Eurockéennes-Notizen: Der Tag der alten Männer

Carolin Buchheim

Eurockéennes, Tag Zwei. Morrissey, Depeche Mode und Coldcut. Alte Männer gleich im Duzend, viel gute Musik, viel Sonnebrand am zweiten Tag des Eurockéennes Festivals. Zweite Festivaltage sind etwas besonderes. Man kennt alles, man findet sich gut auf dem Gelände zurecht, hat seinen Rhythmus gefunden, und kann alles mit dem guten Gefühl genießen, dass alles noch lange nicht vorbei ist. Schön! Und außerdem kann man seinen Sonnenbrand weiter ausbauen.Die Stimmung war insgesamt ausgelassen; das französische Publikum freute sich auf das Viertelfinalspiel am Abend, es gab Fahnen auf dem Gelände, und ein Fan hatte seinen Hintern in den Farben der Tricolore angemalt. Vive la France! Allez les Bleus!Den Festivaltag eröffneten die Hushpuppies, eine schnuckelige kleine Garage-Rock Band aus Perpignan, an denen allein ihr schlechtes Englisch zu bemängeln war. Ihre schrammeligen Gitarren und die schönen Melodien wären von französischen Texten begleitet sicher besser zur Geltung gekommen. Obwohl französische Texte nicht immer helfen: Enhancer aus Cergy Pontoise veranstalteten auf der Grande Scéne unerträglichen Metal HipHop, in einer Sprache, die Französisch zu sein schien. Viel zu laut, schlecht abgemischt und unangenehm kreischig.Viel schöner dagegen, am Plage, Teitur von den Färöer Inseln, herzzerreißend vorgetragene, schnuckelige kleine Pop-Folksongs, begleitet von einem kleinen. herrlich schief spielenden Kinderorchester der Musikschule in Dole. Eigentlich macht Teitur Winter-Musik, es ist ja kalt, auf den Färöern, aber seine zarten Songs, egal ob für Louie Armstrong oder Whitney Houston, passten wunderbar zum sonnenbeschienen Plage. Ein absolutes Highlight!Und dann war die Stunde von Morrissey angebrochen. Absolut fit und bester Laune betrat Morrissey gegen 20 Uhr die Grande Scéne, und begann sein Set mit 'Irish Blood, English Heart'. Er tänzelte in bester Morrissey-Manier über die Bühne, ließ zum Smith-Klassiker 'How soon is now?', den dank 'Charmed' selbst die anwesenden Teenager kannten, das Mikrophonkabel peitschenartig knallen und war genau so großartig, wie erhofft, nämlich vollkommen Morrissey. Großartig! Es folgten knapp eineinhalb Stunden größtenteils neuer Songs, begleitet von den Pigsty Five, es schien, als fühlten sich die Herren auf Werbetour für das neue Album 'Ringleader of the Tormentors'. 'There is a light that never goes out' fehlte leider, dafür beendete Morrissey sein Set mit 'Hang the DJ'. Wunderbar!Danach dann ein kurzer Blick in die Loggia, wo Fat Freddys Drop aus Neuseeland ihre ganz eigene Art des HipHop & Reggae veranstalteten: sehr klasse!

Und dann war es Zeit für die anderen alten Männer des Tages: Depeche Mode. Es war ein schönes, aber seltsames Set aus Klassikern und Neuem, das Depeche Mode da spielten. Dave Gahan wuselte mit einer nervösen, unsicher wirkenden Intensität über die Bühne; während Martin L. Gore und Andy Fletcher ihr Ding machten. Erst bei den alten Klassikern, die als Zugabe gespielt wurden, wie 'Personal Jesus' und 'Enjoy the Silence', da schienen sie Depeche Mode wirklich Zuhaus zu sein, in ihrer Musik.Ganz andere Musik konnte man danach bei Animal Collective in der Loggia sehen. Die Herren aus New York spielten in der seltsamen Atmosphäre des gerade vergangenen Depeche Mode Konzerts ein ganz wunderbares Set ihres psychedelischen Neo-Pops, voller herrlicher Strukturen und Frickeleien. Ganz wunderbar, auch wenn das Set um diese Zeit wohl am Plage besser aufgehoben gewesen wäre.Und schließlich die letzten alten Männer des Tages; Coldcut, begleitet von gleich einer handvoll jüngerer Rap-Talente. Es war laut, funkig und tanzbar, aber irgendwie war es weniger Coldcut, als ein Auftritt der begleitenden jüngeren Herren.Und dann der Gewissenskonflikt des Zweiten Tages: die Infadels oder Nathan Fake? Egal wie man sich entschied: es gab Elektro der anderen Art, wunderbar präsentiert. Und später, auf dem Heimweg, das gute Gefühl, dass noch ein ganzer Tag Belfort vor einem liegt.