Fahrrad-Demo: Mit dem Drahtesel gegen Fessenheim

Konstantin Görlich

Am Sonntag machten sich etliche wackere Radler auf, um gegenüber von Fessenheim gegen Fessenheim zu demonstrieren. Ob Fahrrad oder Auto, Deutscher oder Franzose, alt oder jung, Gau oder Castor - Atomkraft überwindet Grenzen. Fudder-Autor Konstantin ist mitgeradelt.



Es ist das älteste und wahrscheinlich auch das störanfälligste Atomkraftwerk, das Frankreich anzubieten hat: Fessenheim. Dank Westwindzone und Grenznähe weht das meiste, was die Anlage im Falle eines Unfalles so in die Luft abzugeben hat, nach Deutschland. So sah vor über 40 Jahren, als der Standort gewählt wurde, wohl die Französisch-Deutsche Freundschaft aus.


Der Gegenschlag auf der deutschen Rheinseite, das Kernkraftwerk Wyhl, wurde von der Bevölkerung verhindert. Dies wurde zum Nukleus der deutschen Antiatomkraftbewegung. Gut vierzig Jahre später bringt die Atomkraft in Gestalt des mittlerweile etwas altersschwach wirkenden Kraftwerks in Fessenheim Deutsche und Franzosen gemeinsam auf die Beine bzw. Räder.



Wir starten gegen Viertel nach zwölf am Haslacher Dorfbrunnen, als klar wird, dass die meisten Mitfahrer der zugehörigen Facebookgruppe verschlafen / etwas Besseres vor / kein funktionstüchtiges Fahrrad haben. Stahlblauer Himmel verspricht einen sonnigen Tag: Bombenwetter.

Mensch und Maschine sind vorbereitet, Reifen und Trinkflaschen sind zum bersten gefüllt, es kann losgehen. Die Fahrradroutenplanung sagt etwa 22 Kilometer an. Abfahrt! Einige Minuten später, an der Kirche in St. Georgen, wird klar, dass der von einigen anvisierte Treff mit „der Gruppe aus dem Vauban“ wohl nicht mehr klappt. Diese Radtour hat zur Zeit etwa 15 Minuten Verspätung, in Fessenheim werden aber alle Anschlußdemonstrationen erreicht.

Richtung Schallstadt verlassen wir Freiburg auf gut ausgebauten Rad- und Feldwegen. Die aus dem Stadtgebiet bekannten Fahrradwegweiser mit grüner Schrift auf weißem Grund kommen ihrer Aufgabe nach - wenn man sie denn rechtzeitig entdeckt.

Zwischen langen, schnurgeraden Hochgeschwindigkeitsradwegen passieren wir kleine und große Dörfer, die allesamt politisch gespalten erscheinen: Fast jedes Haus ist für oder gegen etwas, meist Umgehungsstraßen oder Eisenbahntunnel.

Immer wieder begegnen uns andere Kleingruppen auf Fahrrädern mit eindeutig kernkraftkritischer Beflaggung, die ebenfalls das Ziel Fessenheim haben. Nicht alle biegen immer in die selbe Richtung wie wir ab, aber immerhin kommt uns keine entgegen.

Während eines als Wassertrinkpause getarnten Versuchs, Standort und Radwanderkarte zur Deckung zu bringen, zieht sie dann an uns vorbei: Die „Gruppe“ aus dem Vauban ist eine ausgewachsene Fahrraddemonstration. Angeführt wird der Tross von keinem geringeren als Schwerlastradler Daniel "Amish" Leßmann (Bild links), der zwischen 150 und 180 Radlerinnen, Radler und Kinderanhängerinsassen hinter sich vermutet.



Die Großgruppe bewegt sich aus naheliegenden Gründen nur mit 15 bis 18 Kilometern pro Stunde, so dass wir uns nach wenigen hundert Metern zum Ausscheren und Überholen entschließen. Hartheim und Bremgarten sind die letzten Gemeinden, die wir passieren, bevor wir, ein weiteres mal die A5 unterquerend, zum Rheinufer vorstoßen.

Der Asphalt wird rauher, jede Unebenheit wirkt sich dank hohen Reifendrucks auf das ganze Rad aus und schließlich erreichen wir den Rheinuferweg mit fahrradunfreundlichem, spitzen Splitt. Der letzte Kilometer bis zur Rheinbrücke wird dann eingedenk des Alters meines porösen Hinterreifens mit gedrosseltem Tempo zurückgelegt. Erfolgreich.



Auf der mit einem zweispurigen Radweg ausgestatteten Brücke kommt dann erneut Demofeeling auf: Familien und größere Grüppchen sind zu Fuß unterwegs zur Schleuse, neben der die Kundgebung stattfindet. Der Eingang zum Picknickgelände wird von sechs französischen Polizisten flankiert, die so unbeteiligt in der Gegend rumstehen wie französische Polizisten seit Luc Bessons Taxi-Filmen mit Samy Naceri und Marion Cotillard nicht mehr unbeteiligt in der Gegend rumstanden.

Sie werden später noch wichtig werden, wenn das Verkehrschaos ausbricht, denn was dem Deutschen Freiburger sein Fahrrad, ist dem Franzosen scheinbar sein Auto. Vor dem Kundgebungsgelände sieht man denn auch schon etliche Autos parken, entweder mit der bekannten 68 für das Departement Haut-Rhin auf dem Kennzeichen oder aus Freiburg-Stadt, aber auch ein vereinzelter Emmendinger hat sich eingefunden.

Die Masse kommt aber zu Fuß oder mit dem Rad kontinuierlich angeströmt und verteilt sich auf der Krone des Dammes, der seit über 100 Jahren das künstliche Rheinstück vor der Schleuse vor dem Auslaufen bewahrt. Ein Dammbruch oder einen Schleusenfehlfunktion, etwa durch ein Erdbeben, und das Kraftwerk steht ohne Kühlwasser da.



Nach gut 27 Kilometern bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von wenig mehr als 21 Kilometern pro Stunde legen wir uns endlich zur Ruhe und lauschen den vergeblichen Versuchen, von der Bühne aus die Masse zum Mitsingen wohlbekannter Protestlieder anzuheizen. In der prallen Sonne aber will jeder Energieeinsatz wohlbedacht sein, und so kommt es lediglich zum inzwischen üblichen Ruf „Ab-schal-ten!“.

Die Masse ist ebenso bunt gemischt wie das Potpourri aufrufender Gruppierungen und Parteien aus beiden Ländern - einige schon immer gegen Atomkraft, andere erst neuerdings. Einzig die französischen Grünen sind als geschlossener, großer Block erkennbar - wenn auch nur für‘s Foto.



Die meiste Zeit liegt man auf dem schmalen Wiesenstreifen in der Sonne. Die Außenwirkung der Kundgebung ist hier zwischen Fluss und Wald denn auch gleich Null, die Innenwirkung hingegen beachtlich: Schön, dass wir da sind.

Neben uralten „Atomkraft - Nein Danke“-Flaggen, die vermutlich noch die Bauplatzbesetzung in Wyhl mitgemacht haben, dominiert offensichtlich brandneues Protestmaterial, das dem geneigten Neu-Kernkraftgegner aus Kofferraum und Bauchladen verteilt wird. Häufig erblickt man ergrautes Haupthaar. Entlang des Zaunes parken Fahrräder teurer Premiummarken, darunter auch das eine oder andere E-Bike. Hier protestieren keine Rebellen, hier protestiert das Establishment.



Wer nun glaubt, in der Nationenwertung läge Deutschland weit vor dem kernkraftfreundlichen Frankreich, der irrt: Zumindest akustisch liegen die französischen Wutbürger mit ihren südbadischen Pendants gleichauf, was aber auch egal ist, denn hier protestiert eine ganze Region gegen eine gemeinsame Bedrohung.

Vereinzelt sind sogar Damen und Herren zu erblicken, die eine Schärpe mit den Nationalfarben Frankreichs tragen: Bürgermeister, die als Amtsträger sonst selten auf Antiatomkraftkundgebungen anzutreffen sein dürften. Später steigen ein paar Dutzend Luftballons auf. Sie tragen Karten, die zur Abschaltung von Fessenheim auffordern.

Zum Abschluß wird die Großkundgebung, wie bei manchen Großkundgebungen in Frankreich üblich, überflogen. Jedoch nicht von Kampfjets, die die französischen Nationalfarben in den Himmel rauchen, sondern von einer Staffel emissionsfreier Schwäne in perfekter V-Formation. Sie ernten ein wenig Jubel, dann setzt der Rückstrom ein.



Begleitet von Hupkonzert und Stinkefinger eines einzelnen Atomkraftbefürworters mit Düsseldorfer Kennzeichen, den vielleicht aber auch nur der Stau geärgert hat, machen auch wir uns wieder auf den Weg. Diesmal mit Gegenwind und über Tiengen erreichen wir gegen 18 Uhr Freiburg.

Der Fahrradcomputer verrät insgesamt 55 gefahrene Kilometer bei 19,8 Kilometern pro Stunde im Schnitt. Außerdem will er einen Kalorienverbrauch von 1270 errechnet haben. Wieder zu Hause fühle ich mich ungefähr so, wie fudder-Manuel nach seinen 7 Kilometern Staffelmarathon aussah: erschöpft, aber glücklich.

Es bleiben die Erinnerung an eine schöne Radtour, an die kraftvolle Kundgebung einer Bewegung, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, und der Ärger über einen bei einem Parkrempler verbogene Schaltung, mit der sich inzwischen ein Experte aus dem direkten Freiburger Umland beschäftigt.

Mehr dazu:

[Bilder: Konstantin Görlich]