Europäischer Marsch der Sans-Papiers: Unterwegs für Menschenrechte und Solidarität

Lara Charmeil

Seit Anfang des Monats sind sie unterwegs, meist zu Fuß: 130 Männer und Frauen aus 25 Nationen, die ohne Papiere in Europa leben und arbeiten. Sie fordern Bewegungsfreiheit, Menschenrechte, Schutz und Respekt für Asylsuchende und die Legalisierung ihres Status. Am Mittwoch waren die Sans-Papiers in Freiburg. Lara hat sie während ihres Aktionstag in Freiburg begleitet.



"Wir brauchen nur die Augen zu schliessen, um uns vorzustellen, wie wir überall reisen können." Carolles kohlschwarze Augen schauen in die Ferne. Sie hat dick verbundene Füsse in zwei unterschiedlichen Paar Socken und trägt nur Flipflops. Nicht die optimale Wanderausrüstung -  doch sie sieht über ihre Blasen hinweg. 380 Kilometer ist sie schon gelaufen, Verbände hin oder her.

Heute geht es ihren Füssen etwas besser, die letzte Strecke ist sie mit dem Zug gefahren.
Die 30-jährige Togoerin ist seit dem 2. Juni unterwegs. Paris-Brüssel-Leuven-Liège-Maastricht-Luxembourg-Schengen-Florange-Jarny-Verdun-Metz-Mannheim-Heidelberg waren die Stationen - und jetzt Freiburg. Vier Grenzen hat sie schon hinter sich, Donnerstag überschreitet sie die nächste, wenn die Polizei auf der schweizer Grenze sie durchkommen lässt. Denn Carolle ist eine Sans-Papiers.



Als Kindermädchen und Frisörin hangelt sie sich seit vier Jahren ohne Aufenthaltsgenehmigung in Paris durch. Lohnzettel bekommt sie dort nicht - sie arbeitet schwarz. Seit knapp drei Wochen geht sie einen anderen Weg: Zusammen mit 130 anderen Migranten aus 25 Nationen, hauptsächlich Westafrikaner, marschiert sie durch Europa.

Ein leichter Wind erfrischt die verschwitzten Gesichter auf dem Platz. Breite Plakate umringen Rathaus und Brunnen. Ein Beamter, weisses Hemd und weisse Hose, versteckt sich hinter einer Säule des Rathauses, Passanten schauen mit grossen Augen, bleiben stehen. Laute Parolen, Trommeln, Kora-Klänge, Querflöten pfeifen zu den wilden Bewegungen der Menschen in quietschgelben oder tiefblauen T-Shirts der Sans-Papiers-Initiative. Eine ältere Frau, die Haare gepflegt nach hinten gezogen und mit rotem Lippenstift, hat sich in den Tanzzug eingereiht. Unter schallendem Gelächter zieht die Menschenkette weiter, in der Mitte hat sich spontan ein bunter Kreis gebildet. Beine schwingen über das Pflaster, Arme wirbeln von einem Punkt zum nächsten, Hände klatschen schwungvoll aufeinander.

Als der Lautsprecher erklingt, finden Arme und Füsse wieder zu Ruhe. Die schwarzen und weissen Gesichter verraten Aufmerksamkeit: Aus dem Megaphon tönt eine starke, entschlossene Stimme. Sie gehört Alain Charlmoine, einem in der Menge auffallenden hellblonden Energiepaket. Der Sozialarbeiter aus Mannheim hat zusammen mit anderen Aktivisten das 'International Legal Team' gegründet - ein Sprachrohr für Menschenrechte. Der Vater von den zwei Sängern der deutsch-französischen Band Irie Révoltés erklärt, worum es hier geht.



Der europäische Marsch der Sans-Papiers findet dieses Jahr zum ersten Mal statt. Dahinter steht ein Bündnis mehrerer Initiativen für Asylbewerber und Migranten. Auf jeder einzelnen Etappe und vor allem am Ziel, dem Europäischen Parlament in Strasbourg, fordern sie Bewegungsfreiheit und Menschenrechte, Schutz und Respekt für Asylsuchende, aber vor allem die Legalisierung aller Sans-Papiers.

"Der Mensch hat die Grenzen geschaffen - warum sollte er sie nicht überschreiten dürfen?", fragt Alain und ruft zu einem offensiven Umgang mit den errichteten Barrieren auf. Unterschiedliche Sprecher der Gruppe skandieren mit bebender Stimme "Solidarität". Die französischen Silben "SO-LI-DA-RI-TE" werden sofort von der immer grösser werdenden Menschenmenge inbrünstig wiederholt. Diese Forderung soll nicht nur für illegale Einwanderer, Asylbewerber, Obdachlose und prekär Lebende gelten, sondern für alle Menschen.

Der Marsch der Sans-Papiers weist aber auch auf unseren eigenen Umgang mit Migranten hier in Freiburg hin. Derzeit sind allein 300 Roma in der Green City von Abschiebung bedroht. Ausweisungen sind auch Freiburger Realität: Erst Ende Mai wurde ein Kameruner aus Kirchzarten in einer nächtlichen Aktion ausser Landes gebracht.



Walter Schlecht (Bild oben), ein führender Aktivist der Freiburger 'Aktion Bleiberecht' ergreift das Megaphon: "Für Migranten und Sans-Papiers dürfen keine anderen Rechte gelten als für uns!" Der 57-Jährige war sofort dabei, als er von der Internationalen Koalition der Sans-Papiers und Migranten hörte. Zusammen mit der SAGA (Südbadisches Aktionsbündnis gegen Abschiebungen), der Rosa Hilfe, des U-Astas, der Pädagogischen Hochschule, des Mediennetzes, der KTS und weiteren Unterstützern sorgte er für den Empfang am Bahnhof, die Verpflegung, ärztliche Hilfe und Schlafplätze.

Das wissen die 130 Sans-Papiers zu schätzen: Laute Mercis und Dankes erfüllen den Rathausplatz und die Strassen der Altstadt. Entschlossen ziehen sie mit den rund 300 Demonstranten weiter. 25 Nationen auf einem Haufen - und nur ein Polizist. Die Sambastas, Familien mit Kinderwagen, Rentner, Touristen und Studierende sorgen für die gewünschte Aufmerksamkeit.



Suad H., ein grosser Mann mit dunklen Haaren und Lachfältchen, bewegt sich entspannt in Richtung der Kundgebung auf dem Platz der alten Synagoge. Der 38-jährige Algerier spricht fliessend Spanisch, Französisch, Arabisch und einige Wörter auf Türkisch und Holländisch. Ab und zu mischt sich auch etwas Deutsch und Englisch dazu. Seit seinem 19. Lebensjahr ist er unterwegs, immer auf der Flucht vor der Armut. Lybien, Türkei, Syrien, Zypern, Griechenland, Bulgarien, Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Dänemark, Norwegen und jetzt Belgien: Überall war er mit der Migrationsgesetzgebung konfrontiert. In Deutschland hat er die meisten Repressionen erlebt. Gerade aber ist davon nichts zu spüren: Die Stadt Freiburg hat nicht reagiert und den Marsch geschehen lassen.

Die zahlreichen Etappen auf Suads Weg haben Spuren hinterlassen : Sie schwingen immer mit und verleihen seiner Sprache eine eigene Melodie. Suad hofft auf eine belgische Aufenthaltsgenehmigung - sanft lächelnd schliesst er sich dem Demonstrationszug an, zu den Trommeln tanzend.

So sieht sie aus, die Avantgarde der Globalisierung von unten: Heute noch mit Volksküche, polizeilich erlaubter Benutzung der Uni-Toiletten (denn Rasenpinkeln ist in Deutschland verboten!) und wundgelaufenen Füssen, morgen wieder vor einer Grenze, vor der sie noch nicht weiss, wie sie sie überwinden soll.

Update: Pressemittelilung der Aktivisten von Donnerstag

"Kurz vor der Schweizer Grenze wurden 150 Sans-Papiers, welche bereits seit dem 2. Juni durch bisher fünf europäische Länder marschiert sind, von rund 50 in der Schweiz lebenden Sans-Papiers sowie 200 weiteren solidarischen Personen empfangen. Der europäische Marsch der Sans-Papiers und MigrantInnen überquerte die Schweizer Grenze beim Zoll Otterbach.

„Wir nehmen uns in diesem Moment das Recht, das unssonst verwehrt bleibt“ rief ein Teilnehmer während der langen und lautstarken Tanzblockade, welche sich unmittelbar auf der Grenze formierte. Die Behörden hielten sich zurück.

Gleich nach der Grenze hielt der Marsch beim Empfangs - und Verfahrenszentrum und dem daneben liegenden Ausschaffungsgefängnis. „An diesem Ort kristallisiert sich die Gewalt des Grenzregimes: Empfang- und Ausschaffungsort liegen unmittelbar nebeneinander“,sagte eine Aktivistin des empfangenden Bleiberechtkollektivs Basel."

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