Eyes-Wide-Shut-Partys: Dies ist die Geschichte einer ganz normalen Orgie

Viviane Beyer

Das ist die Geschichte von Chris. Chris wohnt in Freiburg - und besucht Edel-Sex-Partys, bei denen sich die Mitglieder eines geheimen Clubs auf Schlössern treffen und Orgien feiern, wie man sie in Stanley Kubricks Film "Eyes Wide Shut" gesehen hat. Eine Welt also außerhalb der Norm. fudder-Autorin Viviane Beyer hat sich von dieser Welt berichten lassen.



"Kein Traum ist völlig Traum" - mit diesen Worten endet Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", die Grundlage war für Stanley Kubricks Film "Eyes Wide Shut" (Screenshot oben). Am Ende der Novelle ist nicht ganz klar: Was ist Fantasie? Und was die Wirklichkeit? Dies haben auch wir uns gefragt, als wir zum ersten Mal die Geschichte von Chris (Name geändert, der Redaktion aber bekannt) gehört haben.


Chris sagt, dass er Edel-Sex-Partys im Süden von Deutschland besucht. Regelmäßig. Seit vier Jahren. Wenn Chris von diesen Veranstaltungen erzählt, dann berichtet er, dass sich alle ein bis drei Monate 400 bis 500 Menschen zwischen Baden-Baden und Wiesbaden treffen, zum Beispiel auf Schlössern oder in dem Kellergewölbe eines alten Güterbahnhofs. Die Teilnehmer sind Mitglieder eines Clubs, eine Nacht kostet zwischen 190 und 490 Euro. Nur wenigen guten Freunden hat Chris davon erzählt, darunter auch fudder-Autorin Viviane Beyer.

Sie hat sich mehrfach mit ihm getroffen und seine Geschichte auf Tonband aufgezeichnet. Zunächst war der 29-jährige Freiburger zurückhaltend, dann aber beschrieb er immer detaillierter solch eine Partynacht. Den Namen des Veranstalters will Chris nicht nennen - auch über sich selbst will er nur wenig in diesem fudder-Beitrag verraten, auch nicht seinen Beruf. Einige seiner Erzählungen scheinen zunächst unglaubwürdig, weil voller Klischees. Wir glauben trotzdem: Es gibt solche Partys, und Chris hat das erlebt. Hier ist seine Geschichte.

Peitschen, Vibratoren, Klassik

Der Soundtrack dieser Nacht besteht aus ganz unterschiedlichen Klängen und Geräuschen. Mal klassische Musik. Mal das Schnalzen einer Peitsche. Mal Meeresgeräusche vom Band. Mal surrt irgendwo ein Vibrator. Es ist eine Nacht auf einem Schloss im Südwesten von Deutschland. Und es  ist Mitternacht.

Drei Stunden vorher in der Freiburger Wiehre. Es klingelt an der Tür. Mit einem Zug leere ich mein Glas Rotwein. Ich greife in die Schublade und stecke die Viagra-Pillen ein, dann gehe ich zur Tür. Dort steht mein Rollkoffer, gepackt mit einem Ersatz-Anzug und schwarzen Hotpants. Draußen im Auto wartet Inka (Name geändert) auf mich.

Inka ist 28, ein Jahr jünger als ich. Ich kenne sie schon lange. Vor vier Jahren nahm sie mich zum ersten Mal mit zu einer Sex-Party. Das war auf einem Schloss in Wiesbaden. Ich fühlte mich dort irgendwie fehl am Platz und schaute nur zu. Was wollen die von mir, fragte ich mich – und was will ich hier? Ich brauchte einige Zeit, um locker zu werden. Es ist wie in der Disco: Du hast Angst, dich beim Tanzen bloßzustellen. Das kommt alles mit der Zeit.

Ich bin ein Dom

Bis heute war ich auf neun solchen Partys. Hast du deine sexuellen Vorleben erst einmal gefunden, zeigst du sie mitunter durch ein Stück Schmuck. Du trägst dann zum Beispiel einen Ring – so wie ich. Ich bin ein Dom, das heißt, ich bin dominant beim Sex. Mein Ring ist schwarz mit einem silbernen Rand. Auf der Innenseite sind lateinische Worte eingraviert, die in etwa bedeuten: "Ich lege Einspruch ein".

Auf diesen Partys trifft man nicht nur wildfremde Menschen. Du kommst überhaupt nur über eine Kontaktperson rein, einen Bekannten, der dich mitnimmt. Inka empfahl mich damals den Veranstaltern. Der "Chef" (ich nenne ihn so) lädt dich dann ein, zu einem persönlichen Gespräch.

Du sitzt ihm in seinem Büro gegenüber, und er stellt Fragen: "Wie wichtig ist Ihnen die Familie? Haben Sie Berührungsängste? Spielt das Geschlecht dabei eine Rolle? Was war ihre anrüchigste sexuelle Erfahrung? Was, wenn Andere an Ihren sexuellen Handlungen teilnehmen? Was würden Sie mit einer gefesselten Frau tun?"

Diese Fragen sind wichtig, sie sind wie ein Eignungstest: Auf den Partys müssen die anderen dir vertrauen können.

Kurz nach 22 Uhr biegen wir in die Einfahrt ab. Am Tor zeigen wir unser Erkennungsmerkmal: Es ist eine kleine Steinfigur, etwa acht Zentimeter groß. Ein Arm zeigt nach oben, den anderen streckt sie einladend nach vorne - ein Symbol für Offenheit. Fackeln beleuchten den Weg zu dem Schloss.

Alle sind da

Wir setzen uns an die Bar. Die Menschen um mich herum unterhalten sich, sie trinken und lachen. Männer und Frauen aus ganz Mitteleuropa sind heute Abend wieder hier, im Alter von 21 bis ungefähr 70 Jahren. Sie sind gepflegt, niemand ist übergewichtig, trotzdem haben sie nicht nur Model-Maße. Ich bestelle mir noch ein Glas Rotwein.

Eine Frau kommt auf mich zu – Lisa (Name geändert). Sie ist schlank, sie hat dunkle Haare und sie greift mir in den Schritt. Dann küsst sie mich. Womit ich das verdient habe, frage ich sie. Ihre Antwort: Inka habe sie dazu angestiftet.

Eigentlich lernst du den anderen erst mal kennen. Also plaudern wir, über Autos und über Schuhe und über unsere sexuellen Neigungen. Inka und Lisa haben viel gemeinsam. Damit wäre geklärt, was wir auf der "anderen Seite" tun werden. Wir ziehen uns um und gehen zusammen rüber.

Hier redest du nur noch wenig. Es riecht nach Vanille und Zimt und nach Menschen. Manche kannst du riechen, andere nicht – so ist das eben. An der Decke hängen Kristallleuchter. Wir streifen durch den Raum. Am anderen Ende, zwischen großen Herrensesseln, steht ein Billardtisch. Eine Frau steht davor, vornübergebeugt, Hände und Füße stecken jeweils in einem Joch. Sie ist nackt.

Mit String am Andreaskreuz

Drum herum stehen Männer und Frauen, manche in eleganter Abendgarderobe. Sex-Spielzeug kommt zum Einsatz, Anal-Plugs und Cockringe. Kondome dagegen verwendet nicht jeder: 14 Tage davor lässt du dein Urin, Sperma und Blut auf Krankheiten abchecken – und das vor jeder Party.

Lisa trägt mittlerweile ein metallenes Korsett und einen String. Wir gehen zum Andreaskreuz. Es heißt so, weil in der Bibel der Apostel Andreas daran gestorben sein soll – als Märtyrer. Ich verbinde Lisa die Augen. Erst streichele ich sie, dann kommt der Lederriemen, irgendwann zerreiße ich ihr Höschen.

Etwas später komme ich an einem Bett vorbei. Mehrere Männer und Frauen sind mitten im Akt, mit einer Geste laden sie dich ein und du machst mit. Manchmal lernst du neue Leute kennen. Stellst du dich bei der Party gut an, trittst du selbstsicher auf und zeigst, dass du Spaß am Sex hast und widerstandsfähig bist, sprechen sie dich an. Vielleicht laden sie dich ein und einige Wochen später stehst du dann auf einer Party in der Oberwiehre, mit sieben anderen Männern und zwei Frauen. Eine ganz normale Orgie.

Gegen 4 Uhr gehe ich zurück an die Bar und treffe mich wieder mit Inka. Wir trinken noch etwas, dann machen wir uns auf den Rückweg. Auf der Fahrt sprechen wir über Lisa. "Sie war ein Geschenk für dich", sagt Inka. Inka macht so etwas oft, manchmal sind es auch Klamotten oder Schmuck.

Wie jeder andere Mensch, so habe auch ich noch immer ganz normalen Sex. An solchen Nächten aber reizt mich das Ungewisse. Würdest du rumerzählen, dass du auf solche Partys gehst – die meisten Leute würden dich für krank halten, für einen Perversling. Aber die Wahrheit ist doch: Jeder hat Fantasien. Zu viele haben einfach Angst, sie auszuleben. Sie sind verklemmt. Ich nicht.

Inka hält vor meiner Haustür. Es wird bereits hell.

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[Foto: Screenshot "Eyes Wide Shut"]