Fahnen, Mützen, bunte Bänder: Wenn Verbindungsstudenten durch Freiburg ziehen

Marc Röhlig & Julia Nikschick

Am Sonntagmorgen ging in Freiburg die Jahresversammlung des Cartellverbandes zu Ende, dem größten Verbund katholischer Studentenverbindungen in Deutschland. 120 Verbindungen zogen durch die Innenstadt. Ein Minutenprotokoll.



10.33 Uhr.
Das Münster ist voll bis auf den letzten Mann. Vorne sitzen die alten Herren, dahinter die jungen Burschen. Ganz hinten stehen ein paar Rollkoffer. Es ist Gottesdienst – und zugleich der letzte Tag vom Jahrestreffen des Cartellverbandes (CV) katholischer deutscher Studentenverbindungen. Seit Donnerstag tagt der CV in Freiburg, zuletzt geschah das 1988. Heute steht noch ein Umzug durch die Freiburger Innenstadt auf dem Programm, danach Ausklingen im Feierling-Biergarten.

10.37 Uhr.
Erzbischof Robert Zollitsch hält den Gottesdienst. Von hinten sieht man nicht viel von ihm, nur seine Mitra, die Bischofsmütze. Sie sieht aus wie ein großes Trapez, weiß mit goldenem aufgesetztem Kreuz. Zollitsch erinnert die Verbindungsstudenten an Gemeinschaft und Tugend. Er sagt: „Lasst euch als lebendige Steine auf ein gemeinsames Haus aufbauen“. In einer Reihe hält jemand ein Smartphone hoch, drückt auf den Displayauslöseknopf.

10.45 Uhr.
Draußen im Eiscafé rechts vom Münster. Eine Radfahrertruppe aus England plant ihre Weiterreise: Is it Bäsel? Or shall we go for Stressbörg? Ein Existenzialistenpärchen frühstückt Zigaretten. Sie: Gauloises Blonde. Er: Zigarillos. Und ein Rentnerpaar bestellt Croissant für die Enkelin. Sie lässt den Teller auf dem Kopfsteinpflaster zerspringen.

10:48 Uhr.
Drei Verbindungsstudenten setzen sich auch ins Café, Bändchen grün-gold-violett. Einer hat eine G-Shock-Uhr, in zwölf Minuten wird sie im Tamagotchi-Ton kurz piepsen. 90er-Sehnsucht. Ein anderer trägt ein selbstgeknüpftes Freundschaftsarmband am rechten Handgelenk. Der dritte stellt vorsorglich den Aschenbecher vom Tisch weg.

10.53 Uhr.
Ein Familienvater rennt von links über den Platz, Bändchen braun-weiß-blau-weiß-braun. Hinter ihm vier Kinder und die Frau. Zum Jahrestreffen kommen nicht nur aktuelle Verbindungsmitglieder. Immer sind auch „Alte Herren“ dabei; die Treffen des CV sind eine gute Möglichkeit mit der Familie deutsche Städtchen kennenzulernen.

10.54 Uhr.
Das Band vom Familienvater ist doch nur der Gurt seiner Umhängetasche.

10.59 Uhr.
Die ersten Besucher des Gottesdienstes tropfen aus dem Münsterportal. Der Gottesdienst scheint vorbei zu sein. In einer Nebenstraße warten zwei Polizeieinsatzwagen. Es gab beim letzten Umzug Schwierigkeiten, linke Studenten hatten den Umzug gestört. Dieses Mal will der CV Ärger vermeiden. Ein Student eilt an den Polizisten vorbei, grüßt freundlich.

11.06 Uhr.
Zu den drei Verbindungsstudenten aus dem Café gesellt sich ein rundlicher Herr, mittleres Alter, Bändchen schwarz-silber-violett. Ein Wildenstein. An seinem linken Oberarm hat er eine Ordnerbinde. Er verteilt an die drei Jungspunde auch Ordnerbinden und gibt eine kurze Einweisung: Krankenwagen steht bereit. Musikkapelle ist vollzählig. Polizei ist da. Die drei jungen Studenten bezahlen ihren Kaffee und streifen die Ordnerschleifen über.

11.08 Uhr.
Im Münster beginnt ein Glockenspiel. Das Rentnerpärchen stimmt mit der Enkelin „Bruder Jakob“ an. Nur der Opa singt tapfer bis zur Zeile „Ding-Dang-Dong“ weiter.

11.22 Uhr.
Immer noch kein Umzug. Draußen stehen nun immer mehr Leute und warten, dass was geschieht. Wahrscheinlich sind’s nur Touristen, die die Musikkapelle bewundern. Wenn die Sonne durch die Wolken bricht, blitzen die Blechblasinstrumente. Das Rentnerpärchen erklärt jetzt ihrer Enkelin, was geschieht: „Schauscht, da hinten ist die Polizei. Die passen auf, dass die Musiker gleich richtig spielen“.

11.31 Uhr.
Die Musiker nehmen Aufstellung. Die Tuba pupst drei Töne heraus. Es geht los.

11.32 Uhr.
Die ersten Verbindungen nehmen hinter der Kapelle Aufstellung. Immer zwei oder drei Mitglieder stehen je Verbindung in einer Reihe. Alle tragen Uniform, einer auch die Verbindungsfahne. Die Reihe sieht aus wie eine Blumenwiese von Monet: violette Jacke, grüne Jacke, orange Jacke, weiße Jacke.

11.36 Uhr.
Ein Passant ereifert sich. „Das sind Burschenschaftler“, erklärt er seiner Frau, „so Verbindungs…dings.“ Er sagt: „Die sind doch…“ und macht dann einen langen Schschsch-Ton. Die Großmutter erklärt ihrer Enkelin: „Schauscht, was für schöne Mützen die aufhaben!“

11.40 Uhr.
Verbindungsdings sind natürlich nicht automatisch Burschenschaftler. Die anwesenden katholischen Verbindung sind alle nicht schlagend. Im Aufzug tragen trotzden viele einen Degenhalter bei sich.

In die zweite Reihe schlüpfen noch zwei Mann der Hercynia, Bändchen violett-gold-rot. Sie drehen sich voreinander hin und her und kontrollieren, ob vorne wie hinten die Uniform sitzt. Einer zupft das Band am Rücken des anderen gerade. Seltsamerweise trägt er eine Mütze, die wie ein Waschbär aussieht. Alle anderen haben Mützen in den Verbindungsfarben, entweder in Schieber- oder Schlumpfmützenform. Am Rand bemerkt ein älterer Herr: „Das ist ein vortreffliches Ausklingen.“

11.43 Uhr.
Erzbischof Zollitsch verlässt das Münster und verschwindet in Richtung altes Kaufhaus. Touristen knipsen den Mann im weißen Gewand.

11.44 Uhr.
Die Musikkapelle spielt. Der Zug läuft los.

11.47 Uhr.
Der Großvater ruft „Schauscht“ zu seiner Enkelin und klatscht im Paukenschlagtakt. Die Kleine kratzt derweil mit ihren Fingern Erde aus den Rillen im Kopfsteinpflaster.

11.50 Uhr.
Der Zug läuft über die KaJo, hinterher fahren vier Polizeieinsatzwagen, drei in blau, einer grün. Dazwischen fährt der Rettungswagen. Am Kopf des Zuges laufen die Fahnenträger, dahinter kommen die anderen studentischen Mitglieder und dann die alten Herren und ihre Familien. Die Töchter sehen aus wie die Mütter sehen aus wie man sich so Verbindungsfreundinnen vorstellt. 11.53 Uhr. Der Umzug biegt in die Salzstraße ein. Ein Mann lobt: „Da sieht man am Gleichschritt, wer beim Militär war.“ Ein vorbeieilendes Mädchen lässt ihr Fischbrötchen ins Bächle fallen. Sie sagt: „Scheißtag“.

11.55 Uhr.
Weiter auf den Augustinerplatz, links vorbei am Augustinermuseum. Dort hängt ein Plakat mit der aktuellen Ausstellung: „Liebe Deine Nachbarn. Beziehungsgeschichten im Dreiländereck“.

11.58 Uhr.
Die letzten vom Zug sind jetzt auch auf dem Augustiner. Nur noch die Polizei und der Rettungswagen rollen warnblinkend im Schritttempo über die letzten Meter der Salzstraße. Am Wegrand empört sich eine Freiburgerin bei ihren Freunden: „Na, wenn die jetzt alle hier sind, bekommen wir doch nie einen Tisch zum Mittag.“ Ihr Mann antwortet: „Setzscht dir halt so a Mützle auf.“

12.02 Uhr.
Die Kapelle spielt das Badnerlied. Die Sonne scheint nur noch in Schnüren vom Himmel. Vor dem Feierling-Biergarten hat sich eine große Traube gebildet. In dem Mützenmeer pendeln die Fahnenstangen wie Schiffsmasten hin und her. Man habe zur Sicherheit den gesamten Biergarten gemietet, sagt einer.

12.16 Uhr.
„Na, das lief doch eben reibungslos“, freut sich ein älterer Herr in blauem Sakko, Bändchen violett-gold-rot, wieder Hercynia. Er steht neben einem Polizisten, der sich vor dem Feierling postiert hat. Der Polizist überlegt laut, ob man jetzt noch gebraucht werde. Der Sakko-Träger erzählt vom fröhlichen Abend nach dem gestrigen EM-Auftaktspiel. „Na Respekt vor denen, die noch stehen können“, antwortet der Polizist.  

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Foto-Galerie: Julia Nikschick

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