Erinnerungen an Oliver Raths musikalisches Frühwerk

Jan Hoffmeister

Vor einem Jahr ist Oliver Rath gestorben. Machte er in Berlin als Fotograf Karriere, so kannte man ihn in den späten 90ern und frühen Nullern in Freiburg vor allem als DJ Al Kapone. Wegbegleiter Jan Hoffmeister erinnert an Olis musikalisches Frühwerk.

I
Im Artikel zu Oliver Raths Tod in der Süddeutschen Zeitung wurde lediglich darauf hingewiesen, dass der zuletzt in Berlin lebende Künstler und Fotograf in Freiburg aufgewachsen sei. Das ist natürlich richtig, auch wenn Olli in Konversation und Liedtexten immer darauf verwies, dass er in Heidelberg geboren wurde, einer Stadt, der in der Hip-Hop-Bewegung der 90er Jahre eine geradezu mythische Bedeutung zukam. Schließlich war sie die Heimat von Torch, Toni L, den Stieber Twins und Cora E, sowie einer ganzen Schar von Hiphop-Intellektuellen, die teils an der Uni in Fächern wie Amerikanistik, teils als Interessierte, sich mit der aus den Ghettos der USA kommenden Kultur befassten.


Somit ist hier auch gleich angedeutet, worum es mir in diesem Text gehen soll: das Frühwerk von Rath, den die meisten Freiburger ja unter dem Pseudonym Al Kapone kannten, soll hier noch einmal zur Sprache kommen. Eine letzte Ehre dem Verstorbenen gegenüber - von einem, der nicht immer den besten Draht zu ihm hatte, aber, wie so viele von uns, seinem Ansporn, Mut und Tatendrang viel verdankt.




Ich habe Oli das erste Mal auf einer der vielen Lazer- Posse-Partys wohl im E-Werk in Freiburg gesehen. Dort machte er mit der jungen La Cosa Nostra Crew den lokalen Rivalen von der Lazer Posse das Leben schwer. Ich sehe ihn noch in seiner hochgewachsenen Statur noch vor mir. Oli kam – das habe ich einmal bei einem Besuch, wo ich ein Freestyle aufnehmen sollte, aus dem dann nichts geworden ist, selbst erlebt – aus bürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater starb traumatisch und früh.

Es war ein Thema, das wir als seine Freunde mieden, aber eines dieser Dinge, die uns zur jungen Hip-Hop-Kultur – einer Kunstform, die in der Unterdrückung der Afroamerikaner wurzelt – brachten. Und von denen wir wussten, wie nah sie uns waren und wie sehr sie uns dazu brachten, eine neue Form von Rebellion zu erproben, deren Inhalte unsere in der 68er Generation erwachsen gewordenen Eltern nicht hätten billigen sollen.

Die Opferrolle, die zentraler Baustein der schwarzen Rap-Musik und Hip-Hop-Kultur ist – wir alle schlüpften in sie rein, getrieben von der einen oder anderen Krise, die man eben - ironischerweise- , wenn man unter Seinesgleichen war, nie artikulierte. Bei Oli war es also das Familientrauma, das es dem aus einer eher privilegierten, ethnisch deutschen und bürgerlichen Familie Stammenden erlaubte, sich in die Position des gesellschaftlich Benachteiligten zu setzen, der er ja unter gewissen Umständen objektiv auch war. Allerdings ist es nicht so, dass der bürgerliche Hintergrund keinen Einfluss auf sein Schaffen gehabt hätte.

Wie damals üblich in der Szene, orientierte sich Oli, wie seine bürgerlichen Zeitgenossen, eher an der East-Coast-Rapkultur in den USA als an der in Los Angeles gereiften G-Funk-Ecke, deren Inhalte die Musik aus der Ostküste an Brutalität und Nihilismus weit übertraf. Das war allerdings etwas Besonderes bei uns in der Crew. DJ Doc, von dem Oli das Auflegen und Produzieren lernte, war ein eingefleischter Los-Angeles-Fan, aber Oli witterte doch, dass das für ihn adäquate Feld des Ausdrucks der Sound, den die New Yorker Künstler begonnen hatten, war, denn wie die Stieber Twins, die Beginner oder auch die Stuttgarter Szene schwor Oli auf Jazz-Samples, Wortwitz und die der ganzen Szene eigenen Vermeidung der Artikulation des Wortes Ghetto, das ja Grundbaustein der amerikanischen Ausdrucksform war, aber das bei uns in Deutschland ein Tabu darstellte. Und das obwohl Oli sich auf der Innenseite des ersten Cosa Nostra Tapes noch mit 9mm-Knarre ablichten ließ!

Oli war also East-Coast-Fan und das zeigte sich an der Auswahl an Songs, die er auf den vielen Partys und Jams auflegte, an der Kleidung, die er trug (erst Carhartt, später dann Illmatic und FUBU) sowie an den Inhalten, die er referierte. Seine Helden damals hießen Tim Dog (den die Heidelberger verehrten), Mobb Deep (von denen die Offenburger nie genug kriegen konnten) und Biggie (den Oli schon relativ früh kannte). In unserer Crew war Oli der Motor.

Ohne ihn wären, auch wenn die Meinungen über die Qualitäten dieser Produkte immer auseinander gingen, nie die vielen Hip-Hop-Rules-Partys im Crash entstanden, keines der vielen Mix-Tapes, Alben, Platten oder Konzerte hätte stattgefunden, wäre da nicht sein wie getriebener Wille gewesen, unsere kleine Stadt auf die Landkarte des HipHop zu setzen und darzustellen, wie wir als junge Künstler unsere Rolle als von seelischen Wunden gezeichnete Personen im Spätkapitalismus sehen würden.

Oli hatte den Mut und die Energie, um Projekte bis an ihr Ende zu führen. Ich habe in dieser Managementfunktion lange die Aktivität eines jungen Mannes gesehen, der im ästhetischen Bereich nicht viel zu bieten hatte und deshalb in die Rolle des Organisators und Machers schlüpfte, der sich um das Niveau und die Originalität der Produkte nicht viel geschert hat. Um nun aber zu zeigen, dass das zumindest, was das Frühwerk angeht, eine Fehleinschätzung war, will ich hier noch einmal Revue passieren lassen, was vom jungen Rath im kulturellen Gedächtnis bleiben wird.

II
Was bleiben wird sind das Learning Player Mix-Tape, das New York, New York DJ-Set, und die beiden Ram-Tapes: The Chosen One und Al Kapone und Ram.

Das Learning Player Tape erschien 1997/1998 auf Kassetten, die Oli mit einer Ansammlung von Tape-Rekordern bei sich im Studio vervielfältigte. Das Cover zierten eine Vielzahl von leicht bis gar nicht bekleideten Models von denen ich allein die junge Anna Nicole Smith wiedererkenne, in der Playboy Gründer Hugh Hefner wohl einst eine Art Wiedergeburt von Marilyn Monroe gesehen hatte. Die Collage prägte Olis bis zum Tode eingehaltenen Stil, in dem die Provokation der lasziven, wenn nicht aggressiven Darstellung von Sexualität, wie sie von der bürgerlichen Ordnung eigentlich tabuisiert wird, als Identitätsmerkmal unserer Generation beschrieben wird.

Lange bevor Prinz Pi und Bushido diesen Zug entdeckt und zum Teil auch pornographisiert haben, kannte Oli diese Technik, die ich, zumindest was das Learning Player Tape angeht, nicht einfach als Pornographie disqualifizieren möchte. Keine Frage: Oli hat später, auf seinem Album, diese Grenze überschritten, was ihm sich, denke ich, auch bewusst geworden ist. Das frühe Mix-Tape-Cover aber, von dem ich hier spreche, spricht eine andere Sprache. Es ist die Rolle des Unerhörten, dass die heterosexuelle Geschlechtlichkeit in der bürgerlichen Kultur trotz de Sade und D. H. Lawrence immer noch spielt, die hier als befreiendes Element in der eigenen Adoleszenz-Krise auftritt.

Unvergesslich im Tape selber waren dann auch die Sequenzen, wo die Musik – alles Afroamerikaner hier – den Bereich der Sexualität streift, wie im Übergang zum Mase Song Top of the World, mit Brandy, meine ich, und der kurze Verweis auf Capone Bone von Capone and Noriega, wo es an einer Stelle genialerweise heißt: "slip off the DKNY [Damenunterwäsche] – eat it up!". Die Auswahl an Stücken (Nas bekam immer eine prominente Platzierung), die Kürze mit der sie angerissen wurden, um dann schon wieder dem nächsten Soundbite-Feuerwerk Platz zu machen, sowie die vielen Scratches machen die 60 Minuten Hip Hop für mich zu einem Klassiker.

Dj Al Kapone Mixtape (90s Hip-Hop)



Denn man konnte förmlich kaum Luft holen, bis der nächste Höhepunkt kam und in einem Kommen und Gehen wie an einem tropischen Strand uns Teutonen daran erinnerte, welchen Platz die oft als Befreiung verstandene Sexualität in der Kultur der afrikanischen Diaspora gespielt hat und heute noch, immerhin in Ansätzen, spielt. Die Scratches aber standen im Kontrast zur erotischen Komponente des Tapes, denn sie hatten etwas Mechanisches, aus dem Bereich der Science Fiction entlehntes, wie es auch in dem James Brown Song Sex Machine anschlägt, den Oli sicherlich gekannt haben muss.

DJ Doc, der Lehrer, was musikalische Techniken angeht bei uns in der Gruppe, pflegte saubere und geradezu harmonische Scratches. Die von seinem Schüler Oli hingegen waren mechanisch, industriell, geradezu dreckig. Überhaupt passt der Begriff der Harmonie gar nicht zum Rath’schen Frühwerk, ging es hier doch um die Disruption und unerwartete Unterbrechung, die den Sound auch von anderen amerikanischen DJs und Produzenten, die eher als industriell klingend angesehen werden wie etwa DJ Premier, unterscheidet.

Das bringt mich zum Set, das Oli mehrfach in Discos, Clubs und Partys in Freiburg präsentiert hat und das eigentlich ohne Namen blieb, aber von jedermann als das auf die amerikanische Metropole New York gemünzte Produkt erkannte. Beim Auflegen spürte man geradezu die Spannungen zwischen den DJs und den Cliquen, die sich um sie scharten, wenn der eine seinen Mixer abbaute und seine Plattenkiste wieder mitnahm, während der nächste aus den Startlöchern schoss. Die Augen der Szene beachteten jetzt jeden Fingerzug und man wartete in Höchstkonzentration, welche Lieder der Meister nun über die Anlage schallen lassen würde.

Das New York, New York –Set bestand aus Stücken von Onyx, Grandmaster Flash and the Furious Five, Rakim, Mobb Deep und Dogg Pound (letzteres übrigens ein klarer Stilbruch, handelt es sich doch hier um einen West Coast Song, der sich gegen New York richtete). Es war eine tiefe Verbeugung vor der afroamerikanischen Lebenswelt gekoppelt an die Sozialkritik von Künstlern, die die Erosionserscheinungen in den Städten des Westens aus nächster Nähe kannten und denen Oli nicht nur ein Sprachrohr gab, sondern deren Sätze er zu seinen eigenen machte, indem er ihr Tempo veränderte, Sequenzen unterbrach oder umbaute und in einer Stadt im Südschwarzwald in viel zu hohen Dezibel präsentierte.

"New York, New York: big city of dreams, but everything in New York ain’t always what it seems". Das war Kritik an einer Moderne, dessen Kanten wir als Kinder der 80er und 90er Jahre (Tschernobyl, Golfkrieg, Jugoslawien) aus eigener Erfahrung kannten. Wir hatten keine Antworten auf die Widersprüche, die uns unsere Gesellschaft vor die Augen setzte, aber dass es Widersprüche waren, daran bestand für uns nicht der geringste Zweifel. Der afro-britische Philosoph Paul Gilroy, in dessen Seminar ich mal saß, sieht die afrikanische Diaspora als gleichzeitig inner- und außerhalb des Westens. Diese an psychische Entfremdung grenzende Stellung erlaubt es den Afroamerikanern, eine Gesellschaft als fremd zu kritisieren, dessen Teil sie eigentlich sind. Ihre Poeten sind stolz auf New York und wissen doch, dass es ihr Babylon ist. Was sollen sie auch anderes tun? Echter politischer schwarzer Nationalismus ist begraben und life must go on.

Das Resultat ist ununterbrochenes kulturelles Nomadentum, Auflösung aller Traditionen, post-modernes Spiel mit politischen Formen. Wir alle haben damals erkannt, dass hier ein Weg bedeutet wurde, die soziale Krise in unsere Identität zu integrieren, ohne dabei auf eine gewisse Art von Stolz zu verzichten, denn wir hatten ja immerhin Kreativität an den Tag gelegt, saßen nicht auf der Couch oder schlimmer und wollten unseren Eltern sogar dankbar sein für die Überreste von Familie, die uns der Kapitalismus noch nicht gänzlich zerstört hatte.

RAM MC - The Chosen One [Freiburg, 2000]



Das war bei uns in der Gruppe unterschiedlich gelagert. Doc, zum Beispiel, glaubte noch an süditalienische Konzepte wie Ehre oder Tradition, deren Vergewaltigung durch das Privatfernsehen, das Internet oder Hartz Vier dann zur Solidarisierung mit den Gangstern in L.A. und den benachteiligten Jugendlichen in unseren Vorstädten führte. Olis Weg hingegen war die unbedingte Provokation, die, das muss man auch sagen, oft auf das Konto von Frauen oder Schwachen ging. Einmal auf einem Fotoshooting auf dem Münster habe ich vorgeschlagen, sich vor der Silhouette Weingartens ablichten zu lassen, wofür Oli nur Gelächter übrig hatte. In dieser Hinsicht unterschied er sich, zumindest an diesem Tag, nicht von den Stiebers und Lazers, die eher die Musikrichtung wechseln wollten, als anzuerkennen, dass es in Deutschland Unterdrückung gibt.

RAM & AL KAPONE [Freiburg, 2002]



Als Oli seinen Zögling Ram gefunden hatte, machten die beiden noch zwei geniale Tapes, bevor Oli die Zelte abbrach und nach Berlin ging. Diese Tapes stehen in der Tradition der bürgerlichen Phase der Hip-Hop-Bewegung in Deutschland, aber sie sind qualitativ gut, auf einem Niveau mit Eins, Zwo oder den frühen Sachen der Beginner. Ram artikulierte unseren Protest, und bei seinem besten Stück, das vom Basketball handelt, erscheint unsere Lebenswelt in den Farben, die sie wirklich trägt. Man macht den Slam Dunk, während die Chabs am Rand stehen und Wetten abschließen. Davon lebt Rap: von Einblicken in die Gesellschaft, in der wir leben, authentisch erzählt, ohne den Zeigefinger zu heben und mit der Solidarität mit den unteren Schichten, deren Sicht der Dinge man sich aneignet, auch wenn das zu Konflikten führt: going native, ein Stück weit.

III
Als ich Olis Fotos von ihm in New York, die wohl im Zuge seines Verfahrens mit einem Polizeibeamten entstanden sind, gesehen hatte und wusste, dass es eine späte Bildcollage von ihm zum Boxer Muhammad Ali gab, war ich stolz auf ihn und ein bisschen auch auf uns. Hier war jemand, der keine Angst hatte, den Amerikanern auf den Schlips zu treten, weil er wusste, wie die Afroamerikaner leben müssen. Im Bild von Ali hat sich Oli noch einmal verbeugt vor dieser Kultur, dessen Energie uns als jungen Menschen so imponiert hatte.
Zur Person
Jan Hoffmeister war mit Olli befreundet und gehörte derselben Crew an. Er verließ die Freiburger Hip-Hop-Szene 2000, um in Frankfurt Anglistik zu studieren. Heute arbeitet er als Sprachlehrer.

Mehr zum Thema: