"Faires Verhalten macht sich nicht immer bezahlt"

Elisabeth Jahn & Kathrin Aldenhoff

Ein verstecktes Foul beim Fußball begehen, um ein sicheres Tor zu verhindern. Die Mitschüler anschwärzen, um selbst besser dazustehen. Beim Ausparken ein anderes Auto streifen und davonfahren, um unerkannt zu bleiben. Warum sollten Menschen fair sein, wenn unfaires Verhalten scheinbar mehr Nutzen bringt? Elisabeth Jahn und Kathrin Aldenhoff haben bei dem Soziologen Ueli Mäder nachgefragt.



Herr Mäder, ist Fairness eine angeborene Eigenschaft bei uns Menschen?

Ueli Mäder: Menschen sind soziale Wesen. Wenn wir auf die Welt kommen, realisieren wir, dass andere schon da sind. Das mag vielleicht eine der ersten narzisstischen Verletzungen sein: Wir sind nicht allein. Aber dann realisieren wir, dass wir dank anderer Menschen überleben können. Deshalb habe ich schon den Eindruck, dass es so etwas wie eine Grunderfahrung der Fairness gibt.

Andererseits wird dieses Gebot der Fairness im Leben immer wieder bestraft. Denn die Devise lautet: Sei fein brav, nett und anständig! Doch wenn du dich so verhältst, macht sich das nicht immer bezahlt. Von Kindesbeinen an lernen wir, von den Niederlagen und Schwächen der Anderen zu profitieren. Wenn zum Beispiel die Anderen in der Schule schlechtere Noten bekommen, habe ich später bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Trägt die Erziehung zu fairem oder unfairem Verhalten bei?

Die familiäre, die schulische, aber auch die Sozialisation im öffentlichen Raum ist sicherlich ein wichtiges Moment. Unsere Zugehörigkeiten zu verschiedenen Milieus prägen uns. Auch durch eine sehr autoritäre Erziehung können Haltungen in mir heranwachsen, durch die ich mich später in einer Machtposition missbräuchlich verhalte.

In welchen Situationen verhalten sich Menschen fair?

Die entwickelte Haltung und frühere Erfahrungen spielen eine Rolle. Ich wäre wohl ein paar Mal von der Schule geflogen, wenn nicht ein Lehrer schützend seine Hand über mich gehalten hätte. Das sind Großzügigkeiten, die ich als Fairness erlebt habe und die mein Verhalten geprägt haben. In Situationen, in denen ich selbst entscheiden kann, gebe ich diese positiven Erfahrungen weiter.

Und wann verhalten wir uns – bewusst oder unbewusst – nicht fair?

Es kommt sehr stark auf den Kontext an. Wenn Menschen das Gefühl haben, sie werden auch in anderen Zusammenhängen nicht immer gerecht behandelt, dann ist es verlockend, sich dort, wo die Möglichkeit besteht, kompensatorisch zu verhalten. Wir leben in einer Gesellschaft mit verstärkten Kontrollmechanismen. Das impliziert ein Verhalten, bei dem manche meinen, sich nur noch fair verhalten zu müssen, wenn sie kontrolliert werden. So verkommt faires Verhalten zu einem berechnenden Verhalten. Da geht etwas verloren.

Lohnt sich Fairness denn überhaupt für mich?

Im Grunde existiert keine Alternative. Nehmen Sie den Sport. Kurzfristig macht sich Fairness dort nicht immer bezahlt. Die Mannschaft, die mehr foult, kann situativ Vorteile herausholen. Aber es ist gefährlich, nur auf den kurzsichtigen Nutzen zu schauen. Das erzeugt den Eindruck: Ich muss nachweisen können, dass sich Fairness lohnt. Wenn ich das nicht kann, ist es dann ein Argument auf Fairness zu verzichten? Nein. Fairness ist ein gutes Konzept, das sich nicht nur am unmittelbaren Sein, sondern auch am Sollen orientiert.

Also sollen wir uns im Alltag nun fair verhalten?

Ja, faires Verhalten lohnt sich. Wer sich selbst in die Augen schauen kann, lebt besser.

Mehr dazu:



fudder.de:
Warum wünschen wir uns Fairness?