Wahl am Sonntag

Erstmals dürfen junge Freiburger schon ab 16 ihre Stimme bei der OB-Wahl abgeben

Christian Engel

Zum ersten Mal dürfen 16- und 17-Jährige bei einer OB-Wahl ihre Stimme abgeben. Bei einem Projekt in einem Gymnasium merkt man, dass es Interesse und Ahnungslosigkeit gleichermaßen gibt– und dass sich Jugendliche von Kommunalpolitik flott begeistern lassen.

Dienstagmorgen im Walter-Eucken-Gymnasium, noch fünf Tage bis zur OB-Wahl. Die Klasse 11/3 sitzt im Klassenzimmer, wartet auf den Besuch, auf zwei Referenten der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) und des Freiburger Jugendbüros. Ihr Thema: die OB-Wahl.


In fünf Minuten geht’s los, Zeit für eine rasche Wissensabfrage. Wie viele Kandidaten stehen zur Wahl? Vier, sagt einer. Eine Schülerin glaubt 22. Ob sie Namen kennen? Martina Stein, sagt eine, ihre Nebensitzerin verbessert sie, korrekt sei Monika. "Horn", ertönt es aus einem der Schüler. "Der Horn hat mir einen Brief geschickt." Salomon haben sie alle schon mal gehört, den Namen zumindest auf einem Plakat gelesen.

Der Besuch ist da: Jürgen Messer vom Jugendbüro und Jonathan Heimburger von der LpB sind in den vergangenen sechs Wochen häufiger zusammen unterwegs gewesen. Ihre beiden Einrichtungen haben gemeinsam ein Programm entworfen: "Babo, Bobbele, Bürgermeister". Mit diesem touren 15 festangestellte und ehrenamtliche Mitarbeiter in Oberstufenklassen, in Schulen, die das Programm für anderthalb oder drei Stunden gebucht haben. 40 Klassen haben sie in Freiburg abgeklappert, 1000 Erstwähler erreicht.

Im Klassenzimmer der 11/3 diskutieren die 21 Jugendlichen, was ein OB so macht. Sie sollen Begriffe logisch verbinden: "Bürger" wählen den "Oberbürgermeister", soweit klar; dass er den "Gemeinderat" leitet, macht für viele auch Sinn. Aber was bitte soll er im "Haushalt" machen, etwa putzen? Und sind "Ausschüsse" nicht das, was die Stadt für ein Projekt ausgibt?

"Wir können bei vielen wichtigen Dingen mitentscheiden. Es wäre doch total bescheuert, wenn wir es nicht täten." Workshop-Teilnehmerin Lea
Die Kritik an "Wählen mit 16" klingt so: 16-Jährige hätten zu wenig politisches Wissen, verstünden Zusammenhänge nicht, seien leicht manipulierbar – Fazit: Sie sind noch nicht reif.

Robert Vehrkamp hält das für falsch. "Man sollte auch für die Bundestagswahl das Wahlalter auf 16 setzen", sagt der Autor einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung, die sich mit dem Thema befasst. Demnach steigt die Wahlbeteiligung nachhaltig, wenn das Wahlalter bei 16 liegt. Der Grund: Diejenigen, die sich bei ihrer ersten Wahl beteiligen, gehen in der Folge regelmäßiger wählen. "Und 18 ist einfach ungeeignet für den Einstieg", sagt Vehrkamp. In dieser Lebensphase sei der potentielle Wähler mobil: auf Weltreise oder auf dem Weg zum Studienort.

Schüler fordern Sportplätze, mehr Busse – aber auch günstige Burger

16-Jährige, sagt Vehrkamp, könnte man in der Schule auf die Wahl vorbereiten. Zudem seien die meisten in dem Alter noch daheim, wo die Eltern eine Wahl zum Thema machen könnten. "Wählen mit 16 ist eine große Chance", sagt Vehrkamp. "Man muss sie aber auch nutzen."

Zurück ins Walter-Eucken-Gymnasium, zu Schüler Henri Fornoff. Der 16-Jährige darf erstmals seine Stimme abgeben – und will auch unbedingt: "Weil ich mitentscheiden möchte." Seine Eltern hätten ihn gefragt, ob er wählen gehe, ihn aber nicht gedrängt. Informiert hat er sich im Internet. Klassenkameradin Lea, die ihren Nachnamen nicht nennen will, möchte sich auch noch etwas schlaumachen, bevor sie ins Wahllokal geht: "In der Zeitung oder auf der Homepage der Kandidaten – ich will gut vorbereitet sein."

2014 durften 16- und 17-Jährige erstmals bei einer Kommunalwahl in Freiburg ran – die grün-rote Landesregierung hatte zwei Jahre zuvor das Wahlalter gesenkt. Bei der Wahl des Gemeinderats 2014 hätten von den 16- und 17-Jährigen knapp 2430 wählen dürfen, 58 Prozent gingen zur Wahl. Deutlich mehr als andere Altersgruppen – die Wahlbeteiligung lag bei 51,4 Prozent. Von den 171 000 stimmberechtigten Wählern bei der jetzigen OB-Wahl sind 3317 unter 18.

Während des Programms tauen die Schüler auf, sie merken, dass Kommunalpolitik ihr Leben und ihre Umgebung direkt beeinflussen kann. Die Schultoiletten seien widerlich, sagt eine Schülerin, die soeben erfahren hat, dass eine Kommune für die Sanierung der Schulen zuständig ist. Eine Schülerin nervt der Verkehr in Freiburg, vor allem die Busverbindung von außerhalb. "Letzter Bus um acht", nölt sie. "Ja, Mann", assistiert ihre Nebensitzerin. Sie plädiert für kostenlose Tickets im Nahverkehr und mehr Busse.

Die Schüler sind jetzt voll drin, jeder darf mal Oberbürgermeister spielen. Als OB möchte einer mehr öffentliche Sportanlagen bauen. Eine will die Situation für Flüchtlinge verbessern. Einer möchte Mieten senken, eine mehr Schwimmbäder eröffnen. Chicken Burger für einen Euro, fordern zwei Schülerinnen. Ein Schüler würde am liebsten zwischen Süd-Vauban und Nord-Vauban eine Mauer errichten.

Mag der ein oder andere Vorschlag leicht überdreht rüberkommen: Es hat den Anschein, als würden die Schüler einiges mitnehmen. Die 17-jährige Lea drückt es am besten aus: "Wir können bei vielen wichtigen Dingen mitentscheiden. Es wäre doch total bescheuert, wenn wir es nicht täten."
Tipps und Infos für junge Wählerinnen und Wähler gibt es auf freiburg-16plus.de

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