"Entweder du gehst ohne Brille oder ohne Fahrrad"

Gina Kutkat

"Brille oder Fahrrad?" Das Opfer Peter F. wollte sich nicht entscheiden, denn beides gehörte ja ihm. Seine Antwort wurde von den Tätern mit einer Bierflasche belohnt, die sie ihm von hinten auf den Kopf schlugen. Dabei hatte alles so friedlich angefangen an diesem Samstagmorgen im April 2006. Ein Bericht aus dem Freiburger Amtsgericht.



Der Tathergang

Peter F. befindet sich auf dem Heimweg von einer Party. Es ist vier Uhr morgens und die Dämmerung setzt bereits ein. Peters Ziel ist das Rieselfeld, das er mit seinem Fahrrad über den Radweg der Basler Straße erreichen möchte. Der 39-Jährige beschreibt seinen Zustand zu diesem Zeitpunkt als "angetrunken". Kurz nachdem der Radweg in einen kleinen Park hineinführt, versperrt ihm eine Gruppe Feiernder den Weg. Peter F. steigt von seinem Fahrrad ab, er ist in geselliger Stimmung und kommt mit den jungen Leuten ins Gespräch. Sie bieten ihm etwas zu trinken an und Peter F. nimmt das Angebot an.

Unangenehm wird die Situation erst, als 15 Minuten später zwei junge Männer zu der Gruppe hinzustoßen, die ihre aggressive Stimmung nicht verstecken. Sätze wie "Du bist hier nicht erwünscht" zielen in Peter F.'s Richtung. Sein Zippo-Feuerzeug im Wert von 25 € wird ihm nach Benutzung von einem der Jugendlichen nicht zurückgegeben. Peter ahnt, dass die Situation eskalieren könnte und schiebt sein Fahrrad in Richtung des Parkausgangs.

Die zwei später erschienenen Männer kommen ihm hinterher. Einer von ihnen trägt einen roten Pullover mit dem Emblem "NYC". Die beiden bleiben neben Peter stehen, einer hält Peters Fahrrad fest. Die kleine Gruppe ist etwa 10 Meter von den anderen entfernt. Mit einer unsaften Bewegung nimmt man Peter F. seine Brille vom Kopf und stellt ihn vor die Wahl: "Entweder gehst du ohne Brille heim oder ohne Fahrrad. Das hat nämlich soeben den Besitzer gewechselt." Peter F. möchte natürlich beides zurück, bekommt aber stattdessen eine Bierflasche von hinten links auf den Kopf geschlagen.

Mit einer Platzwunde am Kopf entfernt er sich vom Ort des Geschehens und holt Hilfe bei der nahegelegenen Jet-Tankstelle. Im Nachhinein bekommt er sein Feuerzeug von der Polizei wieder ausgehändigt. Sein Fahrrad findet man eine Weile später in einem Müllcontainer. Der Schaden wird ihm von einem der später gesondert verfolgten Person ersetzt.



Die Hauptverhandlung

Zur Hauptverhandlung am 24. Januar 2007 lädt die Richterin neben dem Geschädigten und dem Angeklagten Ilja B. auch einige Zeugen der Tat. Darunter auch der gesondert Verfolgte Alessandro S. Die Richterin beobachtet in dieser Verhandlung einen großen "Schwenk" in der Aussage des Alessandro S. Bei seiner ersten Vernehmung kann er sich kaum an das Geschehen erinnern und macht einen zunehmend unsicheren Eindruck.

Er bestreitet, das Fahrrad von Peter F. mit einem Geldbetrag ersetzt zu haben und gibt zu Protokoll, lediglich 80 € als Entschädigung gezahlt zu haben. Die Richterin telefoniert in der Mittagspause mit dem zuständigen Sachbearbeiter,  der diese Aussage widerlegt. Insgesamt 464 € hat Alessandro S. demnach an den Geschädigten Peter F. gezahlt.

Nach mehrmaligem Nachbohren der Richterin und einem Gespräch mit seinem Verteidiger kann sich Alessandro S. doch an einige Details des Tathergangs erinnern. Inzwischen stellen Richterin und Staatsanwalt seine Glaubwürdigkeit in Frage. Alessandro S. belastet den Angeklagten, Ilja B. und sagt, er hätte vor ihm große Angst gehabt und deswegen zunächst geschwiegen. Seiner Meinung nach stehe Ilja B. häufiger unter dem Einfluss von Kokain, welches ihn in eine aggressive Stimmung versetze.

Aufgrund der diffusen Aussagen wird die Verhandlung vertagt.

Neuaufnahme

Der Staatsanwalt verliest die Anklage gegen Ilja B.

Dem Angeklagten Ilja B. wird zur Last gelegt, das Feuerzeug von Peter F. an besagtem Abend an sich genommen zu haben. Desweiteren seien er und Alessandro S. dem Geschädigten gegenüber aggressiv geworden und hätten ihm seine Brille im Wert von 150 € vom Kopf genommen. In dieser Situation sei der Satz "Entweder du gehst ohne Brille heim oder ohne Fahrrad" gefallen. Im Zuge der daraufhin erfolgten Auseinandersetzung habe der Angeklagte dem Geschädigten eine Bierflasche über den Kopf geschlagen und dessen Trekkingfahrrad im Wert von 300 € an sich genommen.

Als erste Zeugin tritt die Richterin der Hauptverhandlung auf und berichtet von dem "Schwenk", den es in der Aussage des Alessandro S. gegeben hat und der zur geringen Glaubwürdigkeit des Angeklagten geführt hat. Desweiteren hätten die anderen Zeugen nicht nur Ilja B. entlastet, sondern Alessandro S. belastet.

Der zweite Zeuge ist Alessandro S. Dieser beruft sich auf sein Auskunftsverweigerungsrecht. Der Staatsanwalt kann ihm trotzdem entlocken, dass er ein freundschaftliches Verhältnis zu Ilja B. pflegt, da beide Nachbarn sind.

Dritter und letzer Zeuge ist der Geschädigte Peter F. Anderthalb Jahre nach dem Tathergang kann er sich nicht mehr an alle Details erinnern. Die vielen "Ich meine" und "Ich glaube" während seiner Aussage bezeugen dies. Peter F. erinnert sich nur noch an eine Person in einem roten Pullover. Wer diesen getragen hat, kann er nicht sagen.



Das Urteil

Der Ergänzungsvorsitzende, der Staatsanwalt und der Verteidiger von Ilja B. sind sich darüber einig, dass weitere Zeugenaussagen nicht nötig sind, da sie schon bei der Hauptverhandlung entlastend für Ilja B. gewirkt haben. Der Geschädigte Peter F. erkennt Ilja B. und bestätigt, dass dieser an besagtem Abend dabei gewesen ist. Ob er an dem schweren Raub beteiligt war, kann er nicht mit Sicherheit bestätigen.

Letztlich spricht man Ilja B. frei.

Kurioses

Die Verhandlung beginnt mit einem Riesenchaos. Der Verteidiger hat sich nicht alle Akten seines Mandanten durchgelesen und ist deswegen teilweise unvorbereitet. Erst nach ewigem Hin-und-Her beginnt der Prozess.

Danach herrscht im Gerichtssaal eine Stimmung, als seien auf einmal alle Freunde, die nur das Beste für einander wollen.

Zum Schluss lobt der Verteidiger von Ilja B. den Geschädigten Peter F. für seine "ehrliche Zeugenaussage", dann gehen beide zusammen in die Raucherpause.