Erst einer, dann zwei, jetzt drei: Die Sache mit den "Schwebenden Scheichs" eskaliert

Martin Jost

2012 tauchten sie in Freiburg plötzlich in der Fußgängerzone auf: schweigende Straßenkünstler, die schwerelos zu schweben scheinen. Erst einer. Inzwischen sind es drei. In immer kürzeren Abständen vermehren sich die "Schwebenden Scheichs". Wohin führt das und was bedeutet diese Eskalation für Freiburg?



Ein Herbstmorgen in Freiburg. Die Innenstadt ist voll. Noch nicht mit Shoppern, aber mit Schulklassen und Leuten, die zur Arbeit wollen.

In einer Ecke des Rathausplatzes steht ein Bündel aufrecht. Decken über Decken. Darunter bewegt sich was. Stimmen dringen aus dem Haufen hervor. Drei Männer verstecken sich vor den Blicken der Passanten. Grundschüler kichern und sehen ihnen zu. Was wurschteln die Jungs da unter dem Zelt?

Ab und an feuern die Grundschüler einen der ihren an. Der sich dann traut und die verhüllten Männer kneifen geht. „Ey!“, ruft einer von drinnen. Die Armen können sich nicht wehren. Mit dieser zusätzlichen Schwierigkeit hatten sie nicht gerechnet.

Endlich sind sie fertig und die Hüllen fallen. Zum Vorschein kommt eine lebende Skulptur. Sitzt ein Mann im Schneidersitz. Vor dem Körper hält er je einen Stab senkrecht. Auf jedem der Stäbe sitzt ein Kollege. Nie und nimmer könnte ein Mann so viel Kraft in den Armen haben. Alle drei Darsteller tragen ein Kopftuch und haben sich das halbe Gesicht verhüllt. Gelangweilt bis grimmig blicken sie aus ihrem Karawanenhändler-Kostüm.



Diese Sache mit den „schwebenden Scheichs“ eskaliert zusehends. Wie das untenstehende Foto zeigt, wurde ein schwebender Yoda spätestens am 1. Mai 2012 erstmals in Freiburgs Innenstadt gesichtet. Eine Hand stützt er auf seinen Wanderstock. Seine Turnschuhe berühren nicht den Teppich. Vor ihm steht ein Blumentopf.



Offenbar als Opfer desselben Konjunkturdrucks, der auch Hollywood zu immer krasseren Blockbustern zwingt, hat die Firma Schwebemönch & Söhne keine Kosten und Mühen gescheut, um mit neuen spektulären Effekten mehr Geld in den Blumentopf zu spülen. Spätestens im Juni 2013 waren es dann schon zwei junge Darsteller im orientalischen Kostüm, deren einer auf dem Stock zu hocken schien, den der untere beiläufig mit einer Hand zu halten schien. Doch die Sensationslust des Publikums ist nicht so einfach zu stillen.



Spätestens Anfang September trat das lebende Kunstwerk mit insgesamt drei Darstellern auf. (Siehe Foto ganz oben.) Für die Formel „Mehr Personal, mehr krass, mehr Einnahmen“ scheint es kein oberes Extrem zu geben. Wir haben in einer (Vintage-Look-)Infografik dargestellt, wie rasant die „schwebenden Scheichs“ ihre Schlagzahl erhöhen:



Das Erschreckende ist (wie der geübte Infografikleser erkennt): Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die lebende Skulptur „schwebende Scheichs“ sich nicht linear vergrößert, sondern exponentiell. Höchstens ein Quartal braucht die Kurve derzeit, um die Zahl der eingesetzten Darsteller zu verdoppeln. Für Freiburg bedeutet das, dass bereits im Dezember mit einer Pyramide aus sechs Darstellern gerechnet werden kann. Ende Februar 2014 dürften es dann zwölf sein.

Die Auswirkungen für Freiburgs Kulturapparat könnten gewaltig werden. Aktuell braucht eine Veranstaltung mit drei Teilnehmern in der Innenstadt mindestens zweieinhalb Absagen vom Amt für öffentliche Ordnung, um rechtskräftig stattzufinden. Bei der Performance „Schwebender Scheich“ ist die Mindestzahl für eine so genannte Großveranstaltung bald allein mit dem Bühnenpersonal erreicht (Februar 2014: Zwölf; Dezember 2015: 3072). Auch um einen Bauantrag müssten die Veranstalter sich bemühen, denn bald haben sie ein drittes Stockwerk und in etwas mehr als einem Jahr dürfte ihre Pyramide die höchste Erhebung der Innenstadt bilden.

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