Eurockéennes Notizen: Plastikflaschen und überforderte Security

Carolin Buchheim

Das Eurockéennes Festival ist ein französisches Festival, und zwar durch und durch. Einerseits superpünktliche Abläufe, entspannte Stimmung und Bands auf der Grande Scéne, die man selbst als gut gebildeter deutscher Musikfan nicht kennt, andererseits ein absurdes Essensangebot und das Fehlen eines Pfandsystems für Becher, weshalb man am Ende des Tages durch wadenhohen Plastikflaschen-Müll zum Ausgang waten musste. Was aber viel Schlimmer war: bei der Sicherheit schien es ein wenig zu hapern.



Es war gleich am ersten Tag, in den ersten Stunden des Festivals. Beim Konzert der Deftones amüsierten sich Hardcore-Deftones-Fans mit Crowd-Surfen. Wie bei Festivals üblich wurden die crowdsurfenden Jungs, vorne an der Bühne angekommen, von Securtity-Mitarbeitern in den Graben gezogen und seitlich wieder in die Menge geschickt.


Foto-Galerie: Les Eurockéennes 2006

Die Deftones spielten erst ihren zweiten Song, als ein Crowd-Surfer versuchte, noch ein wenig länger im Graben zu bleiben: eine Konzert-Standardsituation, denn schließlich wollen gerade crowdsurfende Fans ihren Idolen so nah sein wie möglich. Ein Security-Mitarbeiter reagierte in diesem Moment auf das recht harmlose Verhalten des Fans vollkommen über, prügelte auf den Fan ein und warf ihn über einen 1,80m hohen, metallenen Begrenzungszaun zurück ins Publikum, wobei der Fan sich am Unterarm verletzte und stark blutete und hart auf den Boden aufschlug.



Zwei Tage später, beim letzten Konzert des Festivals, dem Auftritt von Muse, gab es ähnliche und schlimmere Szenen gleich en Masse. Während ich unmittelbar vor dem Auftritt von Muse zusammen mit anderen Photographen im Graben wartete, bemerkte ich, dass Security-Mitarbeiter im Graben gemeinschaftlich Drogen konsumierten. Zudem waren die Stufen an den Außenseiten der Publikums-Barrikade voll mit Rucksäcken und Kleidungsstücken aus dem Publikum. Dies ist bei Konzerten und Festivals nicht erlaubt, und wird normalerweise von der Security peinlich genau betrachtet: Die Security muss diese Stufen an den Barrikaden betreten können, um Leute bei Bedarf optimal aus der Menge ziehen zu können. Hier waren die Stufen so mit Rucksäcken, Taschen und Kleidungsstücken belegt, dass sie nicht zu betreten waren.

Kaum hatten Muse die Bühne betreten, brach Chaos los. Von hinten wurde großer Druck auf das Publikum in der ersten Reihe ausgeübt, die ersten Reihen waren voller kreischender, weinender, überforderter Mädchen in Panik, und schon während des ersten Songs mussten mindestens 50 Fans durch die Security aus der Menge gezogen werden; eine Aufgabe, die durch die Gepäckstücke auf den Barrikaden-Stufen deutlich erschwert wurde. Die Security ging panisch vor, schien keineswegs routiniert darin, wie man Menschen aus der Masse herauszieht; Ein Junge wurde von der Security an einem Arm aus der Menge gezogen, nicht aufgefangen, und schlug mit dem Kopf auf dem Boden des Grabens auf.
Beim zweiten Muse-Song begann die Security, die Fans in den ersten Reihen mit Wasser aus einem Wasserschlauch zu bespritzen, dies war scheinbar als Maßnahme zur Beruhigung der Menge gedacht, und funktionierte nicht. Die Photographen im Graben hatten sich derweil größtenteils von der Bühne abgewandt, um die ausartenden Szenen zwischen überforderter Security und Menge zu dokumentieren, woraufhin ein Mann in Muse-Tour Outfit fluchend durch den Graben rannte, "Fucking Stopp that!" rief, Photographen anrempelte und gegen Kameras schlug. Daraufhin wurden wir Photographen vorzeitig aus dem Graben geschickt.

Länger wollte ich dort ohnehin nicht bleiben; ich machte mir ernsthaft Sorgen, dass durch die Panik und das dilettantischen Vorgehen der Security Fans ernsthaft verletzt würden, und das Eurockéennes Festival bald in einer Reihe mit Altamont (1969, 3 Tote und über 700 Verletzte bei einem Stones Konzert), Donington (1988, 2 Tote bei einem Auftritt von Guns'n'Roses), Roskilde (2000, 9 Tote bei einem Auftritt von Peal Jam) und all den anderen Festivals genannt werden müsste, bei denen Menschen zu Schaden gekommen sind.

Sicherheit bei Festivals ist ein delikates Thema. In Zeiten harten Preiskampfs bei Festivals und steigenden Preisen für Headliner-Acts, wird Sicherheit für Veranstalter primär eine Frage der Kosten.
Fairerweise muss bemerkt werden, dass die Sicherheit beim Eurockéennes, von diesen beiden Erlebnissen abgesehen, ansonsten einen guten Eindruck machte. Es schien weniger ein Problem des 'An-der-Sicherheit-gespart-habens' von Seiten des Veranstalters zu sein, als vielmehr ein Problem mangelnder Ausbildung und fehlender konsequenter Einhaltung von üblichen Regeln des Crowd-Managements von Seiten der von einem Sub-Unternehmern organisierten Security.

Aber was macht gute Security überhaupt aus? Um sich genau darüber auszutauschen, nutzen die Organisatoren der größten europäischen Festivals das Yourope Netzwerks. Ursprünglich als Veranstalter-Netzwerk, in dem es generell um Festivalorganisation gehen sollte gedacht, rückte gerade durch den Unfall auf dem Roskilde das Thema Sicherheit ins Zentrum der Organisation; Man tauscht sich über Erfahrungen aus und versucht gemeinschaftlich, Standards festzulegen.

Ob das Eurockéennes Festival Mitglied bei Yourope ist, war nicht zu ermitteln; Ich habe den Veranstalter allerdings von den Mängeln berichtet.
Es wäre wohl eine gute Idee, gegebenenfalls dem youroupe Netzwerk beizutreten und dafür zu sorgen, dass die Security-Mitarbeiter besser geschult sind, und mit Standardsituationen umgehen können.

Und das mit den Pfandbechern könnte auch ruhig noch mal überdacht werden.