Ernsthaftes Streben nach dem Berliner Lebensstil

Gina Kutkat

Deutsch, deutscher, Berliner? So (deutsch) zu sein wie unsere Hauptstädter war lange nicht mehr so angesagt. Und lange nicht mehr so einfach. Wie wird man ein waschechter, hipper Berliner? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Blog "Ich werde ein Berliner", dessen nicht-deutscher Autor den Lesern auf satirische Weise hilft, die Eigenarten der Deutschen zu verstehen – und sie eventuell zu kopieren.

Leistungsfähigkeit, Genauigkeit und die Entschlossenheit, besser zu sein als alle anderen. Typisch deutsche Eigenschaften, die jedem auffallen, der nicht von hier ist. In extremer Ausprägung in der Hauptstadt Berlin zu finden, wie der Blogger Wash Echte findet. „ Klar, in jeder Großstadt der westlichen Hemisphäre gibt es inzwischen Hipster, aber nirgendwo sonst sind die Leute so ernsthaft und unerbittlich damit beschäftigt, hip zu werden“. Deswegen hat er sich die Berliner als spezielle Stellvertreter für die Deutschen ausgesucht, denen er sich in seinem Blog annähert.


„Sei entschlossen und ernsthaft in dem, was immer du auch anstrebst. Das Geheimnis ist, etwas wirklich ernsthaft zu versuchen, ohne zuzugeben, dass man es überhaupt versucht.” So bringt der Blogger Wash Echte sein Rezept zum Deutschwerden auf den Punkt. Von einem Patentrezept kann jedoch nicht die Rede sein. Schließlich ist der Blogger selbst noch kein richtiger Deutscher geworden. Ihm fehlt es vor allem an Zeit.“ Ich habe einen anständigen Job und bin abends zu müde, um ein cooler Nonkonformist zu werden, der im Berghain oder Trinkteufel abhängt und auf sein Idol Pete Doherty wartet.“

Vor sieben Jahren kam Wash Echte, der seine wahre Identität nicht preisgibt, nach Berlin und beobachtet seitdem die Hauptstädter und deren Lifestyle, Lebenseinstellung und Kleidung. „Nach einer Weile begann ich gewisse Muster in den Lebensstilen und Haltungen der Leute, die sich für super-individuell halten, zu bemerken. Ich war verärgert, dass es außer mir niemand zu sehen schien.“ Aus diesem Grund beginnt er im November 2008 den Blog “Ich werde ein Berliner” und ist seitdem auf der Suche nach Gleichgesinnten, die wie er versuchen, sich in Deutschland zu integrieren. “How To Blend in Wiz Ze Germans” (Wie man sich bei den Deutschen integriert) lautet auch der Untertitel des Online-Tagebuchs.

Der englischsprachige Blog verzeichnet an ruhigen Tagen 1200 Pagevisits, wenn eine große Seite dorthin verlinkt, können es auch mal 7000 bis 10 000 werden. Für Wash Echte ist das Schreiben nur ein Hobby - tagsüber geht er einem ganz normalen Job nach. Der Grund, warum er sich hinter einem Pseudonym versteckt, ist plausibel. “Wenn ich meine Identität verrate, müsste ich viele Erklärungen abliefern, denn die größte Inspiration bekomme ich von Leuten, die ich kenne: von Freunden und Bekannten.”



28 Einträge gibt es bisher, die Themen reichen von der für Außenstehende unerklärlichen Begeisterung der Deutschen für das Grillen (“Wie ihr vielleicht bemerkt habt, sind Deutsche komplette Grill-Teufel, denen es nichts ausmacht jeden Tag eine Grillparty zu schmeißen – von Februar bis November”) bis zur Vorliebe der Deutschen für Bionade (“Eigentlich ist Bionade der einzige Softdrink, den man sicher in der Öffentlichkeit trinken kann, ohne zu riskieren, als Ausländer von der falschen Sorte abgestempelt zu werden”).

Mit sehr viel Ironie und einem liebevollen Blick aufs Detail, berichtet Wash Echte von seinen Erfahrungen mit den Berlinern. Seine Tipps zum Deutschwerden sucht er sich aber nicht ausschließlich in der Hauptstadt. In City-Specials stellt er die Eigenarten der Kölner, Münchner oder Hamburger vor und erklärt, warum die Hansestadt eigentlich gar nicht so toll ist: “Hamburger sind berüchtigt dafür, noch unfreundlicher und unentspannter zu sein als der Rest Deutschlands, außerdem ist das Wetter das ganze Jahr lang entsetzlich schlecht.”



Ungefähr 60 Prozent seiner Leser sind Deutsche. Die Reaktionen sind meist positiv, doch es gibt immer wieder Beschwerden, die sich meistens gegen die Verallgemeinerungen und Übertreibungen richten. Wash Echte's Erklärung: “Vielleicht passt Satire einfach nicht zum deutschen Humorverständnis.”

[Im November wird bei Randomhouse das gleichnamige Buch von Wash Echte erscheinen.]

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