Spaziergang

Entspannt und gesellig: Ein Besuch auf dem Wiehremer Nachbarschaftsflohmarkt

Claudia Förster Ribet

Schnacken statt feilschen, Entspannung statt Kaufrausch: Nur zwei Straßen entfernt vom traditionellen Wiehreflohmarkt blüht am Samstag zeitgleich ein Newcomer auf: Wie es auf dem Wiehremer Nachbarschaftsflohmarkt zuging.

Abseits vom großen Rummel des Flohmarkts am Alten Wiehrebahnhof, zwischen Erwinstraße und Sternwald, trifft man als Spaziergänger am Samstag auf wunderliche Szenerien: Kleidung, die an Zaunpfählen hängt, Handtaschen, die halb in einer Hecke verschwinden. An jeder Ecke sitzen Anwohner auf Sesseln und Mäuerchen vor ihren Häusern. Vor ihnen liegen Berge von Schmuck, Babyklamotten oder Büchern. Hinterhöfe und Hauseingänge verwandeln sich in Einkaufsmeilen für alte Schätze, die neue Besitzer suchen. Sie alle bilden den Wiehremer Nachbarschaftsflohmarkt, der von elf bis 16 Uhr stattfindet – einige Stunden vor dem bekannten Großformat Wiehreflohmarkt am Alten Wiehrebahnhof, der von 15 bis 19 Uhr stattfindet.


"Hier ist alles viel persönlicher als auf einem kommerziellen Flohmarkt", sagt die 44-jährige Patricia Müller, die den Nachbarschaftsmarkt zum vierten Mal organisiert hat, "es geht nicht nur ums Verkaufen, sondern vor allem um das Zwischenmenschliche, für das im Alltag wenig Zeit bleibt". Und dass der Flohmarkt so kurz vor dem Großformat am Alten Wiehrebahnhof stattfindet, sieht sie gar nicht als Problem. Im Gegenteil: "Ich denke, dadurch dass beide Flohmärkte am selben Tag, aber hintereinander stattfinden, profitieren beide Märkte davon."

"Ein Flohmarkt vor dem Keller ist schon praktisch", Anne Maier

"Das ist eine gute Gelegenheit, den Mittag zu verbringen und mal wieder mit meinen Nachbarn zu schnacken", sagt auch Tanja Halder, die mit ihrer kleinen Tochter deren alte Babyklamotten verkauft. Auf einen richtigen Flohmarkt zu gehen, sei mit dem Kind viel zu stressig: Um fünf Uhr morgens kistenweise Krempel ins Auto laden, alles mühsam aufbauen und dann doch nichts verkaufen? Nein, danke, antworten da auch viele andere Wiehre-Bewohner. "So ein Flohmarkt direkt vor dem Keller ist schon praktisch", sagt die 36-jährige Anne Maier, die ihren Stand gemeinsam mit einer Freundin von außerhalb betreibt, "und ohne Gebühren ist die Hürde viel kleiner, spontan mitzumachen. Wenn wir nichts loswerden, ist das gar nicht schlimm".

Babykleidung wird besonders gut verkauft

Tatsächlich geht an den Ständen einiges über den Tisch. Besonders im Trend: Söckchen und Strampler für Babys und Hippie-Schmuck aus exotischen Ländern. Hier und da wird ein altes Fahrrad angeboten oder ein Kindersitz, ein verschnörkeltes Teeservice oder feines Ölgemälde.

Sara Kettner ist erst vor kurzem in die Wiehre gezogen und vom Konzept begeistert: "Statt überfüllten Ständen kann man hier ganz entspannt durch die Straßen laufen – und dabei mal einen Blick in die Häuser und Hinterhöfe der anderen werfen", sagt die 35-Jährige, die gezielt nach Kindersachen sucht. "Bei uns kommt eher Laufkundschaft vorbei", erklärt der zehnjährige Max Bender, der in seinem Innenhof ausgemistete Spielsachen anbietet. Vor allem sein Playmobil ist bei den Nachbarskindern beliebt. "Mir macht es Spaß, zu verkaufen und Kontakt zu den Menschen zu haben", sagt er. Der Nachbarschaftsflohmarkt sei dafür viel besser geeignet als große Event-Märkte, auf denen nur gefeilscht wird.

Wie Max stehen auch andernorts auffallend viele Kinder allein oder mit ihren Eltern hinter den Tapeziertischen – kein Wunder, denn versteckt in den Seitenstraßen der Wiehre geht es hier lange nicht so trubelig zu wie auf einem kommerziellen Flohmarkt. Die Kundschaft plätschert vor sich hin, meistens ist es in den Gärten und vor den Häusern ruhig. Mittags schlendern vor allem Anwohner mit Kinderwägen durch die Straßen, hier und da verirren sich Spaziergänger oder Radfahrer auf dem Weg zum Markt in den Straßen und treffen zufällig auf den Flohmarkt.

Am Abend sind die Keller der Wiehre-Bewohner dann etwas leerer, die Kleiderschränke und Spielzeugsortimente frisch aufgefüllt. Vor allem aber ist die ein oder andere nachbarschaftliche Freundschaft wiederaufgelebt – oder neu entstanden. Fazit: Ein spannendes Konzept, das unbedingt auf andere Freiburger Stadtteile übertragen werden sollte! Im nächsten Jahr wird der Nachbarschaftsflohmarkt jedoch unabhängig vom großen Bruder am Alten Wiehrebahnhof stattfinden – und an einem anderen Tag seine Stände präsentieren. Der kleine Bruder ist nun groß geworden.

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