Es geht ein Puck durch Freiburg

Daniel Laufer

Jahrelang war Eishockey im Breisgau unterklassig, jetzt hat der EHC Freiburg beste Chancen zum Aufstieg in die zweite Liga. "Wir kommen wieder", versprachen die Fans einst. An diesem Wochenende könnte es endlich soweit sein:



Drei Minuten sind noch zu spielen, da checkt EHC-Stürmer Petr Haluza seinen Duisburger Gegenspieler unsanft in die Bande. Haluza muss auf die Strafbank, ein Teamkollege sitzt dort bereits. Freiburg führt mit 2:0, spielt von nun an aber in doppelter Unterzahl. Im Eishockey bedeutet so etwas schnell ein sicheres Gegentor. Der Finalgegner Duisburg sieht seine Chance, nimmt den Torhüter vom Eis. Sechs Duisburger Feldspielern standen nun drei Freiburger gegenüber. So geschehen am letzten Dienstag.

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EHC-Fan Vanessa Kaltenbach verfolgte die Szene wie 3499 andere Zuschauer von den Rängen der Franz-Siegel-Halle. "Es war einfach krass, ich konnte teilweise gar nicht mehr hinschauen", sagt die 21-jährige Studentin aus Vörstetten. Jedes Mal, wenn sich ein EHC-Spieler in einen der Schüsse warf, johlte das Publikum.

Mit Händen und Füßen verteidigte Freiburg den Sieg, der EHC ging in der Play-Off-Serie mit 2:1 in Führung. Wer zuerst drei Spiele gewinnt, ist Oberligameister - und steigt auf. Mit einem weiteren Sieg könnten die "Wölfe" also in die zweite Liga zurückkehren, vielleicht schon an diesem Freitagabend.

Grablichter zum Abschied

Noch nicht lange ist es her, da stand es schlecht um das Freiburger Eishockey. Beim letzten Zweitligaspiel vor vier Jahren hatten die Fans in der Nordkurve Grablichter aufgestellt. Gerade mal 999 Zuschauer waren gekommen. Nach einer verkorksten Saison stand der sportliche Abstieg fest, doch noch viel schlimmer: Die Wölfe-GmbH hatte Insolvenz angemeldet, der Verband entzog die Lizenz. Freiburg musste runter - ganz runter - in die viertklassige Regionalliga. Unermüdlich sangen die Zuschauer in diesem letzten Drittel des letzten Zweitligaspiels ihr Lied: "Wir kommen wieder."

Trotz des Abstiegs blieben viele Akteure dem Verein treu. Teure Importspieler waren ab sofort tabu, der Stammverein musste solide wirtschaften - eine Aufgabe für den neuen Vorstand um den Vorsitzenden Werner Karlin. "Es ist ein riesengroßer Vorteil, dass wir mit unseren eigenen Jungs spielen können", sagt er, "andere Vereine wären froh, sie könnten das."

Die Gegner hießen von nun an Zweibrücken oder Bad Liebenzell statt Landshut oder Hannover - die Fans kamen weiterhin, mehr als 1000 gleich zum ersten Spiel. Die Truppe aus Freiburger Eigengewächsen war dem Publikum sympathisch, auf einmal fanden neue Zuschauer den Weg in die Halle - darunter Vanessa Kaltenbach. "Die Stimmung und die Emotionen auf dem Eis sind überragend", sagt Kaltenbach. Sie stellte fest: "Eishockey ist ja viel schneller als Fußball!"

Die Saison glich einer einzigen Party, Freiburg stieg auf ohne eine einzige Niederlage. Im ersten Oberliga-Jahr erreichte der EHC die Play-Offs. Die Feier zum Saisonabschluss war auch der letzte öffentliche Auftritt von Trainer Thomas Dolak. In den 80ern war er nach Freiburg gekommen, hatte den Verein erst als Spieler geprägt, später als Trainer. Da war er bereits schwerkrank und starb zwei Monate später.

Um Dolaks Arbeit fortzusetzen verpflichtete der Vorstand Leos Sulak. Unter ihm spielte Freiburg 2013/14 eine starke Saison und erreichte die Qualifikationsrunde zur DEL 2. Der EHC galt als Außenseiter, "Kanonenfutter", spotteten Experten - und waren überrascht, als die "Wölfe" erst Liga-Krösus Frankfurt und dann selbst Zweitligisten schlugen. Die Fans waren begeistert, Eishockey war wieder ein Thema in der Fußballstadt.

"Wir kommen wieder"

Eine Rückkehr in die Zweitklassigkeit schien möglich - bis zum allerletzten Spiel - im April 2014. Am Ende saßen die Freiburger Spieler mit hängenden Köpfen im Kabinengang. Vanessa stand wie üblich auf der Tribüne - und konnte es nicht fassen. "Das war das erste Mal, dass ich wegen dem Sport geheult habe", sagt sie.

In dieser Saison hat es der EHC Freiburg wieder probiert - und jetzt steht er im Finale. Ihre letzten 24 Heimspiele haben die "Wölfe" gewonnen. Wann war die Franz-Siegel-Halle zum letzten Mal bei fünf Partien in Folge ausverkauft? Selbst ältere Fans erinnern sich kaum. In Freiburg ist eine Eishockey-Euphorie ausgebrochen - an diesem Freitagabend könnte sie ihre Krönung finden.
An diesem Freitagmittag wird sich Vanessa Kaltenbach ins Auto setzen und nach Duisburg fahren.

"Es wird eine kleine Fan-Choreo geben - nichts Großes", sagt sie - als sei es fast selbstverständlich, dass an einem Freitag mal eben 350 bis 400 EHC-Anhängern zum Auswärtsspiel fahren. Wenn alles gut geht und Freiburg gewinnt, wird der Verein an diesem Abend in die DEL 2 aufsteigen. Falls nicht, bekommt er am Sonntag noch eine zweite Chance - in der dann mit Sicherheit wieder ausverkauften Franz-Siegel-Halle.

"Wir kommen wieder" - die Fans hatten es ja angekündigt. Nur hat kaum einer für möglich gehalten, dass es so viele von ihnen sein würden.

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[Foto: Miroslav Dakov]