Notschrei

Ex-Häftlinge aus Freiburg kümmern sich am Notschrei ums Auerhuhn

Moritz Lehmann

Auf dem Notschrei sorgen Haftentlassene dafür, dass der Lebensraum des vom Aussterben bedrohten Vogels erhalten bleibt. Damit tun sie nicht nur dem Auerhuhn Gutes, sondern auch sich selbst.

Das Auerhuhn hat es nicht leicht. Es lebt im Wald, seine Leibspeise sind Heidelbeeren und deren Blätter. Aber den Heidelbeersträuchern droht permanent, von anderen Pflanzen im Wald verdrängt zu werden. Zudem ist das Auerhuhn kein besonders guter Flieger. Die Männchen sind etwa einen Meter lang und fünf Kilogramm schwer. Um starten oder landen zu können, braucht das Auerhuhn deshalb viel Platz, offene Bereiche und Waldschneisen, um vor natürlichen Feinden wie dem Habicht oder dem Luchs schnell Reißaus nehmen zu können. Und weil das Auerhuhn auf der Roten Liste bedrohter Tierarten steht, kriechen an einem Dienstagvormittag vier gestandene Männer mit Heckenscheren und einer Motorsäge durch das Dickicht im Wald auf dem Notschrei.


"Auerhühner sind wie fliegende Medizinbälle" Rainer Großhans
"Auerhühner sind wie fliegende Medizinbälle", sagt Rainer Großhans, der den Einsatz koordiniert. "Man hört sie schon von weitem, wenn sie angeflogen kommen." Das Ziel der Truppe: Die Lebensgrundlage des Vogels erhalten und verbessern, damit es nicht ausstirbt. "Im Grunde errichten wir hier ein Fünf-Sterne Hotel für das Auerhuhn", sagt Großhans. Er ist kein Forstarbeiter. Zwar ist Großhans auf einem Bauernhof aufgewachsen und berechtigt, eine Motorsäge zu benutzen, außerdem hat er eine Ausbildung als Zimmermann gemacht. Aber heute ist er Sozialarbeiter, beim Freiburger Bezirksverein für soziale Rechtspflege angestellt – und als solcher hier am Notschrei im Einsatz.

Heidelbeersträucher vom Gestrüpp befreit

Die drei anderen Männer, die mit Großhans das Dickicht bearbeiten, sind ehemalige Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Freiburg. Sie befreien die Heidelbeersträucher vom Gestrüpp, damit sie gedeihen können; hier und dort fällen sie einen Baum. Die Arbeit im Wald soll den Männern dabei helfen, wieder zurück in die Gesellschaft zu finden und ihren Tag mit einer sinnvollen Tätigkeit strukturieren.

Der Bezirksverein für soziale Rechtspflege bietet Haftentlassenen eine Anlaufstelle. "Wir unterstützen sie bei der Wohnungssuche oder bei Ämtergängen", erklärt Großhans. Außerdem betreut der Verein ein Arbeitsprojekt, wobei die Haftentlassenen Umzugsarbeiten, Entrümpelungen oder Renovierungen verrichten.

Männer arbeiten für 1,50 Euro die Stunde

Es sind "Arbeitsangelegenheiten mit und ohne Mehraufwandsentschädigung", also: sogenannte Ein-Euro-Jobs. Derzeit nehmen 17 Haftentlassene am Arbeitsprojekt teil. Für den Einsatz auf dem Notschrei bekommen die drei Männer je 1,50 Euro die Stunde. Besser als nichts – denn die Chancen für Haftentlassene, im Berufsleben Fuß wieder Fuß zu fassen, seien oft schlecht, sagt Rainer Großhans.

Dennis, 32 Jahre alt, ist zum zweiten Mal auf dem Notschrei dabei. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn, während er mit der Heckenschere einen Heidelbeerstrauch vom Gestrüpp befreit, das den Heidelbeeren das Sonnenlicht wegnimmt. "Du bist draußen in der Natur, hast eine Tätigkeit", sagt Dennis. "Wenn ich das nicht hätte, würde mir die Decke auf den Kopf fallen." Vom Notschrei kehre er mit dem Gefühl zurück, etwas geleistet zu haben. Darüber, was ihn ins Gefängnis gebracht hat, will er lieber nicht reden. Nur so viel: "Es ist schwer, aus der JVA zurück ins Berufsleben zu finden."

"Ich war durchgeknallt." Wolfgang

Davon kann auch Wolfgang, 53, ein Lied singen. 2013 wurde er entlassen. Wegen eines Tötungsdelikts hat er 16 Jahre und acht Monate im Gefängnis verbracht. Zuvor sei er bei der Fremdenlegion im Ausland gewesen, 15 Jahre lang. Über diese Zeit dürfe er nicht reden, sagt er, nur: "Ich war durchgeknallt." Zurück in Deutschland habe er jemandem eine Abreibung verpassen wollen – am Ende sei der Mann tot gewesen. Wolfgang bereut das. Im Vollzug half ihm ein Behandlungsprogramm für Gewalttäter – und der Zen-Buddhismus.

Auf dem Notschrei bearbeitet Wolfgang, die Baseballkappe ins Gesicht gezogen, nun einen Heidelbeerstrauch mit einem Messer. Die Welt, in die er 2013 zurückkehrte, hatte sich radikal verändert – von der Digitalisierung habe er im Knast wenig mitbekommen. "Da muss man sich erstmal wieder einfinden", sagt Wolfgang. Das Arbeitsprojekt helfe dabei.

Und das Auerhuhn? In den 1970er Jahren gab es mehr als 500 Brutpaare. Bevor das Projekt vor sieben Jahren startete, gab es nur noch etwa 100. Inzwischen habe man wieder etwa 200 Brutpaare gezählt, sagt Alexander Braun vom Naturschutzverein Wildwege, der das Projekt fachlich unterstützt.