Erdmöbel im Jazzhaus: "Wir sind ja Freaks"

Carolin Buchheim

"Retrospektive" heißt das aktuelle Album von Erdmöbel, und so heißt auch die Tour, mit der die einzigartige Band aus Köln heute abend im Jazzhaus halt macht. Caro hat mit Erdmöbel-Sänger Markus Berges und Bassist Ekimas im Vorfeld über Sinn und Zweck von Best of-Alben und den Song geredet, der für Erdmöbel das ist, was für die Stones 'Satisfaction' ist:



Wie würdet ihr den Sound von Erdmöbel einer tauben Person beschreiben?


Markus Berges:
Einer tauben Person? Oh je. (Pause) "Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist." Das ich weiß, was das ist, ist ja beschämend!

Ekimas:
Gestern habe ich zufällig bei Funkhaus Europa einen Film gefunden, wo zwei Frauen was singen, und die haben den Ton weg gemacht; man sollte dann raten, was das ist. Es war 'Wann wird’s mal wieder richtig Sommer'. Als ich das dann wusste, hat es nicht mehr so Spaß gemacht. Auch taube Menschen sollten zu unseren Konzerten kommen, denn uns auf der Bühne sehen, das sieht auch ohne Ton ganz toll aus. (lacht)

Markus Berges:
Und man kann die Lippenbewegungen ablesen.

Ekimas:
Ich glaube, taube Menschen hätten Spaß an den Worten, die sie da ablesen können.

In Euren Liedern kommen legendär lange und ungewöhnliche Worte vor. Vergnügungslokal mit Weinzwang, zum Beispiel. Ob man die langen und ungewöhnlichen Worte gut von den Lippen lesen kann?

Markus Berges: Ich glaube da muss man schon Spezialist sein. Aber diese Worte haben ja Musik, und so könnte man die Musik der Worte beim Lippenlesen hören.

Ist das eines Eurer Alleinstellungsmerkmale?


Markus Berges:
Ich glaube schon, dass uns die Art, wie wir Worte verwenden auszeichnet. Das ist zwar nicht einzigartig auf der Welt, angloamerikanische Bans machen das ein bisschen häufiger als deutsche Bands, aber wir machen das schon sehr intensiv und auf eine sehr eigenen Art.

Welche angloamerikanischen Bands machen das Deiner Meinung nach ebenfalls?

Markus Berges: Alle die ich gut finde - von Bob Dylan bis Spoon und Fionn Regan.

Ihr habt ein schönes neues Album, das 'Retrospektive' heißt. Ist es ein klassisches Best of-Album?

Markus Berges: Es ist insofern kein klassisches Best of-Album, als dass so eins ja typischerweise die Hits versammelt. Wir haben uns überlegt: das ist zu langweilig, und zwar nicht nur für die, die es hören sollen, sondern auch für uns selber. Wir wollen das ja auch live spielen und dabei etwas erleben. Wir haben also Sachen herausgesucht, die für uns noch interessant sind. Das sind Lieder, die uns beim Hören noch berühren. Entweder, weil sie uns anrühren, oder weil wir sie seltsam finden, oder weil wir uns wundern, dass wir das so gemacht haben oder uns denken, dass wir das heute gar nicht mehr so könnten.

Das war eine ziemlich emotionale Entscheidung, die Sachen auszusuchen. Wir hoffen, dass Retrospektive sowohl für neue als auch für alte Hörer interessant ist. Letztere können dabei vielleicht ihre Geschichte mit uns noch mal neu entdecken. Und die, die uns überhaupt erst mit den letzten beiden Alben kennengelernt haben, finden es vielleicht  interessant zu hören, was wir früher überhaupt gemacht haben. Denn soweit ist das alles ja von Krokus gar nicht entfernt. Nur ganz anders.

Ekimas: Wir sind ja Freaks. Wir stehen total drauf, wenn wir finden, dass etwas neu ist, und wir hatten ein bisschen ein Problem damit, für uns abgenudelte Sachen auf Retrospektive drauf zu tun, das erschien uns einfach nicht interessant. Wir haben stattdessen Sachen ausgesucht, die wir vergessen hatten, und bei denen wir dann gedacht haben: 'Oh! Toll! Das war ja damals super!' Die Hälfte der Songs, die drauf sind, sind Sachen, die wir selbst wiederentdeckt haben, Sachen, die wir musikalisch nicht weitergeführt haben.

Wenn das Album auch für Leute sein soll, die Euch vielleicht erst seit 'Krokus' kennen, dann hat es ja quasi einen edukativen Aspekt. Was sollten von Retrospektive, nunja, lernen?

Markus Berges: Uns ist nur eins wichtig: die Erziehung der Herzen. (lacht) Und es gibt ja nicht nur viele Leute, die nur Krokus kennen, sondern auch welche, die nur die #1-Hits kennen.

Dann denken die, ihr seid so eine Cover-Band! Wie die Baseballs!

Markus Berges: Womöglich!

Ekimas: Wir finden es übrigens gar nicht so schlimm, dass die Leute uns so verschieden einordnen. Wenn wir ein Konzert machen an nem Ort, wo eher traditionelle Musik gespielt wird, dann kommt oft ein Journalist und findet, dass wir auch eher genau so traditionelle Sachen machen. Das soll er auch gerne so finden, auch wenn es überhaupt nicht stimmt. Bei uns kann jeder seinen eigenen Film fahren!

Euch gibt es schon seit Mitte der Neunziger. Wie hat sich der Erdmöbel-Sound in all' den Jahren verändert?


Ekimas:
Unser erstes Album das ist so Gitarrenrock gewesen. Wir haben uns das jetzt angehört und haben festgestellt: eigentlich müsste man das noch mal veröffentlichen, weil da so viele tolle Sachen drauf sind, die wir einfach nicht weitergeführt haben, als wir mit der breitbeinigen Rockmusik aufgehört haben. Ich spiele ja mittlerweile auch Bass, und nicht mehr Gitarre, und das ist eine Sache, wo wir eine Menge wieder rausholen können.

Wir waren früher ziemlich sehr laut und auch ziemlich schrill. Wir haben so alte Fotos gefunden, wo man sieht, dass wir auch auf der Bühne ziemlich rumgesprungen sind. Jetzt mache nur noch ich das so, weil ich nicht anders kann. Schon mit dem nächsten Album haben wir uns komplett umgestellt, die Leute aufgefordert, sich bei Konzerten hinzusetzen, haben selbst gesessen und so leise gespielt, wie es ging. Es war sehr schwer, so leise zu spielen, wir mussten uns das Rocken quasi abtrainiert. Aber das war zu sehr drin, das war langweilig.

Wie würde im Jahr 2011 ein Gitarrenrock-Konzert von Erdmöbel aussehen?

Ekimas: Das zurück auf die Bühne zu holen, das ist nicht möglich. Aber das wollen wir auch eigentlich nicht.

Markus Berges: Für uns ist es jetzt eher interessant, uns den alten Sachen zuzuwenden mit dem, was wir inzwischen gelernt haben. Mit dem neuen Sound, den wir haben, bei dem zum Beispiel das Klavier sehr wichtig ist; beim ersten Album hatten wir das überhaupt noch nicht, und fanden es als Instrument damals auch nicht ineressant. Es geht heute also eher darum, die Sachen von früher neu zu interepretieren.

Die Tour heißt wie das Album. Was wird es zu hören geben?

Markus Berges: Wir werden die Songs des Albums spielen, und natürlich auch darüber hinaus. Im Moment sind wir damit beschäftigt, die alten Sachen einzuproben, so dass wir sie interessant finden und auch spielen können. Das macht schon richtig viel Spaß. Wir wollen uns selber auch ein bisschen überraschen.

Ekimas:
Wir werden viel mehr Songs einüben, als wir an einem Abend spielen können. Vielleicht spielen wir dann auch auf Zuruf, man will ja nicht jeden Abend auf Tour die gleichen Lieder spielen. Wobei es gar nicht so schlimm ist, jeden Abend die gleiche Setlist zu haben, die Stones spielen ja auch auf jedem Konzert 'Satisfaction' und die Leute wären traurig, wenn dem nicht so wäre. Wichtig ist, dass die Dramaturgie an jedem Abend anders ist, und an jedem Abend eine andere Version abgefeiert wird.

Was ist denn das 'Satisfaction' von Erdmöbel? Welchen Song wollen Eure Zuschauer immer hören?

Ekimas: 'Nah bei Dir' und 'In den Schuhen von Audrey Hepburn'. Aber insgesamt glaube ich, dass unser Publikum doch zu unseren Konzerten kommt, um was neues zu erleben und zu hören.

 

Erdmöbel - Für die nicht wissen wie

Quelle: YouTube
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Mehr dazu:

  Was: Erdmöbel (Support: Friedman Weise)
Wann: Mittwoch, 26. Oktober 2011, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus
Tickets: ab 27, 50 Euro