Erlösung auf Nord

David Weigend

Der SC Freiburg hat das hochgejazzte "Schicksalsspiel" gegen Wacker Burghausen 2:0 gewonnen. Erster Saisonsieg, große Erleichterung. Trotzdem sind auf der Nordtribüne des Badenovastadions die kritischen Stimmen gegen Volker Finke noch nicht ganz verstummt. Ein paar Eindrücke aus der Rufweite der SC-Kehle Patrick Baader.

In der Halbzeitpause steht Patrick Baader, der Vorsänger auf Nord, am Bierstand. „Scheiß Stimmung“, fasst der Weiler die ersten 45 Minuten zusammen. Der Mann mit der kräftigen Stimme und dem ausgeprägten Geltungsbedürfnis ist heute, bei gerade mal 11 000 Zuschauern, wieder einmal der Lauteste im Stadion. „Wollen wir hoffen, dass der SC verliert“, sagt er. Baader ist einer, der den Trainer Volker Finke weg haben will. Skandieren würde er das allerdings nicht. „90 Minuten stehe ich hinter der Mannschaft und feuer‘ sie an. Was nach dem Abpfiff gerufen wird, ist freie Meinungsäußerung und jedem seine eigene Entscheidung“, so Baader.


Neben ihm steht einer, der früher zum Fanclub „Dreisamzäpfle“ gehört hat und sagt: „He Patrick, du kennst doch das Lied ,Im Wagen vor mir fährt ein schönes Mädchen‘. Baader: „Klar. Sing‘ mal kurz an.“ Das Ex-Dreisamzäpfle entlarvt sich als mächtiger Umreimer: „…bei der nächsten Abfahrt schmeissen wir den Volker Finke raus. Hahaha. Super, oder?“ Baader nickt, gibt aber zu bedenken, dass dieser Schlager wohl zu kompliziert sei für einen spontanen Fangesang. Außerdem sei so ein Finkebasher nur dann angebracht, wenn der SC heute verlieren werde.

Wie auch immer, als Baader, heute im Hermeltrikot, die Stufen zur Nordtribüne hinaufsteigt, echauffiert er sich darüber, dass er nicht mehr vorne auf dem Zaun stehen dürfe. „Nicht mal eine Leiter darf ich benutzen. In welcher Stadionordnung steht denn das bitte?“ Es folgt harsche Kritik an der Fangemeinschaft. Auch in der Megaphondebatte würde es „keinen Zentimeter weiter“ gehen.     Dafür geht das Spiel weiter. Baader klettert auf eine Art Wellenbrecher. Mit einer Hand muss ihn ein Kumpel von den Ultras stützen, 45 Minuten lang. Der 29jährige zieht erst mal ausführlich die „Haalloo, Südtribünen“-Nummer ab, bevor er seine Fanidentität im Ausschlußverfahren darlegt: „Wir sind nicht aus Zürich. Und nicht aus Wien. Zusammenhalten, das ist unser Ziel. Wir sind aus Baden. Und nicht aus Bayern…“ Dann das 1:0 durch Pitroipa in der 56. Minute. Euphorie. Selbst die hängeschultrigen taz-Leser auf der linken, unteren Seite der Nordtribüne klatschen und äußern unreflektierte Jubelgeräusche.

Baader vom Fanclub „Markgräfler Schreihälse“ ist nun voll in seinem Element. Der Dirigent der Masse: „Eeeeeey, jetz alle! Spooort Club Freiburg! Wir sind dir trohoi!“, vorgebrüllt in einer Mischung aus James Hetfield und übereifrigem Urlaubsanimateur. Immer wieder setzt er eine Grimasse der gespielten Unzufriedenheit auf, das „Es geht noch lauter“-Gesicht. Später wird ihn ein Polizist dafür loben, wie gut er die Menge im Griff habe. Auch das Schunkeln versteht er zu entfachen, das Hüpfen sowieso. Südbadenpatriotismus geht immer, Schwabenschmäh erst recht und Baader genießt es sichtlich, wie die jungen Mädchen an seinen Lippen hängen. Wozu braucht er eigentlich noch ein Megaphon?

82. Minute, Coulibaly erzielt den zweiten Treffer. Eine schöne gefühlte zweite Halbzeit. Dennoch sagt der Posaunist Baader, der nach dem Spiel mit durchgedrücktem Gaspedal nach Weil heizt, um rechtzeitig zur Probe seiner Guggemusik zu erscheinen: „Der Sieg war doch zusammengewürgt, oder.“ Hat er das Spiel überhaupt verfolgen können? Einen Rückspiegel hat sich der Schreihals jedenfalls noch nicht an den Wellenbrecher montiert.

Nach dem Abpfiff ertönen laute „Finke raus!“-Rufe von einer Fangruppe oberhalb des Tors. Baader beteiligt sich daran nicht. Und er sieht, wie der Spieler Rodar Antar zum Zaun der Nordtribüne läuft und den Fans den Vogel zeigt. Antar ist aufgebracht, gestikuliert provozierend. Baader intoniert „Rodar Antar, Fußballgott.“ Der Libanese lässt sich beschwichtigen.


20 Minuten später, der Presseraum des Badenovastadions. Volker Finke nimmt links außen Platz. Der Trainer gibt zwei Löffel Zucker in seine Kaffeetasse. Den Löffel lutscht er einmal ab, dann schiebt er die Tasse ein wenig nach vorn und hebt sie an zum Schluck. Bevor er beginnt, zu sprechen, fährt er sich kurz mit dem rechten, kleinen Finger über den Mund. Es folgt seine Spielanalyse, während der sich Finke stark die Augen reibt. Dann sagt er: „Wir hatten ja eigentlich das Gefühl, das wir in Duisburg gut aufgetreten sind. Und waren alle so ein bisschen überrascht, was da drei, vier Tage um uns herum los war.“ Der Fußballlehrer verheddert sich dann ein wenig im Bild der „Negativspirale„, in die die Mannschaft „reinrutschen kann“. Fest steht, die Rutschpartie ist vorerst beendet. Presseprecher Martin Braun gewährt den Journalisten Fragen an den Trainer. Es gibt keine.