Europa-Park: Ein Tag im Musikcamp der Bläserjugend

Martin Jost

Rund 260 junge Musiker proben eine Woche lang in einem Musikcamp im Europapark. fudder-Autor Martin hat sich unter sie gemischt. Ein Tag zwischen Wohnen im Vergnügungspark und harter Probenarbeit für das große Konzert am Tag der Blasmusik am morgigen Samstag.



Man kann so sagen: Der Europapark hat verstanden, dass Musik ein Träger für Gefühle ist und dass sie unser Erleben verstärkt. Im Europapark ist das Klischee von Musik als „Soundtrack unseres Lebens“ allgegenwärtig. Zum Beispiel, wenn man Schlange steht, wird man mit einer endlosen Soundtrack-Sinfonie beschallt, deren Höhepunkte sich gegenseitig auf die Füße trampeln.


Mir fällt beim Pinkeln auf, dass mich die Titelmusik von Bonanza anfeuert. Im Tipi-Dorf des Vergnügungsparks wird das Wildwest-Thema kompromisslos durchgezogen. Ich sage nur: Klobrillendesinfektoren in Hartholzoptik. Im Themenbereich der Alpenländer läuft stattdessen auf den Toiletten DJ Ötzi, in Spanien Flamenco. Der Punkt ist: Welch besserer Ort für ein Musikferienlager? Im Europapark kommt die Musik zu ihrem Recht.

Am frühen Dienstagmorgen es ist noch knackig kühl in Rust. Die Zeltplanen werden zurückgeschlagen und Teenager strecken ihre Köpfe heraus. Während einige noch mit dem Handtuch überm Arm in Richtung Sanitär-Trapperhütte schlappen, sitzen die meisten schon beim Frühstück im Saloon.

Der Tag beginnt - mit Frühsport

Offiziell beginnt der Tag im Musikcamp der Bläserjugend des Bundes deutscher Blasmusikverbände (BDB) mit Frühsport um 6:30 Uhr. Als ich das zum ersten Mal auf der Flipchart mit dem Tagesprogramm lese, halte ich es für einen Scherz. Am schwarzen Brett neben dem Stundenplan pinnen die Fotos des Tages und eine Übersicht der aktuellen Schlagzeilen. Eine entscheidende Nachricht fehlt – die Frage „Ist Cissé schon verkauft?“ kommt auf bei einigen Lesern der Wandzeitung.

 

Erst die Arbeit

Nach dem ausgiebigen Frühstück begeben sich die Teilnehmer zu ihren Orchestern. Je nach Fertigkeit auf ihrem jeweiligen Blasinstrument proben sie in einem von drei Ensembles.



„Jetzt legt noch ein bisschen Selbstbewusstsein zu!“, feuert Dirigent Siegfried Rappenecker sein Mittelschwer-Orchester an, „noch mal ein kleines Brikettle auflegen!“

Christoph Karle erklärt mir: „Am Anfang spielen sie alle ganz schüchtern. Später, bis zum Konzert, werden sie dann immer selbstbewusster.“ Karle ist Leiter der BDB-Musikakademie und geschäftsführender Präsident des BDB. Er hat mich ins Musikcamp eingeladen, weil ich Beiträge für die Verbandszeitschrift schreibe – wenn auch nicht wegen meiner überlegenen Kompetenz in Sachen Blasmusik.

Das Camp findet in diesem Jahr schon zum sechsten Mal statt. „256 Jugendliche zwischen zwölf und 24 Jahren sind dabei“, sagt Christoph Karle, „sowie 54 Teamer.“ (Teamer heißen die Aufsichtspersonen. Eine ist jeweils für die Bewohner eines Tipis zuständig. In den Indianerzelten schlafen jeweils sechs oder zwölf Jugendliche. Es ist wie Zelten, bloß mit richtigen Matratzen.) „Wir sind 48 Trompeten, 48 Klarinetten, 47 Flöten, 19 Posaunen und 34 Saxophone.“ (In Orchestern, fällt mir auf, nennen sich die Leute ganz oft bei ihren Instrumenten. Ähnlich wie im Krankenhaus: „Der Blinddarm in Zimmer vier.“)

Die Statistik verrät weiter, dass 81 Prozent der Teilnehmer Badener sind und gute zwölf Prozent ihr eigenes Glätteisen dabei haben.

Während die drei Orchester proben, treffen sich die Teamer zu ihrer täglichen Sitzung. Einige sind Eltern, einige sind ehemalige Campteilnehmer.

Der Frühsport-Verantwortliche vermeldet zwölf Turner am heutigen Morgen – zwei mehr als am ersten Tag – und keine Verletzten. Die Dirigenten haben zurück gemeldet, dass sie von Disziplin und Arbeitseifer der Spieler begeistert sind. Und dann ist da noch am Wochenende das Ruster Dorffest. Weil Alkohol ausgeschenkt wird, ist klar, dass man den Kids verbieten wird, dort hinzugehen. Die Frage ist, ob das Verbot deutlich bekannt gegeben wird, oder ob man die Teilnehmer lieber gar nicht erst auf Ideen bringt. Die Teamersitzung entscheidet sich für größtmögliche Transparenz in der Sache.

Christoph Karle freut besonders, dass in diesem Jahr gleichzeitig mit dem Musikcamp auch ein Jugendleiter-Camp veranstaltet wird. Fünf Teilnehmerinnen sitzen statt in Orchesterproben in Seminaren über Eventmanagement, Moderation und Gruppenspiele. Es sollen immer mehr junge Leute aus den Musikvereinen dahin geführt werden, im Camp Verantwortung für noch Jüngere zu übernehmen.

Beim Mittagessen wird mir Peter Kleine Schaars vorgestellt. Der Holländer dirigiert das fortgeschrittenste der drei Camp-Orchester. Als Komponist und Dirigent hat er sich einen ganz großen Namen gemacht in der Blasmusikszene. Zuvorkommend und offen wie er ist, fällt es mir überhaupt nicht schwer, zu überspielen, dass ich nicht weiß, wer er ist.

„Abendessen nachher nicht in Spanien, sondern in Österreich!“, wird den Campern noch zugerufen, bevor sie sich zerstreuen – ein Satz, der wahrscheinlich nur im Europa-Park fallen kann.

Nicht nur Musik

Jeden Tag der Woche hat eins der Orchester über Mittag Registerprobe – das heißt, gleiche Instrumente proben unter sich – während alle anderen Jugendlichen freien Auslauf im Park genießen. Aber wird das nicht irgendwann langweilig: Achterbahn fahren, wenn man eigentlich zum Musizieren hier ist?

„Wenn wir können, gehen wir eigentlich immer in den Park“, sagt die 20-jährige Querflötistin Rebecca Glunk aus Rötenbach. Obwohl sie schon das vierte Mal am Camp teilnimmt. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester Sarah (Saxophon) sogar schon das fünfte Mal.

Sie sind ja auch nicht nur wegen der Musik hier: „Es ist auch toll, Leute aus den letzten Jahren wieder zu sehen“, sagt Rebecca. Einige Campteilnehmer tragen die alten roten Sponsoren-T-Shirts, die schon voller Unterschriften von Freunden sind. Rebecca und Sarah gefallen auch die Lagerfeuer und die Gutenachtgeschichten im Zelt. Sarahs hohe Meinung von der Organisation des Camps ist fundiert: Zu Hause ist sie Leiterin im Jugendfeuerwehrlager.

Am Balkon vor dem Fenster weht die französische Flagge. Unten auf der Straße herrscht reger Besucherverkehr. Von der Lärmverschmutzung durch schlendernde Leute, heulende Achterbahnen und schrille Angstschreie dringt nichts nach drinnen: Doppelverglasung. Ein Konferenzraum mit dickem Teppich und schweren Vorhängen, der sonst für Business-Meetings vermietet wird. An der Wand Fotos von Europa-Park-Oberhaupt Roland Mack bei seinen Privataudienzen mit Päpsten. Bei ihrer Registerprobe nehmen sich die Saxophone des A-Orchesters schwierige Partien aus »Hymn of the Highlands« vor.

„Tempo! Kerniger! Mehr Schmelz!“, motiviert Dirigent Markus Frieß.

Ein Spieler findet, in einem der letzten Takte klang das Fis schräg. Sie spielen die Stelle noch mal. Diesmal hört keiner etwas Ungewöhnliches. „Vielleicht hatte jemand das Vorzeichen vergessen“, sagt Markus Frieß. Er bittet darum, dass der Klang mehr zu einer Creme verschmilzt. „Weniger solistisch!“



Gegenüber proben sechs Querflöten ihre Parts. Sie haben keinen Dirigenten dabei, erarbeiten sich ihr Stück aber sehr gewissenhaft. „Die Achtel waren zu schnell! Nochmal!“ – „Jetzt vielleicht mal ohne Triller!“ (Ich entschuldige mich, wenn es keinen Sinn ergibt, was ich hier zitiere. Meine Karriere als Musiker erhielt ihren ersten moralischen Dämpfer, als ich dahinter kam, dass es keine Stellen für Triolaspieler in Orchestern gibt. Danach habe ich mich noch zwei mal auf der Blockflöte versucht, aber hatte nie den Ehrgeiz, Noten zu lesen, die man nicht an ihrer Farbe erkennt. Zum Zweiten sind meine Notizen unvollständig. Ich wurde angehalten, meinen Block wegzulegen und für die Flöten den Takt zu klatschen. Das war sehr erfüllend, denn ich habe mich als Musiker noch nie so gebraucht gefühlt.)

Programm bis abends

Abendessen. Pizza im Seerestaurant. Die meisten Musiker warten in einer langen Schlange vor der Ausgabe, während andere ungeduldig an ihren Tischen sitzen. Zwei Mädchen kommen gerade erst aus dem Park zurück, ihr Tisch bricht in lauten Applaus aus. „Kein Tisch darf sich Essen holen, bevor nicht alle da sind“, erklärt Dirigent Rappenecker einen alten Teamer-Trick. „Sonst gäbe es keinen Überblick, ob jemand im Park verloren gegangen ist. Und disziplinieren werden die sich dann schon gegenseitig.“

Auf dem Weg zu den Workshops nehmen Dirigenten und Teamer noch ein paar Achterbahnen mit. Warteschlangen gibt es keine mehr um diese Uhrzeit. Sonst ist Orchesterprobe bis alle müde sind, heute ausnahmsweise Workshops. Dozenten, die der Instrumentenbauer Jupiter schickt, vermitteln Tricks der Improvisation. Andere Workshops heißen „Becher-Rap“, „Singen find’ ich gut“ und „HipHop“. Im Spiegelzelt gibt es Tanz für Einsteiger – in einem großen Kreis bemühen sich Paare um die richtigen Cha-Cha-Cha-Schritte.

Ein paar Bläser haben sich zurückgezogen für einen eigenen Workshop: Sie studieren die Nils-Holgersson-Titelmusik ein. „Die letzten Jahre gab es immer nur Tanzen. Darauf hatten wir keine Lust.“



Der Abend klingt aus mit Würsten vom Grill, „Talk am Teich“ und „Geschichten im Zelt“. Ein anstrengender Tag, aber wirklich erschöpft wirkt niemand. Begeistert und eifrig trifft es vielleicht besser.

Mehr dazu:

Was: Abschlusskonzert des Musikcamps (ganzer Tag: Tag der Blasmusik im Europa-Park)
Wann: Sa 3. September 2011, 18 Uhr
Wo: Europa-Park, Dome
Eintritt: frei