Endingen

Fall Carolin G.: Neuester Stand der Ermittlungen

Martin Wendel

1700 Hinweise und Spuren und rund 2600 befragte Personen: Doch einen Hinweis auf den Täter gibt es auch fast zehn Wochen nach dem Mord an Carolin G. aus Endingen nicht.

Die Auswertung der möglichen Spuren im Labor des Landeskriminalamtes kann laut Polizei noch Wochen dauern. Geklärt ist inzwischen die Identität des jungen Mannes in Baggy-Jeans. Er kommt laut Polizei nicht als Tatverdächtiger in Frage, konnte aber auch als Zeuge nicht weiterhelfen.


Akribie und Geduld sind gefragt bei der Arbeit der rund 40 Ermittler der Sonderkommission im Kriminalkommissariat in Emmendingen und ihren Kollegen im Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes (LKA) in Stuttgart. "Die Spurenlage ist komplex", betont Polizeisprecher Walter Roth im BZ-Gespräch. Systematisch arbeiten die Kriminaltechniker alles ab, was die Ermittler am Fundort der Leiche in den Weinbergen zwischen Endingen und Bahlingen gesichert haben. Wie weit diese Arbeit inzwischen vorangeschritten ist, lasse sich aber nicht beziffern. Roth: "Das kann noch etliche Wochen dauern."

Hoffen auf Anruf vom LKA

Wenn in den ersten Wochen zu ungewöhnlichen Uhrzeiten plötzlich das Handy klingelte, habe man gedacht, das könnte jetzt der entscheidende Anruf der LKA-Techniker sein, erzählt der Polizeisprecher. Das hat sich mit der Zeit gelegt, doch der Anruf kann jederzeit kommen. Und nicht nur die Mitarbeiter der Soko "Erle" hoffen darauf, dass dieser Anruf möglichst bald erfolgt.

Gesamtbild fast lückenlos

Auch wenn konkrete Hinweise auf den Täter nach wie vor fehlen, machen die Ermittler Fortschritte. "Wir glauben, dass wir so gut wie alle, die in der fraglichen Zeit im Bereich zwischen Endingen und Bahlingen unterwegs waren, in irgendeiner Art erreicht haben", erklärt Roth. Drei Hinweise blieben beim Abgleich der Zeugenaussagen und der Erstellung des angestrebten Gesamtbildes vom Geschehen am Tattag im Gebiet in den Rebbergen südöstlich von Endingen offen: Deshalb ging die Polizei unmittelbar vor Weihnachten mit einem erneuten Zeugenaufruf an die Öffentlichkeit. Gesucht wurden Hinweise auf ein graues oder weißes Auto mit Schweizer Kennzeichen, einen jungen Mann mit Baggy-Jeans und ein silberfarbenes Auto mit offener Heckklappe, das beim Bestattungswald abgestellt war und laut Roth nach wie vor nicht identifiziert ist.

Mutter identifizierte ihren Sohn

Im Fall des beschriebenen jungen Mannes brachte der Aufruf die Polizei weiter, denn die Mutter des Jugendlichen meldete sich bei der Polizei. "Der junge Mann ist identifiziert", betont Polizeisprecher Roth. Er komme nicht als Tatverdächtiger in Frage, habe als Zeuge aber keine weiterführenden Hinweise geben können.

Diverse Hinweise, vereinzelt auch aus der Schweiz, gingen laut Roth nach dem gezielten Zeugenaufruf in der Schweiz Anfang Januar bei der Soko "Erle" ein. Allerdings habe sich dabei keine brauchbare Spur ergeben. Roth betont, der Zeugenaufruf in der Schweiz habe nichts mit einem Sexualverbrechen vom Juli 2015 im Kanton Luzern zu tun. Diesen Fall hatten Schweizer Medien mit dem Mordfall Maria L. in Freiburg in Verbindung gebracht, doch ein DNA-Abgleich ergab keinen Zusammenhang. Ein solcher sei auch mit dem Fall Carolin G. nicht erkennbar, so der Polizeisprecher.

Ermittlungen in alle Richtungen

Die Schwierigkeit im Fall der getöteten Joggerin ist, dass nach wie vor in alle möglichen Richtungen ermittelt wird.

Eine "Beziehungstat" könne nach wie vor nicht völlig ausgeschlossen werden, betont Roth. Von einer "Beziehungstat" spricht man dann, wenn Täter und Opfer sich kannten. Wie eng dieses Verhältnis war, spielt dabei zunächst keine Rolle.

Intensiv geprüft wird laut Roth auch die Frage, ob Hussein K., der mutmaßliche Mörder der Studentin Maria L. in Freiburg, auch Carolin G. getötet haben könnte. Ein DNA-Abgleich scheitert daran, dass im Endinger Fall noch kein dem Täter zuzuordnendes Genmaterial gefunden wurde. Roth zufolge gibt es auch keine subjektive oder objektive Verbindung von Hussein K. nach Endingen. Es gebe keinerlei Hinweise von Zeugen, wonach der mutmaßliche Mörder von Maria L. in Endingen oder der Umgebung gesehen worden wäre. Ausschließen könne man dies aber nicht.

Parallelen und Unterschiede

Dass es zwischen den Tötungsdelikten in Freiburg und Endingen gewisse Parallelen gibt, bestätigt der Polizeisprecher. Beide Opfer seien Frauen, beide Taten geschahen im "öffentlichen Raum", also beispielsweise nicht in einer Wohnung. Beide Frauen wurden vergewaltigt und getötet. All dies lasse aber nicht die Aussage zu, dass beide Taten vom selben Täter begangen wurden, unterstreicht Roth. Denn es gebe auch klare Unterschiede.

Denkbar ist aber auch, dass Carolin G. von jemandem vergewaltigt und ermordet wurde, der zuvor keinerlei Beziehung zum Opfer hatte.

Eine Vergewaltigung bedeutet im Übrigen nicht zwangsläufig, dass die Ermittler beispielsweise Spermaspuren finden. So ließe sich vergleichsweise einfach potenzielle Täter-DNA finden. Roth: "Im juristischen Sinne kann eine Vergewaltigung auch ohne Geschlechtsverkehr vollendet sein."

"Klares Bild vom Ablauf"

Aufgrund der bisherigen Ermittlungen habe die Polizei inzwischen ein "relativ klares Bild vom Ablauf", erklärt Roth. Der Täter habe Carolin G. vergewaltigt und anschließend gezielt getötet. Allerdings machten der Auffindeort, die schwierige Spurenlage und die vielen möglichen Ermittlungsrichtungen den Fall ziemlich komplex. Deshalb sei man bei der Soko dankbar für Unterstützung. Die kam und kommt von Spezialisten und erfahrenden Kriminalisten.

Die Arbeit der Profiler

Parallel zur Arbeit der Sonderkommission nahmen zwei Teams der Operativen Fallanalyse aus Stuttgart und München die Faktenlage genau unter die Lupe. Fallanalytiker, auch "Profiler" genannt, arbeiten die objektiven Daten der Ermittlung ganz bewusst mit einer gewissen Distanz systematisch nach einem bestimmten Raster ab, bewerten Aussagen und Spuren. Sie zerlegen die vorliegenden Informationen zur Tat und versuchen, anhand der bekannten Fakten Rückschlüsse auf das Verhalten und die Person des Täters zu ziehen. Am Ende ihrer Arbeit stehen Hypothesen zu Tat und Täter, die der Soko möglicherweise neue Ermittlungsansätze liefern. Wertvoll sei auch die Unterstützung des Beraterteams aus erfahrenen Soko-Leitern und Kriminaltechnikern und deren Blick von außen auf die Arbeit der Soko, betont Roth.

Wechsel im Soko-Team

Aktuell arbeiten in der Soko "Erle" noch Kollegen von Polizeipräsidien aus anderen Landesteilen mit. Kommende Woche werden einige von ihnen von einem Team aus Offenburg abgelöst. So mancher Kollege müsse nach intensivster Arbeit einfach mal raus aus der Sache, erläutert Polizeisprecher Roth, auf andere warte an ihrem Arbeitsplatz wichtige Arbeit. Die "Neuen" werden intensiv in den Fall eingearbeitet.

Motivation und Akribie

Frust, weil man den Täter noch nicht ermittelt habe, gebe es bei den Kollegen nicht, unterstreicht der Polizeisprecher. Die Arbeit in der Soko sei vielmehr von höchster Motivation aller Kollegen geprägt. Jeder mache professionell, konzentriert und akribisch seine Arbeit in dem Bestreben, den entscheidenden Hinweis zu finden. Roth: "Den Zeitdruck, der durch die Erwartungen der Öffentlichkeit entsteht, spüren die einzelnen Teams nicht."

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