Entscheidungsprotokoll: Mit wem will ich zusammenziehen?

Linda Zimmermann

Linda steht vor der Entscheidung, mit wem sie zusammen ziehen soll. Mit Jan oder mit ihrer Freundin Tati? Oder soll sie vielleicht doch lieber ersteinmal alleine wohnen? Ein Entscheidungsprotokoll.

Sonntag, 22 Uhr: Oh mann, was für ein Wochenende. Gerade erst habe ich das Thema angesprochen - und schon die längste Diskussion am Hals. Wenn Männern etwas nicht passt, dann können sie ja plötzlich sehr gesprächig sein. Dann können sie echt über die klitzekleinste Kleinigkeit diskutieren.

Dienstag, 16:30 Uhr:
Ich hatte heute eine lange Unterhaltung mit Tati. Sie hatte die Immobilienanzeigen dabei. Und war total euphorisch. Ihre Augen haben geleuchtet und ihre Backen waren ganz rot, als sie mir etwas von Kaltmieten, Dreizimmerwohnungen und den Vorzügen von Balkonen und Bädern mit Fenster erzählt hat. Um ehrlich zu sein war ich nicht ganz bei der Sache. Ich musste die ganze Zeit an Jan denken und an sein bedröppeltes Gesicht, als ich ihm am Montag erzählt habe, dass ich überlege nach dem Abi mit Tati zusammenzuziehen.

Freitag, 23 Uhr:
"Ich kann nicht verstehen, dass du lieber mit ihr zusammenziehst als mit mir!" Jan hatte bei diesem Satz echt Tränen in den Augen. Hätte ich gewusst, dass meine Idee zu den heftigsten Auseinandersetzungen zwischen mir und meinem Freund führen würde, ich hätte vorerst meine Klappe gehalten. Es ist ja auch noch gar nichts entschieden! Aber er tut so, als wäre es beschlossene Sache, dass ich mit Tati zusammenziehe. Diese ganze Wohnungsgeschichte verdirbt mir echt die Laune. Vielleicht kann ich die schlechte Laune ja jetzt wegtanzen.





Samstag, 14 Uhr: Von wegen Probleme wegtanzen. Es gab gestern kein anderes Thema als: "Ich ziehe bald mit Linda zusammen, ist das nicht cool! Wir beide in einer eigenen Wohnung!!" Tati erzählte es echt jedem, ob er es hören wollte oder nicht. Und ich stand nur betreten daneben. Für sie ist es anscheinend auch schon beschlossene Sache. Es ist ja auch eine tolle Idee: Wir zwei Chaosnudeln in den eigenen vier Wänden. Zusammen kochen und endlich keine halbe Stunde mehr mit der Bahn rumgurken müssen um Klamotten auszutauschen. Sturmfreie Bude und zwar immer! Quatschen bis in die Nacht. Aber muss sie unsere Idee jetzt schon jedem erzählen?

Montag, 12 Uhr:
Das war ja so klar: Gestern haben Jan und ich das Thema Wohnung wohlweislich außen vor gelassen und einen einigermaßen harmonischen Abend verbracht. Doch kam jetzt gerade ein Anruf von ihm: Er war stinksauer und meinte, dass es ja doch schon beschlossene Sache sei. Es wüssten ja schon ALLE! (Das letzte Wort hat er geschrien!) Die Neuigkeit hat sich anscheinend wie ein Lauffeuer in der Clique verbreitet: Tati und Linda haben bald 'ne eigene Wohnung, Partys nonstop. Und ich habe jetzt den riesen Stress am Hals. Irgendwie hab ich mir meine erste Wohnungssuche anders vorgestellt!

Mittwoch, 18 Uhr:
Seit unserem Telefonat am Montag ist zwischen Jan und mir Funkstille. Ich bin irgendwie auch zu bockig, mich bei ihm zu melden. Dabei kann ich mir schon vorstellen, wie er sich fühlt: Wie die zweite Wahl. Schließlich sind wir jetzt auch einige Zeit zusammen und es wäre sicher wunderschön, jeden Abend neben ihm einzuschlafen. Aber ich habe Angst vor zu viel Abhängigkeit und vor zu viel Nähe. Was ist wenn wir uns trennen? Zurück zu Mutti? Tati kenne ich schon seit ich aus den Windeln herausgewachsen bin. Sie ist wie meine Schwester. Mit ihr könnte ich mir alles vorstellen. Und wer weiß, wie meine Gefühle zu Jan in einem Jahr aussehen?

Donnerstag, 20 Uhr: So viel Enge in meinem Kopf. Ein riesiges Gedankenwirrwarr – und das alles nur wegen dem Wunsch nach ein bisschen Freiheit. Tati hat heute gemeint, dass sie es gut versteht, wenn ich noch Zeit bräuchte, um mir das Ganze noch mal durch den Kopf gehen zu lassen. Wegen dem ganzen Stress mit Jan. Sowas nenne ich eine super Freundin! Vielleicht brauche ich wirklich noch ein bisschen Zeit für meine eigene, ganz persönliche Entscheidung.

Mittwoch, 23 Uhr: Ich bin hundemüde. Seit zwei Stunden liege ich im Bett, im Dunkeln. Mein Körper will unbedingt schlafen, aber mein Kopf scheint noch lange nicht müde zu sein. Er denkt, und denkt, und denkt. Mit wem soll ich zusammenziehen? Mit Jan oder mit Tati? Oder mit keinem von beiden? In eine WG oder alleine? Soll ich überhaupt ausziehen? In den vergangenen Tagen habe ich mir zwei Wohnungen angesehen. Angebote aus dem Internet herausgesucht. Ohne wirklichen Plan. Soll die Wohnung nun groß genug sein für zwei? Oder reicht mir eine Einzimmerwohnung? Meine Wohnungsbesichtigungen waren wohl auch eher ein Ablenkungsmanöver für mich selbst. Denn wie soll ich mit dem Vermieter über Kellerräume, Stromkosten und Kühlschränke reden, wenn ich noch gar nicht weiß, was ich will? Kein Wunder also, dass mir die Wohnungen nicht gefallen haben. Eine war zu eng, die andere in einer Gegend, in der man nachts lieber nicht alleine unterwegs ist. Ich kämpfe momentan für einen Traum, der selbst nicht ganz geheuer ist. Bin ich egoistisch? Schließlich bringe ich Chaos in mein gesamtes Umfeld. Ich gebe meinen Eltern das Gefühl, mich zuhause nicht mehr wohl zu fühlen, ich stoße meinem Freund und auch meiner besten Freundin vor den Kopf, weil ich einfach nicht weiß was ich will. Ich bräuchte jetzt dringend einen Masterplan.

Donnerstag, 18 Uhr: Ich bin immer wieder erstaunt, wie ein Problem, das in der Dunkelheit der Nacht unlösbar erscheint, bei Tageslicht betrachtet gar nicht mehr so überwältigend ist. Die Sonne kitzelt mir in der Nase, es ist wunderschön warm. Ein Kaffee + die beste Freundin + Sonne = ist doch alles gar nicht so schlimm.

Zwei Wochen später, Freitag, 22 Uhr: Gute Laune ist angesagt. Seit einer halben Stunde singe ich mit Bon Jovi und Green Day aus dem Radio um die Wette. Was in zwei Wochen so alles passieren kann! Meine Wohnung ist klein, hell und es war Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste: Hier will ich wohnen und sonst nirgendwo anders. Und, ja, seit zwei Wochen glaube ich auch an das Schicksal. Tati wurde bei Lufthansa angenommen - wird also viel im Ausland unterwegs sein, und Jan studiert bald in Kehl. Beides Abschiede, die mir sehr schwer fallen werden. Aber mir wurde auch eine schwere Entscheidung abgenommen: Ich werde nun alleine in mein kleines Reich einziehen.