Ex-Titanic-Chef legt im Freiburger Satire-Skandal nach

Florian Kech

Für den satirischen Vergleich von IS und Freiburg Lebenswert bekam Simon Waldenspuhl von allen Seiten auf die Mütze. Nun sprang ihm Leo Fischer bei. Der Ex-Titanic-Chef wollte die Debatte versachlichen. Wie's war, in Text und Video:



Der erste Eindruck

Der Gastgeber, der Ortsverband der Satirepartei Die Partei, macht tatsächlich ernst. Wie auf seiner Einladung vermerkt, kassiert er von den Studenten drei Euro, von den übrigen Gästen nur zwei. Trotzdem liegt der Studentenanteil im Vorderhaus bei gefühlten 99 Prozent. Studienabbrecher Simon Waldenspuhl, hinter dem die wohl aufregendsten Tage seines noch jungfräulichen Politlebens liegen, pendelt zwischen Kasse und Bühne und wirkt schon wieder einigermaßen aufgeräumt. Die Standpauke des OB scheint bei ihm keine bleibende Schäden hinterlassen zu haben. Jedenfalls keine äußerlichen.

Der Anlass

Neu-Stadtrat Waldenspuhl (Die Partei) hatte im Internet eine Fotomontage verbreitet, die Neu-Stadträtin Gerlinde Schrempp von Freiburg Lebenswert vollverschleiert vor einer Horde Dschihadisten zeigt. Die Betroffene drohte mit Klage, die Stadträte solidarisierten sich, der Oberbürgermeister schäumte und die Fraktionskollegen schwiegen. Nicht einmal von Freiburgs Kabarettisten Deutschmann und Jochimsen bekam Waldenspuhl Schützenhilfe. Als dann auch noch die Frankfurter Allgemeine den Zeigefinger erhob, schaltete sich die Partei-Parteizentrale ein.



Der Referent

Die Partei hat keinen Hinterbänkler nach Freiburg entsandt. Leo Fischer (Jahrgang 1981, abgeschlossenes Studium) folgt in der Parteienhierarchie ziemlich bald hinter dem unangefochtenen Patriarchen Martin Sonneborn, der neuerdings das EU-Parlament aufmischt. Sonneborn tut nicht nur so, als wäre er Berufspolitiker, er sieht auch so aus. Dasselbe gilt für Fischer. Fischers größter Clou bislang: Als Chefredakteur der Titanic hatte ihn wegen eines Papst-Urin-Covers beinahe der Vatikan verklagt.

Das Publikum

Die Anzahl der Gäste deckte sich ziemlich exakt mit den angemeldeten Teilnehmern bei Facebook: 126. Von Freiburg Lebenswert saß niemand im Publikum. Auch keine Salafisten. Der Gemeinderat ließ sich vertreten durch Coinneach McCabe (Grüne Alternative Freiburg), Sergio Schmidt und Lukas Mörchen (beide Junges Freiburg). Was auffiel: Obwohl Fraktionskollegen, trug keiner von ihnen an diesem Abend ein Waldenspuhl-T-Shirt. Bedingungslose Solidarität sieht anders aus.

Die Fragestellung

Ist es aus wissenschaftlicher Sicht zulässig, die Gemeinderatsfraktion Freiburg Lebenswert mit dem Islamischen Staat zu vergleichen? Leo Fischer ist nach Freiburg gekommen, um exakt diese Frage zu klären. Die Gemüter sollen abgekühlt, die Debatte versachlicht werden, nahm er sich vor. Viele, vor allem er selbst, sehen in ihm die letzte Hoffnung.

Die Methode

Fischer bedient sich einer vergleichenden Analyse. Aus seinem Umfeld heißt es, er habe sich wie ein Besessener durch das Parteiprogramm von Freiburg Lebenswert geackert und Daten gesammelt. Empirie schadet nie.

Das Resultat

Unterm Strich nennt Leo Fischer zwei gemeinsame Merkmale. Erstens: Beide Organisationen kennzeichnen sich durch die Forderung nach Hoheitsrechten. Das kennen wir schon aus der Waldenspuhl-Expertise. Neu ist der zweite Punkt: Die Liebe zur Abkürzung teile Freiburg Lebenswert (FL) praktisch mit allen bekannten Terrorgruppen, sagt Fischer und zählt auf: IS, NSU, RAF, ADAC.

Der blinde Fleck

In seinem Vortrag löst Leo Fischer leider nur einen Teil seines Versprechens ein. Er wollte Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten. Letztere ist er den Zuhörern schuldig geblieben. Wer aber das Wesen des Terrorismus verstehen will, muss dem Trennenden genauso Beachtung schenken wie dem Verbindenden. Vielleicht fehlte für die differenzierte Analyse einfach die Zeit. Denn bereits nach fünfzehn Minuten beschloss Fischer sein Referat und las noch eine Weile aus seinem Titanic-Fundus.

Die Diskussion

Offene Fragen gab es kaum. Nur vier oder fünf Gäste meldeten sich im Anschluss an den Vortrag zu Wort. Einer davon war Sergio Schmidt. Der Jung-Stadtrat erkundigte sich nach möglichen Drahtziehern der jüngsten Bombendrohung auf dem Freiburger Hauptbahnhof. Terrorexperte Fischer antwortete mit einer Gegenfrage: "Wer hat Interesse an einer weiteren Frischluftschneise?".

Fazit

Mit Leo Fischers vergleichender Analyse ist die Terrorforschung noch lange nicht an ihrem Ende angelangt. Jetzt ist Freiburg Lebenswert am Zug. Mit Gegengutachten kennt man sich dort ja aus.

Fußnote

Der Pressesprecher des Freiburger Partei-Ortsverbands, Lennart Lein, nennt in seinen Ansprachen Tageszeitungen auch gern mal "Käseblättchen" oder so. Medienschelte zählt bekanntlich auch zu den besonderen Vorlieben des IS. Nur falls noch wer ein Thema für eine Vergleichsanalyse sucht.

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[Foto: Florian Kech]