Erbrechen gehört zum Ritual: Ein Soziologe über das Phänomen Ballermann

Lorenz Bockisch

Sacha Szabo, 39, ist Soziologe und betreibt "Unterhaltungswissenschaft". In seiner Doktorarbeit untersuchte er Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Danach erforschte er die Welt von Playmobilfiguren und die der Schlümpfe. fudder gab er Auskunft über seine soziologischen Betrachtungen und Interpretationen zum Party-Phänomen 'Ballermann' auf Mallorca.



Was fasziniert die Menschen an diesen Sommer-Sonne-Strand-Gelagen? Warum fahren die Leute dahin?

Der Ballermann ist, und so wird er auch vermarktet, Karneval fürs ganze Jahr. Dort kann eine gewisse Auszeit vom Alltag genommen werden und über diesen Urlaub vom Alltäglichen hat sich eine bestimmte Kultur entwickelt.

Besteht diese Kultur nur aus Sangria-Eimern und Sommer-Hits?

Dies sind Teile dieser Kultur. Hier gibt es die vier zentralen Elemente des Karnevals: Erstens die Aufhebung alltäglicher Normen – die Sexualmoral ist gelockert. Zweitens werden verschiedene soziale Schichten vermischt. Drittens findet eine Aneignung von Herrschaftsinsignien statt. Das klingt vielleicht bisschen hoch gegriffen, aber bei Jürgen Drews, der sich als König von Mallorca ausgibt, haben wir dieses karnevaleske Motiv. Das spannendste ist das vierte Element, nämlich dass religiöse Rituale ironisiert werden. Das Eimer-Trinken ist, zugespitzt, tatsächlich ein Ritual. Dieser Eimer mit den langen Strohhalmen initiiert ein Gemeinschafts- oder Gruppengefühl. Das ist eine modernere Form des Stammtischs, wo man aus dem Humpen trinkt. Außerdem ist interessant, dass die Übersetzung von „Sangria“ „Blut“ bedeutet. Dieses „Blut“ und die gemeinschaftsbildende Funktion zusammengenommen ergibt eine gewisse Parallele zum christlichen Abendmahl.

Ist das nicht bisschen weit hergeholt?

Rituale, auch das christliche Abendmahl, reagieren auf bestimmte menschliche Bedürfnisse, gestehen Menschen eine bestimmte Form von Spiritualität zu. Der Unterschied ist natürlich, dass die religiöse Botschaft nachhaltig ist. Bei solchen Vergnügungskulturen fällt diese Nachhaltigkeit weg. Dann gibt es nur noch das reine Ritual, das im Unterschied zur Kirche den Rausch, die Ekstase in den Vordergrund stellt.

Hier sind also nur die Kopfschmerzen nachhaltig?

Ja. Und was auch dazugehört, ist das Erbrechen. Diese Übelkeit wird bewusst in Kauf genommen – Sangria ist gezuckert und hat viele Früchte, die sehr leicht ein Unwohlsein erzeugen können. Dieses Erbrechen ist auch Teil des Erlebnisses Ballermann. Es wird mit einem gewissen Stolz erzählt: „Ich hab gestern so viel getrunken, dass ich mich dort an der Ecke übergeben musste.“

Warum ist dieser Ritualort für Deutsche ausgerechnet Mallorca geworden?

Neben dem stereotypen Bild des Südens mit Sonne, Strand und Meer kommt hinzu, dass Mallorca eines der ersten Ziele war, die pauschal angeflogen wurden und damit für Bevölkerungsschichten mit geringem Einkommen zugänglich waren. Daher die Bezeichnung „Putzfraueninsel“. Ein interessantes „Zitat“ ist, dass aus den Putzeimern, die mit der Putzfrau in Verbindung gebracht werden, der Alkohol konsumiert wird. Wir sehen hier wieder die Figur der Verkehrung: etwas, das eigentlich abschätzig gemeint ist, wird angeeignet und zu einem Teil der Ballermann-Identität umgeformt.

Sind die Eimer wirklich ein Zitat oder werden sie nur benutzt, weil sie billig und transportabel sind und 5 Liter reinpassen?

Natürlich gibt es auch diese praktischen und ökonomischen Gründe. Wir kennen viele dieser Gefäße – der Humpen, der Stiefel – aus denen in Gemeinschaft getrunken wird. Aber es wundert natürlich schon, dass hier ein Gefäß benutzt wird, das intuitiv als nicht sehr hygienisch empfunden wird und das auch als Begriff einen gewissen Ekel erzeugt. Genau dieses wird benutzt, um ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen.



Apropos Gemeinschaft: Fährt man nur dorthin, um dieses Gruppengefühl zu erleben? Gehört das zum Ritus?

Jedes Jahr fliegen ca. 3,5 Millionen Deutsche nach Mallorca. Darunter gibt es Gruppen, die den Ballermann gezielt ansteuern. Diese Gruppen kann man schon beim Hinflug erkennen: Sie tragen besondere T-Shirts. Auf einem schönen Exemplar stand: „Willst du einen haben, musst du alle nehmen!“ Es wird im Vorfeld eine sehr starke Gruppenidentität gebildet. Man begibt sich als Gruppe dort hinein, erlebt was, verfällt dem der Ekstase und kehrt dann wieder zurück. Dann erkennt man die gleichen Besucher wieder, die jetzt ganz andere Souvenirs tragen, etwa die Werbe-T-Shirts der Großdiskotheken und Trinkhallen, Cowboyhüte mit Werbeaufdrucken, die jetzt als Erinnerungsstücke und Belege dafür gelten: „Ich war da!“

Quasi als Pilgerreise?

Dieser Begriff passt nicht so recht. Bei der Pilgerreise ist der Weg das eigentliche Erleben, beim Ballermann ist der Festakt das zentrale Element. Der besteht darin, dass ich mich gegen Mittag einstimme, am Abend in das Geschehen eintauche und mich am nächsten Morgen in der Sonne ausschlafe. Dies wird mit einer gewissen Kontinuität gemacht.

Ein weiteres pseudoreligiöses Zitat: Die größte Diskothek dort, der Megapark, wird in einem Gebäude abgehalten, das einer Kirchenruine gleicht – mit gotischen Fenstern, in die kirchenfensterähnliche Bilder eingelassen sind, die Hopfen und Malz preisen.

Wie haben sich die Rituale in den letzten Jahren verändert?

Neuerdings werden die deutschen Vergnügungsviertel, also El Arenal und Palma, von der Inselregierung als imageschädigend angesehen und sehr restriktiv behandelt. Das eben erwähnte Eimersaufen ist eigentlich untersagt. Natürlich wird das umgangen: Man kauft einfach Strohhalme, Eimer und Alkoholika einzeln. Und es wird auch die Außenlautstärke begrenzt, weswegen sich das eigentliche Geschehen in die Festräume verlagert.

Sonne und Strand fehlen dann, die Riten bleiben aber gleich?

Nun, die Sonne fehlt oft auch so, weil ein Großteil des Geschehens in der Nacht stattfindet. Aber es verlagert sich tatsächlich sehr. Das kann man etwa am Ballermann 6, dem „Idealtypus“ in unserer Vorstellung, sehen. Der hat sich in seinem Erscheinungsbild stark verändert. Ursprünglich war davor ein großer Auflauf, es wurde laute Musik gespielt, und auch auf dem Strandabschnitt um den Ballermann 6 herum fand sehr viel statt. Dies wurde durch politische Entscheidungen sehr stark reglementiert und verlagert sich in diese Lokalitäten: in den Bierkönig, den Megapark, in die Schinkenstraße und die Bierstraße.

Was ist die Faszination an diesem Phänomen, dass auch so viele Medien darüber berichten? Da sieht man doch nur nackte rote Oberkörper und Saufgelage.

Bei der Festkultur in Deutschland steht der Ballermann im Sommerloch. Im Winter gibt es die Apres-Ski-Events, im Frühjahr und im Herbst viele Jahrmärkte und im Sommer eigentlich nur diese Urlaubsorte. Für uns Zuschauer ist es interessant, die Mitmenschen bei einem Normbruch zu erleben: wie sie aus ihrer Rolle herausfallen, wie sie in Situationen sind, bei denen uns schon beim Zusehen ein Gefühl des Fremdschämens überkommt. Der zweite interessante Punkt für die Medien ist die hohe Eigenidentität dieses Ortes. Das geschieht durch Protagonisten wie Jürgen Drews oder Mickie Krause, aktuell sind es die Autohändler, letztes Jahr war es das Lied vom kleinen Hai. Da hat sich eine sehr eingängige Kultur entwickelt, die auch medial von einer hohen Attraktivität besetzt ist.

Sie waren selbst lange Zeit dort und haben beobachtet?

Ich war nicht lange dort, aber ich forsche seit langem über Vergnügungskultur. Da lag es nahe, dass ich mir den Ballermann angucken musste. Ich habe mich vorher sehr stark über die Attraktionen an Kirmes und Vergnügungsparks angenähert und bin mit dieser Vorstellung auch an den Ballermann herangegangen. Aber ich fand das alles nicht vor. Was ich vorfand, war ein soziales Ereignis – man könnte es Besäufnis nennen – aber es ist wesentlich mehr. Es wird gemeinsam gesungen und gefeiert. Ich habe eine gewisse Faszination dafür gefunden. Beim zweiten Forschungsbesuch bin ich dann sehr bewusst über den Ballermann gegangen, habe sehr dezidiert nach bestimmten Motiven gesucht.
Der Forschungsansatz, den ich gewählt hab, ist ein sozialphänomenologischer, er lebt sehr stark von der teilnehmenden Beobachtung. Die Gefahr besteht natürlich, wenn man die teilnehmende Beobachtung übertreibt, dass das eigene Urteilsvermögen und die Wahrnehmung zu stark getrübt werden. Deshalb konnte ich nicht wirklich teilnehmen.

Wie kann man sich Sie dort vorstellen? Laufen Sie im Anzug über den Strand?

Es war ein Gedanke, ob ich mir ein T-Shirt machen soll „Soziologe bei der Arbeit“. Tatsächlich habe ich einfach Strandkleidung getragen, mich an diese Orte begeben und mich mit den Besuchern unterhalten. Bei den Discobesuchen kann man natürlich auch nicht als Soziologe auftreten, muss sich der Umgebung anpassen und Mimikri betreiben.

Sind Ihre Seminare an der Uni bei so „populären“ Themen überlaufen?

Nun, das hängt zum einen vom Thema ab. Die Seminare, die ich anbiete, beschäftigen sich in der Regel sehr stark mit der Alltagskultur und dem wissenschaftlichen Blick darauf. Und sie erfreuen sich innerhalb der Kultursoziologie eines gewissen Zuspruchs.

Welche Projekte haben Sie in der nächsten Zukunft vor?

Das aktuelle Forschungsprojekt ist, dass wir versuchen zu beschreiben, wie Markenidentitäten entstehen. Bislang werden Marken sehr stark aus wirtschaftswissenschaftlicher und aus psychologischer Sicht beschrieben. Sie werden auf der eine Seite über Design bestimmt. Aber darüber hinaus gibt es bestimmte Legenden, eine bestimmte narrative Struktur. Und die ist für uns wichtig. Dass Marken auch eine Identität bilden können, ist eine Fragestellung, die vorrangig von der Soziologie beantwortet werden kann.

Das heißt, Sie können erklären, warum Pepsi cooler ist als Coca Cola?

Genau. Wir können erklären, warum Pepsi cooler ist als Coca Cola, wobei ich eingestehen muss, dass ich Coca-Cola-Trinker bin. Was wir zum Beispiel erklären können, ist etwa, dass sich um Coca Cola sehr viele moderne Mythen herumranken, etwa das Gerücht „Cola löst den Magen auf“ oder dass ein Stück Fleisch, in Cola eingelegt, nach ein paar Tagen weg ist. Solche Mythen entstehen um bestimmte Produkte herum und um andere nicht. Jetzt ist es spannend zu schauen, was passiert damit? Diese Produkte und Mythen bekommen dann ein Eigenleben. Sie verselbständigen sich. Sie können in bestimmte andere Diskurse eindringen, übernehmen dort eine Funktion und werden ihrerseits wieder zitiert. Dies zeichnet eine gelungene Markenkonzeption gegenüber einer weniger gut durchdachten aus. Und wir als Soziologen können nun die sozialen und kulturellen Prozesse sehr gut abbilden.

Also ist aus Ihrer Sicht Coca Cola cooler als Pepsi?

(zögert lange) Ein klares Vielleicht.

Mehr dazu: