalten. Am nächsten Tag hätten Freundinnen Maria gesucht. Am Mittag sei dann die Freundin M. gekommen und habe gesagt: "Der H. hat Maria." In den folgenden Tagen habe die Freundin M. immer wieder unterschiedliche Angaben gemacht, bis sie schließlich Passwörter und Logins verraten hätte und die Familie daraufhin alle Chats und E-Mails gelesen hätte.

"Und dann gucke ich die Bilder so lange an, bis es Maria ist." Monika B.
B. spricht leise, schnell, gefasst und mit weichem badischem Dialekt. Maria H. sitzt neben ihrer Mutter, als diese über die Suche nach ihr spricht, den privaten Facebook-Fahndungsaufruf, den Verlauf der polizeilichen Ermittlungen. Immer wieder habe sie Bilder bekommen, von Menschen, die meinten Maria, gesehen zu haben, etwa auf Bermuda. "Und dann gucke ich die Bilder so lange an, bis es Maria ist", sagt sie. Alle Familienmitglieder hätten unter dem Verschwinden der Tochter gelitten. Die Hoffnung, dass die Tochter zurückkäme, habe sie nicht aufgegeben. Nie gedacht, ihre Tochter sei tot. "Vielleicht habe ich mir das auch verboten."

Dann kommt Monika B. auf den 31. August 2018 zu sprechen – den Tag der Rückkehr. In der Nacht habe erst das Handy geklingelt und sie habe es ignoriert, dann habe es an der Tür geklingelt. Eine Frau habe an der Tür gestanden und gesagt: "Die Maria ist im Auto." Das Wiedersehen sei herzlich gewesen, die Erleichterung groß. Maria habe die ganze Nacht erzählt, sie habe ihr alles geglaubt. "Das ist schon eine Nummer, nach fünf Jahren wieder nach Hause zu kommen, ich hatte das Gefühl, das war eine Erleichterung", sagt die Mutter.

"Ich glaube, das war ein Fluchtreflex. Es wäre dann ja alles rausgekommen." Monika B.
"Was waren die Gründe, mit Herrn H. mitzugehen?", fragt Richter Arne Wiemann. "Ich glaube, das war ein Fluchtreflex", sagt die Mutter. "Es wäre dann ja alles rausgekommen." Es sei eine Kurzschlussreaktion gewesen, ohne Geld und Ausweis abzuhauen. Sanft aber bestimmt fragt Wiemann nach, warum die Abwesenheit so lange gedauert habe. "Sie hat sich in Verantwortung gefühlt", sagt die Mutter. "Sie wollte flüchten, er ist mitgegangen." Das Verantwortungsgefühl habe Maria auch jetzt noch nicht abgelegt, lange für ihn gelogen, auch gesagt, dass sie nicht aussagen müsse, wenn sie behaupte, mit ihm verlobt zu sein. "Jetzt meint sie, das sei alles ihre Schuld."

Bernhard H., in Jogginghose und Kapuzenpulli, hört auf der Anklagebank aufmerksam der Aussage der Mutter zu, macht sich Notizen.

Dann befragt Staatsanwältin Nikola Novak Monika B.. Sie will wissen, wie die Mutter 2012 reagiert habe, als die Kripo sie über Bernhard H. informiert habe. Man habe Kontakt mit einer Beratungsstelle in Freiburg aufgenommen und Maria habe gesagt, sie habe ihn einfach mal sehen wollen, aber "der ist ganz alt und hat einen ganz dicken Bauch", sie habe danach keinen Funken eines Verdachts mehr gehabt.

"Da habe ich das Gefühl gehabt, es hat angefangen, sich zu drehen." Monika B. über den auf dem Fall basierten Tatort
Dann kommt Novak auf die Rückkehr von Maria zu sprechen. Die Mutter erzählt, man habe versucht, ihr schnell Routinen zu verschaffen, aber es sei nicht einfach gewesen. Die erste Woche habe Maria gelogen, ein Leben in Mailand erfunden und behauptet, der Kontakt mit H. sei schon in Polen abgebrochen. Erst als Bernhard H. festgenommen worden sei, habe Maria begonnen, die Wahrheit zu erzählen. Das Wiedereingewöhnen sei durch eine Art nachgeholte Pubertät geprägt gewesen, der Tochter fehlten soziale Kompetenzen. "Da ist sie wie eine 13-Jährige, ihr fehlt die Erfahrung." Vor ihrem Verschwinden sei Maria zurückhaltend gewesen, habe Angst gehabt, Leuten "auf den Schlips zu treten".

Novak will wissen, ob Maria noch immer meine, sie trage die Schuld am Verschwinden mit Bernhard H.. Die Mutter erzählt, dass Maria vor einigen Wochen den Tatort geschaut habe, der auf ihrem Fall basiert. "Da habe ich das Gefühl gehabt, es hat angefangen, sich zu drehen", sagt B.; Maria habe Flashbacks gehabt, sei außer sich gewesen. "Das so von Außen zu betrachten, hat was bei ihr verändert."

Marias Anwältin will von der Mutter mehr über Marias Schuldverständnis wissen – ob sie etwa wisse, dass sie ein Kind gewesen sei, Bernhard H. aber ein Erwachsener. Die Mutter sagt, dem sei noch immer nicht so. Nach der Rückkehr sei Maria etwa verwundert gewesen, dass sie nicht von der Polizei mitgenommen wurde, so Monika B., sie sei doch schuld.

"Es gab meist nur Wasser und Brot, manchmal mit Wein vermischt." Monika B.
Mit Verweis auf Marias Aussage fragt Novak die Mutter über Marias Essverhalten: "Es gab meist nur Wasser und Brot, manchmal mit Wein vermischt", sagt die Staatsanwältin. "Wie ist es jetzt mit dem Essen?" Das sei noch schwierig, sagt B., Marias Verhalten ähnele dem von B.s Großmutter, die den Krieg erlebt habe. "Sie kann nichts wegwerfen, und man muss sie abhalten, schlecht gewordenes Essen noch zu essen."

In Bezug auf ihren eigenen psychischen Zustand sagt Monika B., sie habe erwartet, dass alles leichter würde, wenn die Tochter wieder da sei, aber jetzt komme alles erst recht hoch. Belastend gewesen sei auch, dass ihre Töchter mit einem Blogger gesprochen und behauptet hätten, es habe interfamiliäre Konflikte gegeben. Gegen den Blogger liege ein Urteil des Amtsgerichts vor.

Stephan Althaus, Verteidiger von Bernhard H., stellt Fragen zur Situation der Familie, spricht das Sorgerecht, Heimaufenthalte von Marias Geschwistern an und deren Verhalten während Marias Abwesenheit. Eine Schwester "habe sich einreden müssen, dass es zuhause so schlimm sei,", sagt Monika B. "Anders habe sie sich nicht erklären können, warum Maria weg sei."

Auch Bernhard H. will Fragen stellen. "Nur Fragen, Herr H., keine Erklärungen", ermahnt der Vorsitzende Richter den Angeklagten. "Haben Sie den Hund aus Sizilien bei sich aufgenommen?", will er wissen. "Ja." "Danke", sagt Bernhard H.
Rückblick

Es ist der dritte Verhandlungstag in dem Prozess, der vergangene Woche begonnen hat. Angeklagt ist der 58-jährige Bernhard H. aus Blomberg in Nordrhein-Westfalen. Ihm werden Kindesentführung und sexueller Missbrauch zur Last gelegt. Ein Urteil soll es Ende Juni geben.

Der Mann war laut Anklage im Mai 2013 mit der damals 13-jährigen Maria H. aus Freiburg ins Ausland geflüchtet, ohne dass deren Eltern von dem Plan wussten oder einverstanden waren. Er soll das Mädchen in mehr als 100 Fällen sexuell missbraucht haben. Nach der Rückkehr Marias im vergangenen August wurde der Mann in Italien festgenommen. Maria und ihre Mutter sind Nebenklägerinnen in dem Prozess.

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