Es ist das, was man draus macht: Warum ich in meiner Studentenverbindung geblieben bin

Jannik Jürgens

Sauf-Zwang und Nationalismus: Diese Woche erklärte ein Student auf ze.tt, warum er aus seiner Freiburger Verbindung ausgestiegen ist. Unser Autor Jannik ist selbst Verbindungsstudent und schreibt auf fudder, warum er dabei geblieben ist.

Eines vorweg: Ich bin keiner von denen, die von Anfang an Feuer und Flamme waren für das Verbindungsleben. Kauzige Uniformen, altdeutsches Liedgut, überholter Männerverein: Das waren so meine Gedanken. Trotzdem bin ich in Freiburg Verbindungsstudent geworden und bis heute dabei geblieben.


Von Anfang an habe ich mich gefragt, ob Verbindungen noch zeitgemäß sind – und während des Studiums habe ich immer mal wieder daran gezweifelt. Doch mittlerweile bin ich mir sicher: Sie sind es. Und es war die richtige Entscheidung, beizutreten.

Der Autor Torben Winter hat auf Ze.tt, dem jungen Magazin von Zeit Online, einen Text über sein Leben in einer Verbindung veröffentlicht. Darin rechnet er mit seiner dreimonatigen Probezeit bei einer Freiburger Verbindung ab, vermutlich handelt es sich um die Hercynia.

So bin ich zu meiner Verbindung gekommen

In diesem Text möchte ich mich nicht an Torben Winters Vorwürfen abarbeiten. Ich möchte lieber beschreiben, wie ich in meiner Freiburger Verbindung gelandet bin und was ich daran schätze. Die Verbindung heißt Falkenstein und ist im gleichen Dachverband wie Hercynia.

Angefangen hat es mit der Wohnungssuche. Ich war spät dran und die Verbindungen waren die Einzigen, die noch freie Zimmer hatten. Ein Wochenende nahm ich mir Zeit, vier Häuser habe ich abgeklappert: Wildenstein, Falkenstein, Hohenstaufen, auch Hercynia habe ich mir angeschaut. Allesamt katholisch, nichtschlagend und farbentragend.

Jede Verbindung ist anders

Bei jeder Verbindung war es anders. Allein die Häuser: Von der Villa mit Park auf dem Lorettoberg bis zum 60er-Jahre-Bau in der Innenstadt ist alles dabei. Die einen legten bei der Besichtigung viel Wert auf den Dresscode und betonten, dass die Putzfrau auch die Teller spüle. Die anderen kochten zusammen und waren locker gekleidet. Mir waren die Kochenden lieber, dort bin ich eingezogen. Und ich konnte ein Semester auf dem Haus wohnen, ohne Mitglied auf Probe zu werden.

Die meisten Leute in der Verbindung hatten einen ähnlichen Hintergrund wie ich: Da waren Zivis, Fußballtrainer und Pfadfinder, viele Vereinsmenschen. Auf meinem Flur wohnten zwei Franzosen, die Angewandte Politikwissenschaft studierten, so wie ich. Für mich war das ein Zeichen von Weltoffenheit.

Den Druck, Alkohol trinken zu müssen, habe ich nie gespürt

Bummeln, also mit Verbindungsstudenten von Haus zu Haus ziehen und nach gewissen Regeln große Mengen von Bier trinken, war ich nicht oft. Erstens trinke ich recht langsam und zweitens hat mir das ganze, vielleicht auch deswegen, nie Spaß gemacht. Natürlich waren die Saufgeschichten am nächsten Tag oft Thema. Doch einen Druck, Alkohol zu trinken, habe ich nie gespürt. Und wenn Alkohol der einzige Kitt ist, der eine Verbindung zusammenhält, dann kann man den ganzen Laden auch gleich dichtmachen.

Was ich an meiner Verbindung so mag: Hier treffen sich Studenten mit verschiedenen Fächern. Dadurch schaut man schnell über den Tellerrand. Denn wo erklärt einem sonst ein Archäologe, welche unterschiedlichen Epochen es in der Geschichte der Sarkophage gibt? Oder wo hört man von einem Juristen, dass bald eine Staatsanwaltschaft eingerichtet werden könnte, die schwerpunktmäßig gegen Betrüger im Profisport ermittelt? Diese Gespräche sind manchmal anstrengend (insbesondere wenn es um Sarkophage geht), aber meistens ist man hinterher schlauer als vorher.

In meiner Verbindung prallen unterschiedliche Einstellungen aufeinander

In meiner Verbindung prallen unterschiedliche politische Einstellungen aufeinander. Und wir reden miteinander. Mal ehrlich: Unter meinen Politikwissenschaftskommilitonen in Freiburg war kaum ein Konservativer, der sich traute, seine Meinung offen zu sagen. Das ist doch langweilig.

In der Verbindung streite ich mich mit Vorliebe mit einem Bundesbruder, der die FDP wählt und als studentische Hilfskraft bei der Spielautomaten-Industrie arbeitet. Wir sind selten einer Meinung, aber die Diskussion macht Spaß.

Man kann sich ausprobieren

Ich habe die Verbindung immer auch als einen Raum wahrgenommen, in dem man sich ausprobieren kann. Zum Beispiel: Verantwortung für die Organisation eines Semesters übernehmen, den Kassenwart machen oder Glückwunschkarten an Bundesbrüder verschicken, die Geburtstag haben. Das hört sich nicht cool an, bereitet aber aufs Leben vor.

Außerdem lernt man, wie parlamentarische Gremien funktionieren, und zwar auf dem Convent. Der ist die demokratische Instanz der Verbindung. Mitglieder können Anträge stellen und lernen, wie sie sich eine Mehrheit organisieren, damit der Antrag auch durchgeht. Wenn sich einer daneben benimmt, entscheidet der Convent über die Konsequenzen, im Ernstfall ist das eine Strafe. Es gibt Rede, Gegenrede und, ganz wichtig, den Antrag auf Schluss der Debatte. Ich habe schnell gemerkt, dass meist diejenigen zu später Stunde am schnellsten Denken, die kein Bier getrunken haben.

Verbindungen engagieren sich für die Gesellschaft

Ich finde es schade, dass in der Diskussion über Verbindungen wenig differenziert wird. Natürlich beschäftigen wir uns oft zu stark mit uns selbst, aber wir leisten auch was für die Gesellschaft. Als ich studiert habe, waren wir mal in einem Altenheim und haben Zeit mit den Bewohnern verbracht. Einige Alte Herren haben einen Verein gegründet, der seit 40 Jahren eine bäuerliche Genossenschaft auf Haiti unterstützt. Zuletzt hat der Verein rund 70 Rinder finanziert. Die beiden Organisatoren sind jetzt 80 Jahre alt. Ein Bundesbruder und ich überlegen, ob wir die Aufgabe in Zukunft übernehmen werden.

Und dann ist da noch die Frauenfrage. Ich fände es gut, gerecht und zeitgemäß, wenn wir auch Frauen aufnehmen würden. Aber die meisten meiner Bundesbrüder, vor allem die älteren, sind dagegen. Eine Abstimmung würde ich haushoch verlieren. Trotzdem bleibe ich in der Verbindung. Und vielleicht werden wir wir irgendwann auch Frauen aufnehmen. Denn eine Verbindung ist das, was man draus macht.

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