"Es gibt viele Anfeindungen und viel Neid": Amanda Wine erzählt, wie sie zur Dragqueen wurde

Carla Bihl

Seit Januar diesen Jahres hat die Freiburger Dragqueen-Szene mit Amanda Wine Zuwachs erhalten. In der Passage 46 führt sie im Oktober ihre erste Show auf. fudder hat mit ihr darüber gesprochen, wie schwer es für sie war, eine Dragqueen zu werden.

Amanda, wie war es für Dich, den Schritt zu gehen und eine Dragqueen zu werden?

Anfangs habe ich alles vor meiner Mutter versteckt: Ich hatte die Kleider in einer Kiste, die Schuhe unter dem Bett, die Perücken in den Schubladen. Ich hatte zwar Make-Up, weil ich auch Theater gespielt und bei Musicals mitgemacht habe, allerdings wurde es etwas mehr als das, was man als Mann im Theater braucht.

Dann war aber der Zeitpunkt gekommen, als ich es ihr sagen musste. Ich wollte ja auch rausgehen. Das bedeutete für mich, dass ich ihre Unterstützung brauchte, weil ich natürlich Angst hatte, wie die Leute reagieren würden. Irgendwann hab ich mich komplett zurechtgemacht, voll "on glam" und habe gewartet, bis meine Mutter nach Hause kam. Für sie war das aber okay. Sie meinte, wenn ich das machen will, soll ich das machen.

Vor was genau hattest Du Angst?

Ich habe schon viele Storys gehört, in denen Dragqueens angemacht wurden, oder sogar handgreifliche Situationen entstanden sind. Dann bekommt man natürlich Angst. Man will nur etwas ausdrücken: Freude, Liebe, Toleranz und Vielseitigkeit zeigen. Und dann kommen solche Reaktionen, weil es für die Leute etwas Unbekanntes ist.

Meine Mutter sollte mir eben helfen, mich begleiten, mich fahren. Ich habe noch nicht das Selbstbewusstsein, mich in eine Straßenbahn zu setzen. Im Auto bin ich sicher, bis ich bei der Party ankomme, wo das akzeptiert wird. Das war mir sehr wichtig.

Warum und wie hast Du Dich dazu entschieden, Amanda Wine zu werden?

Ich habe schon immer gerne Kleider oder Schuhe meiner Schwester oder meiner Mutter angezogen. Das hat sich aber irgendwann verlaufen. Dann habe ich die Sendung RuPaul's Drag Race für mich entdeckt. Vom Schminken und von dem Künstlerischen war ich schon immer fasziniert. Die Sendung habe ich dann durchgesuchtet.

Irgendwann wollte ich das auch machen. Also habe ich mich informiert, welche Dragqueens es in Freiburg gibt und bemerkt, dass noch keine die Sparte der "Gesangsqueen" gut repräsentiert. Viele kennen nur Betty BBQ. Das ist schade. Das ist nicht alles, was Drag ausmacht. Drag ist vielseitiger. Mit meiner "Geburt" wollte ich etwas Neues und frischen Wind in die Szene bringen.

Und was hast du dann gemacht?

Ich habe mir ein paar Sachen besorgt: Schminke, ein Kleid, Schuhe, eine Perücke. Dann habe ich erst mal alles für mich ausprobiert. Ich wollte noch nicht direkt raus. Ich wollte erst ready sein. Irgendwann hab ich dann gesagt: Jetzt ist der Moment.

Kannst Du sagen, was genau Dich daran fasziniert?

Mich fasziniert, dass ich etwas anderes sein kann. Viele verwechseln Dragqueens mit Trans. Natürlich gibt es viele Trans-Dragqueens, die als Dragqueens starten und merken, dass es das ist, was sie schon immer sein wollten. Für mich ist es aber einfach das Ausleben einer anderen Seite, sodass ich ein bisschen beides sein kann.

Existiert Amanda auch in Deinem Alltag?

Überhaupt nicht. Amanda kommt nur raus, wenn ich abends auf eine Party oder zum CSD oder so gehe. Dann holt man sie sozusagen aus der Kiste. Es ist eine Kunstfigur. Trotzdem habe ich dann noch meinen eigenen Charakter, ich bin immer noch ich, nur mit einem anderen Aussehen.

Und wann hast Du es Deinem Umkreis erzählt? Wie haben sie darauf reagiert?

Zuerst habe ich es meinen Freunden erzählt. Die Reaktionen waren eigentlich durchweg positiv. Natürlich ist aber nicht immer alles schön in der Dragqueen-Community. Es ist ein harter Konkurrenzkampf, obwohl man nur etwas machen will, was man liebt. Es gibt viele Anfeindungen und viel Neid. Ich denke man unterschätzt das.

Willst Du Leuten etwas mit auf den Weg geben, die auch überlegen so etwas zu machen?

Macht einfach (lacht). Wenn man sich das überlegt, sollte man es einfach probieren und den Mut haben es zu machen. Am Besten helfen immer Tutorials bei Youtube. Wenn man Angst hat, kann man mir und anderen Dragqueens schreiben.
Amanda Wine ist 21 Jahre alt und kommt aus Freiburg. Seit Januar 2018 "existiert" die Dragqueen und ist seither vor allem auf Freiburgs LSBTTIQ+-Partys anzutreffen. Sie selbst bezeichnet sich als Gesangs/Broadway/Performance-Queen und hat eine eigene Solo-Show. Im Oktober ist der erste Auftritt in der Passage 46. Davor war sie schon an einigen Theaterproduktionen beteiligt. Außerdem bemüht sie sich um die Aufnahme an einer staatlichen Musical-Schule.

Was: The Amanda Wine Show
Wann: Dienstag, 02. Oktober, 21-30 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Passage 46, Bertoldstraße 46
Web: Facebook-Seite von Amanda Wine
Eintritt: 8 Euro – Tickets an der Theaterkasse oder online

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