Exhibitionist oder vergesslicher Pinkler?

Till Neumann

Gestern ist im Freiburger Amtsgericht ein 27-jähriger Mann beschuldigt worden, dass er im Seepark zwei Frauen in exhibitionistischer Weise gegenüber getreten sei. Der Mann stritt das als Missverständnis ab.



Was ist passiert?

Am 5. Juni 2009 feiert der 27-jährige Roland F. (Name von der Redaktion geändert) mit seinen Kollegen eine Grillparty am Seepark. Roland, eine große, kräftige und recht bärtige Erscheinung, hat eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerwirtschaft gemacht, ist aber arbeitslos.

In den vergangenen Jahren hat er einige Erfahrungen mit Drogen gesammelt. Inzwischen, so sagt er, habe er die Drogengeschichten aber im Griff.

Er nimmt starke Medikamente, darf eigentlich keinen Alkohol trinken. An diesem Junitag tut er es trotzdem. Nach zwei Stunden geht er kurz pinkeln. Ein paar Minuten später findet er sich auf dem Polizeirevier wieder. Der Grund: Verdacht auf Exhibitionismus. Zwei Frauen hatten die Polizei gerufen.

Die Version des Angeklagten

An besagtem Tag war ich mit vier oder fünf Kollegen am Grillplatz hinter dem Aussichtsturm am Seepark zum Grillen. Los ging’s so um 16 Uhr. Ich wohne übrigens seit zehn Jahren am Seepark und gehe da jeden Tag mit meinem Hund spazieren.

Ich bin seit zwei, drei Jahren krank, habe eine Psychose. Der Grund: Seit zehn Jahren nehme ich Drogen. So ziemlich alles was es gibt, habe ich schon genommen: Koks, LSD, Cannabis, Ecstasy, Amphetamine und so weiter. Da ich Medikamente nehme, darf ich kein Alkohol trinken. An dem Tag habe ich es trotzdem getan. Mindestens vier bis fünf große Flaschen Bier.

Irgendwann bin ich pinkeln gegangen. Zu dem Zeitpunkt war ich angetrunken, der Alkohol und die Medikamente passen nicht gut zusammen. Um mich zu erleichtern, ging ich zu einem Busch beim Aussichts­turm. Auf dem Rückweg kam mir die Polizei entgegen und nahm mich mit aufs Revier. Ich habe gar nicht geschnallt, was geschieht. Die zwei Damen, die mich beschuldigt haben, kenne ich nicht.



Die Version der Zeuginnen

Marina T. und Petra F. (Namen von der Redaktion geändert), 36 und 43, sind von Beruf Fotokauffrauen. Sie sind Arbeitskolleginnen und gehen regelmäßig gemeinsam am Seepark joggen.

"An diesem Tag waren wir nur spazieren, da meine Kollegin Kopfweh hatte. Wir waren auf dem Weg zum Aussichtsturm am Seepark, als ein junger Mann aus einem Busch hervortrat. Er grüßte uns, meine Kollegin grüßte reflexartig zurück, ohne ihn wirklich zu sehen.

Wir liefen weiter und hatten das Gefühl, dass er uns folgte. Er lief schneller als wir, kam bis auf zwei, drei Meter an uns ran. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Dann beschlossen wir, umzudrehen. Der Typ war einfach komisch, die Situation beunruhigend.

Als wir uns umdrehten, sahen wir, dass sein Glied aus der Hose hing. Eine Unterhose trug er nicht. Er suchte Blickkontakt. Das war ekelerregend. Wir fühlten uns belästigt und sahen, dass dort auch Kinder spielten.

Um uns und die Kinder zu schützen, riefen wir die Polizei. Das Verhalten des jungen Mannes war nicht normal. Er wirkte nicht ganz bei Sinnen. Wir dachten, er hätte Drogen genommen oder viel Alkohol getrunken.

Der Staatsanwalt

Der Angeklagte wird des Exhibitionismus beschuldigt. Wir fordern eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 15 Euro.



Die Verteidigung

Wir bezweifeln, dass der Angeklagte die zwei Damen belästigen wollte. Es ist viel wahrscheinlicher, dass er im angetrunkenen Zustand schlicht und einfach vergessen hat, seinen Hosenladen zu schließen und alles ordnungsgemäß einzupacken.

Das Urteil

Der Angeklagte wird freigesprochen. Es besteht zwar kein Zweifel daran, dass er am besagten Tag mit entblößtem Glied vor den Damen stand. Der Tatbestand des Exhibitionis­mus ist aber nicht gegeben, da die Absicht der Belästigung nicht zu erkennen ist. Außerdem scheint dieser Tat keine sexuelle Motivation zu Grunde zu liegen.

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