Ephemerals auf dem ZMF: Selbstvergessener Nuschelsoul

Alexander Ochs

Hugh Grant barfuß im Anzug an der Trompete, ein hingebungsvoll schmachtender Sänger, ein dicht gewebter Soulteppich und Freiburgs coolste Tanz-Oma – all das bot das Konzert der englischen Soulcombo im Spiegelzelt.

Es ist wie eine Geheimsprache: Der schwarze Sänger Wolfgang Valbrun hat seine Augenlider fast durchgängig zu drei bis vier Vierteln heruntergelassen, wie schwere Rollläden bei brütender Hitze. Ihm gegenüber, direkt vor der Bühne, wirbelt eine fesche Ü-60-Dame im dunklen Kleid unentwegt und unglaublich lässig – stets mit geschlossenen Augen, so als müsste sie sich stilvoll durch einen Föhnsturm kämpfen. Ihre grazilen Gesten lassen wesentlich jüngere Bewegungslegastheniker schlichtweg alt aussehen.


Alt könnte auch die tief soulige Musik der siebenköpfigen Combo wirken, wie aus der Zeit gefallen. Oder hochaktuell, schließlich läuft die Retrosoul-Welle schon seit Jahren auf Hochtouren. Doch weder noch – die taufrische Band spielt erst seit drei Jahren zusammen und hat in dieser Zeit schon drei Alben eingespielt. Merke: Wenn du einen guten Opener auf der Platte drauf hast, nutze ihn zur Konzerteröffnung.

Dynamischer und klarer Sound

So "The Beginning" vom aktuellen Werk "Egg Tooth". Mit konventioneller Besetzung – Bläser, Bass, Gitarre, Drums und E-Piano – entwickelt die Truppe einen warmen Sound, fernab von Retroklischees. Nur die Inbrunst und Hingabe des mal singenden, mal sprechenden, mal schreienden Valbrun gemahnt an die Soulheroen alter Schule.

Ephemerals und die lässig dancende Oma

Ein Beitrag geteilt von Alexander Ochs (@mysterox) am 19. Jul 2017 um 3:25 Uhr



Jazzig groovend oder auch mal rhythmisch vertrackt – mit (scheinbar) wenig Aufwand und wenig Aufhebens geben sich die sieben Musiker ihrem Spiel hin. Eher statisch agierend auf den Planken des nur zu einem Drittel gefüllten Spiegelzelts, füllen sie mit ihrem dynamischen und klaren Sound das heute weite Rund voll und ganz aus. Optisch auffällig: Trompeter Dan McLean, dem britischen Schauspieler Hugh Grant nicht unähnlich, steckt im grünblau karierten Anzug – barfuß. Er bekommt genau wie Saxmann Thierry Lemaitre seine Soli.

Die Asse werden aus dem Ärmel geschüttelt

Den Hauptakzent neben dem raspelnd-säuselnden Reibeisen Valbruns setzt aber James Graham am E-Piano. Erst tupft er vorsichtig zarte Figürchen hin, dann lässt er die hohen Pianokringel rieseln, um später psychedelisch intensiv aufzuheulen im ganz starken "You’ll Never See Me Cry". In der zweiten Hälfte ihres gut 100-minütigen Gigs schütteln sie ihre Asse nur so aus dem Ärmel. Nur der kleine Nuschel-James-Brown macht es den Zuhörern manchmal nicht leicht: Welchen Song hat er gerade angekündigt? Australia? Ashtray? Nee, Astraea.

Viel Wehmut, viel Demut und tief geschlossene Augen - aus Müdigkeit oder Selbstvergessenheit? Egal. Die Jungs kommen großartig an. Um es mit einem ihrer Songtitel zu sagen: Life Is Good.

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