Fall Biesen: Angeklagter muss dauerhaft in Psychiatrie

Philip Hehn

Der Mann, der Hartmut Biesen im Januar 2009 auf dem Schlossberg mit einem Stein erschlug, leidet unter einer paranoiden Schizophrenie und wurde vom Gericht gestern als schuldunfähig eingestuft. Philip berichtet von der Urteilsverkündung im Landgericht und den Details des Tathergangs.



Aufgrund der Einlassungen des Beschuldigten zum Geschehen sind sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung in wesentlichen Punkten einig. Es gehe darum, ein tragisches Geschehen aufzuhellen, so der Verteidiger, an der Grundkonstellation ändere sich nichts. Detailliert wird die teils schwierige Biografie des Beschuldigten rekapituliert. Anhand von Aussagen nicht nur des Beschuldigten, sondern auch des Vaters und der Stiefmutter, der Exfreundin und weiterer Zeugen entsteht ein anschauliches Bild.


Der engagierte, musikalische Junge zerstreitet sich kurz vor dem Abitur mit dem Vater, zieht in eine WG und konsumiert dort, so der Staatsanwalt, „in massivem Ausmaß“ halluzinogene Drogen wie LSD und Pilze. Trotzdem schließt er eine Lehre zum Zahntechniker ab.

Zunehmend habe sich die Erkrankung des Beschuldigten bemerkbar gemacht. Er fühlt sich zunehmend schnell bedrängt, „kurznervig“, wie es der Beschuldigte nennt, wird dann aggressiv und projiziert seine Aggression auf seine Gegenüber. Er wird massiv tätlich und empfindet sich dabei trotzdem selbst als Opfer. Wegen Körperverletzung und Beleidigung steht er infolgedessen gleich mehrfach vor Gericht, schließlich mit der Auflage, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben.

Auch gegenüber seiner Familie stößt er schriftlich und telefonisch Drohungen aus. Er hört Stimmen und verliert zunehmend den Kontakt zur Realität. Auch nach allem, was passiert ist und obwohl er auf Medikamente gut anspricht, sieht sich der Beschuldigte rückblickend in diesen Situationen immer noch als das Opfer, was als mangelnde Krankheitseinsicht gedeutet wird.

Obwohl er immer wieder therapeutische und psychiatrische Behandlungen beginnt, rutscht der Beschuldigte spätestens seit 2003 zunehmend aus dem bürgerlichen Dasein, die Arbeitsverhältnisse werden kürzer, er reist ohne festen Wohnsitz auf der Suche nach „Wahrheit“ und einem „Leben ohne falsche Kompromisse“ durch Europa, genießt die Natur, fühlt sich aber einsam. Schließlich lebt er auf der Straße, wobei er penibel darauf achtet, dass ihm das an der Kleidung und am Erscheinungsbild nicht anzusehen ist.

Zur Klärung des genauen Tathergangs musste sich das Gericht weitgehend auf die Aussagen des Angeklagten als einzigen Zeugen verlassen. Diese wurden aber vom Gericht aufgrund der großen Menge auch nebensächlicher Details als weitgehend zutreffend akzeptiert – zum Beispiel eine Melodie, die das Opfer summte oder warum Schlüssel und Uhr des Opfers in Mülleimern entsorgt wurden, aber nicht dessen Geldbeutel. Die Einschätzung des Gutachters bestätigte die Meinung des Gerichts.



Frierend, hungrig und ohne die zur Behandlung seiner paranoiden Schizophrenie nötigen Medikamente sei der Angeklagte von dem späteren Opfer auf dem Kanonenplatz sitzend angetroffen worden. Das Opfer habe dem Beschuldigten sexuelle Avancen gemacht, wodurch sich dieser bedroht und erniedrigt gefühlt habe.

Der Beschuldigte, der aufgrund seiner Schizophrenie ohnehin dazu neigt, sich verfolgt zu fühlen, sei dadurch „rechtwinklig“, so die Vorsitzende, also schlagartig, in einen psychotischen Ausnahmezustand versetzt, in dem er in einem „eruptiven Sekundengeschehen“ mit einem Stein auf das Opfer eingeschlagen habe, um die als unerträglich empfundene Bedrohung loszuwerden.

Das Gericht wertet die Tat unter diesen Umständen als Körperverletzung mit Todesfolge und ordnet die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an.

[Fotos: Ingo Schneider, David Weigend]

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