Erasmus in der Türkei: Wie das Programm unter der politischen Lage leidet

Jana Luck

Erasmus-Aufenthalt in einem Land in Aufruhr: Welche Folgen die politische Situation in der Türkei für die Partnerschaft der Universitäten hat, erklärt Ulrich Eckelt, Erasmus-Hochschulkoordinator an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Zwischen 700 und 800 Studierende aus Freiburg nehmen im Jahr am Erasmus-Programm teil, um an einer der Partner-Universitäten zu studieren oder um ein Praktikum zu absolvieren. An die über 20 türkischen Erasmus-Partneruniversitäten etwa in Ankara, Izmir oder Istanbul wollen immer weniger: drei Viertel weniger Studierende als vor fünf Jahren. Der Grund liegt auf der Hand – die politische Situation ist instabil und nicht zuletzt Eltern oder Großeltern sorgen sich. "Auch der akademische Betrieb ist eingeschränkt", sagt Ulrich Eckelt, Erasmus-Hochschulkoordinator an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.


Einige der Partneruniversitäten fielen schon aus dem Programm, weil Dozenten entlassen wurden oder an den Unis nicht mehr gelehrt wird wie vorher. "Lustig ist das nicht mehr", sagt Eckelt. Gleichzeitig sieht er aber auch, dass etwa für manche Soziologie- oder Politikstudierende genau das den Reiz eines Auslandsaufenthaltes ausmacht: eine politische Nahtstelle zu sehen, einen Umbruch.

Immer weniger Outgoings, immer mehr Bewerber aus der Türkei

"Wenn wirklich etwas Schlimmes passiert in einem Land, in dem wir Studis haben, dann melden wir uns sofort bei ihnen und fragen, ob alles in Ordnung ist", sagt Eckelt. "Wir sind da, falls jemand zu Schaden kommen sollte oder sonst wie Hilfe braucht." Jeder der Outgoings genannten Studierenden gibt vor der Abreise außerdem einen Notfallkontakt an, den das EU/Erasmus-Büro kontaktieren kann. Auch Kontakt zum Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und den Botschaften und Konsulaten vor Ort gibt es. Die Studierenden erhalten Links und Kontaktmöglichkeiten zu Ansprechpartnern in ihrer Stadt, wenn etwas passiert. "Wir bieten den Studierenden dann außerdem an, vorzeitig und unproblematisch den Auslandsaufenthalt abzubrechen", sagt Eckelt. Von der Familie gebe es schon genug Druck. Im EU/Erasmus-Büro sei man außerdem gerade für den Fall Türkei gut aufgestellt; eine Mitarbeiterin spricht fließend Türkisch und kann so beim Vermitteln helfen.

Während immer weniger Freiburger in die Türkei wollen, gibt es laut Eckelt immer mehr Bewerber aus der Türkei, die gerne an der Albert-Ludwigs-Universität studieren wollen.

Die Konstanz der Partnerschaften ist wichtig

Obwohl die Zahl der Outgoings in die Türkei aber gesunken und die politische Lage und Entwicklung an den Universitäten unklar ist, sei es weiterhin wichtig, solche Programme wie den Erasmus-Austausch aufrecht zu erhalten, sagt Eckelt – der Konstanz solcher Partnerschaften wegen und auch weil niemand weiß, wie die Situation in der Türkei künftig aussehen wird. Es gibt auch andere europäische Länder, in denen Studierende offenen Auges das politische Verhalten beobachten sollten, sagt Ulrich Eckelt. Ländernamen möchte er nicht nennen, verweist aber auf Staaten, in denen europäische Grundwerte und Standards gerade in den letzten Monaten in Frage gestellt werden.

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