Fragen und Antworten

Fall Carolin G.: Was wir wissen – und was nicht

Gina Kutkat

Die 40-köpfige Sonderkommission "Erle" arbeitet intensiv an dem Fall der getöteten Joggerin Carolin G. aus Endingen. Wir haben die wichtigsten Fakten und Fragen zusammengetragen.

Seit vergangenem Freitag, 11. November, herrscht Gewissheit: Carolin G. aus Endingen, die am 6. November ihr Haus in Endingen zum Joggen verließ, wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Die Leiche der 27-Jährigen war am Donnerstag, 10. November, gefunden worden. Seitdem arbeitet die 40-köpfige Sonderkommission "Erle" mit Hochdruck an dem Fall und geht mehr als 300 Hinweisen nach. Die Spurensuche am Fundort der Leiche ist am Dienstagabend beendet worden. Die Untersuchungen des gesicherten Spurenmaterials dauern noch an.


Polizeisprecher Walter Roth warnt vor voreiligen Schlussfolgerungen. Medien hatten zuvor das Gerücht gestreut, in Südbaden sei ein Serienmörder unterwegs. Im Internet wurden die Fälle aus Endingen und Freiburg mit denen aus Emmen in der Schweiz und Überlingen am Bodensee in Verbindung gebracht.

Kein Zusammenhang zu Fall in der Schweiz

Bereits Ende Oktober kam heraus, dass es zwischen dem Fall Maria L. und einer Vergewaltigung im schweizerischen Emmen keinen Zusammenhang gibt, da der DNA-Abgleich negativ ausfiel. Die Schweizer Polizei hatte in einer Pressemitteilung an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY … ungelöst" trotzdem erneut darauf hingewiesen. Der Sender korrigierte dies später.

Noch immer sind im Fall Carolin G. viele Fragen offen: Wurden verwertbare DNA-Spuren am Tatort gefunden? Wie sah der Tathergang aus? War Carolin G. ein Zufallsopfer oder war die Tat geplant?

Was wir wissen

  • Ein Leichenspürhund fand am Donnerstag, 10. November, kurz vor 15 Uhr die Leiche von Carolin G. in einem Waldstück zwischen Endingen und Bahlingen.
  • Die 27 Jahre alte Frau wurde Opfer einer Sexualstraftat, das ergab die gerichtsmedizinische Untersuchung.
  • Die Obduktion hat Spuren einer vorsätzlichen Tötung gezeigt. Die Polizei spricht davon, dass die Tat absichtlich verübt wurde. Ob die Tat geplant war, ist derzeit unklar.
  • Carolin G. verließ am Sonntag, 6. November, gegen 15 Uhr ihr Haus im Endinger Stadtgebiet, um joggen zu gehen. Kurz bevor sie losging, entstand ein Foto von ihr in ihrem Joggingoutfit.
  • Laut Polizei hatte sie das Handy beim Joggen dabei. Orten ließ es sich im Zuge der Suche nicht. Gibt es auf dem Handy weitere Spuren? Nutzte sie beispielsweise eine Laufapp, anhand derer ihre Laufstrecke rekonstruiert werden kann? Weitere Informationen hält die Polizei bewusst zurück.
  • Mehrere Augenzeugen haben die Joggerin am Sonntag im Bereich der Stadthalle in Richtung "Bahlinger Weg" gesehen. Ein weiterer Zeuge gab am Mittwoch den entscheidenden Hinweis, er habe Carolin G. auf einer Laufstrecke zwischen Endingen und Bahlingen in der Nähe des Bestattungswaldes gesichtet.
  • Das Wetter in Endingen war am Sonntagnachmittag, als Carolin G. zum Joggen aufbrach, durchwachsen. Die Wetterstation in Eichstetten/Bötzingen verzeichnet für Sonntag, 15 Uhr, eine Temperatur von 5,3 Grad bei 0,2 Litern Niederschlag pro Quadratmeter. Die Luftfeuchtigkeit lag bei 99 Prozent. Am Donnerstag, dem Tag des Leichenfunds, fielen in der Summe 7,3 Milliliter Regen pro Quadratmeter mit einer durchschnittlichen Temperatur von 6,8 Grad.
  • Carolin G. trug am Tag ihres Verschwindens eine schwarze, lange und enganliegende Laufhose (Lauftights/Leggings), ein schwarzes Stirnband, lila oder türkisfarbene Jacke sowie blaue Laufschuhe. Die sportliche Frau hatte keine bevorzugte Laufstrecke.
  • Carolin G. war 27 Jahre alt, lebte in Endingen, war verheiratet und stammte ursprünglich aus Oberrotweil. Sie war bis zum Sommer 2014 aktive Spielerin des SV Gottenheim und spielte dort in der ersten Mannschaft des Verbandsligateams.

Was wir nicht wissen

  • Wann und wie wurde Carolin G. getötet? Die Polizei macht dazu aus ermittlungstaktischen Gründen noch keine Angaben.
  • Genauso bedeckt hält sich die Polizei in Bezug auf die sogenannte Auffindesituation: War das Opfer bekleidet, hatte sie ihr Handy noch bei sich? Unbestätigt ist auch, ob der Fundort der Leiche auch der Tatort war.
  • Der genaue Tathergang ist genauso unklar: Hat der Täter Carolin G. verfolgt, hat er sich im Wald versteckt und ihr so aufgelauert? War er eventuell mit dem Fahrrad oder Auto unterwegs? "Das ist Täterwissen", sagt die Polizei – und macht deswegen keine genaueren Angaben.
  • Gibt es Parallelen zu weiteren Fällen? Gerüchte über einen Serientäter verbreiteten sich in den letzten Tagen. Boulevardmedien brachten insgesamt vier Fälle in Zusammenhang – ohne jegliche Beweisgrundlage: Die Fälle aus Endingen und Freiburg sowie einen Schweizer Fall und einen aus Überlingen am Bodensee. Den Ermittlern der Soko "Erle" sind die anderen Fälle bekannt. Bislang gebe es im Fall Carolin G. keine Hinweise auf Verbindungen zu anderen Fällen, so Polizeisprecher Walter Roth. Bereits vor zwei Wochen wurden die DNA aus Freiburg und Emmen in der Schweiz abgeglichen – ohne Übereinstimmungen.
  • Gibt es verwertbare Spuren wie beispielsweise die Täter-DNA? Am Dienstagabend haben die Kriminaltechniker ihre Spurensuche an der Leichenfundstelle abgeschlossen. Ebenso beendet wurden die damit einhergehenden Suchmaßnahmen im engeren und weiteren Bereich des Fundortes. Die Absperrungen in dem Gebiet wurden aufgehoben. Mit konkreten Ergebnissen der Untersuchungen wird erst in den nächsten Tagen gerechnet.
  • Spielt der weiße BMW eine Rolle? In den sozialen Netzwerken machte eine Polizeimeldung vom 20. Oktober die Runde, in der von einem weißen BMW mit vermutlich französischem Kennzeichen die Rede ist. Der Fahrer des BMWs hatte bereits am 14. Oktober eine 18-jährige Frau durch Oberrottweil bis nach Bickensohl verfolgt. Die Polizei bestätigt, dass sie dieser Spur bereits nachgegangen seien und die Personalien des Fahrers aufgenommen hätten.


Die Polizei richtet sich mit folgenden Fragen an die Bevölkerung:
  • Wer hat Carolin G. am Sonntag, 6. November 2016, nach 15 Uhr gesehen?
  • Wer hat am Sonntag, 6. November 2016, oder in den Tagen zuvor im Bereich der Verbindungswege in den Weinbergen zwischen Endingen und Bahlingen verdächtige Personen oder Fahrzeuge gesehen?
  • Wer hat sonstige verdächtige Beobachtungen gemacht?
  • Wer kann sachdienliche Hinweise jeglicher Art geben, die mit dem Verbrechen in Zusammenhang stehen könnten?
  • Zeugen werden gebeten, sich an das Kriminalkommissariat Emmendingen, 07641/582-200 zu wenden.

Täterwissen

Im Fall der getöteten Carolin G. hält die Polizei viele Informationen bewusst zurück. Als Argument wird oft das sogenannte Täterwissen angeführt. Dieser Begriff stammt aus der Kriminalistik und bezeichnet ein Wissen, welches ausschließlich der Täter oder die Täterin haben kann. Würde die Polizei die Öffentlichkeit über alle Details der Tat informieren, könnte ein Verdächtiger im Verhör später sagen, dass er die verräterischen Details aus Zeitung und Internet kennt. Es würde dann keine Unterscheidung mehr zwischen allgemeinem und Täterwissen geben. Umgekehrt kann ein Verdächtiger überführt werden, wenn er Details ausplappert, die nur die Polizei kennt – und eben der Täter selbst. In vielen Fällen erspart das der Polizei bekannte Täterwissen viele Monate an Ermittlungsarbeit oder führt überhaupt erst zur Aufklärung.

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