Endlich Abi - und jetzt?

Valentin Waibel

Durch ist's, das Abi, das Ziel von 13 Jahren Schule erreicht. Und jetzt? fudder-Autor Valentin Waibel hatte einen ganz klaren Plan für die Zeit nach dem Abi: keinen zu haben. Und jetzt? Gedanken über die Ruhe nach dem Sturm, den perfekten Abiurlaub und den Lohnsteuerjahresausgleich:



Ein alter VW-Bus, die staubige Polaroidkamera aus Papas Schatzkiste voller Erinnerungen an die längst vergangene Jugend, Freunde, für die man durchs Feuer gehen würde und eine Landstraße direkt an der Küste Kroatiens. Vielleicht auch Spanien. Oder doch der Atlantik?! Egal. Hauptsache frei!


Ziellos will man sein, keine Pflichten kennen. Leben, wie man gerade lustig ist – jeder nach seinem Gusto. YOLO eben.  Ist es nicht das, was wir immer schon wollten? Einfach ins Auto steigen und losfahren, ganz egal, wohin. Hauptsache in Richtung Süden.

Wie viele Lieder kennen wir, in denen genau dieses Szenario beschrieben wird? Wie viele Playlists haben wir erstellt, insgeheim immer in der Hoffnung, dass eine von ihnen als Soundtrack dieses einen Trips in unserem Inneren ein Holi-Festival der Endorphine verursacht?

Man schaue sich nur einmal die zahllosen Filme an, die grenzenlose Freiheit, Glück und eine perfekte Welt suggerieren. Eben genau diese Bilder, die - gespickt mit schönen Menschen - genau das verkörpern, was wir uns so sehnlich wünschen.



Lagerfeuer, Gitarren, Sonnenuntergänge, hier ein wenig Schnaps und Gras, dort Männer, die ihre Traumfrau in Zeitlupe Huckepack über Blumenwiesen tragen. Melancholie und Pathos verbildlicht im Super 8-Vintagelook. Filmsequenzen, die in uns Wehmut und Glück gleichzeitig erwecken.
Videos, die uns in Erinnerungen schwelgen lassen. Erinnerungen an Ereignisse, die wir nie erlebt haben. Videos, die in uns Gefühle aufkommen lassen, die wir nie gefühlt haben. Einzig, um aus unserem, im Vergleich trist und grau wirkenden, Alltag zu entfliehen. Wenn auch nur für 3 Minuten 24 plus Abspann.

So vieles haben wir uns erhofft, jetzt da der Schulabschluss in der Tasche und uns die neu gewonnene Freiheit nicht mehr zu nehmen ist. Der einzige Plan, den wir immer hatten, war es, keinen zu haben.

Doch wo stehen wir? Irgendwo zwischen zweckmäßigen Uni-Bewerbungen zum weiteren Erhalt des Kindergeldes, Jobsuche und mehrmaligem Umdrehen von jedem einzelnen Cent. Bei Benzinpreisen von 1,60 Euro pro Liter erscheint uns das erhoffte „Eben mal losfahren“ ebenso fern wie der Beginn eines Studiums, zu dem unsere Eltern uns so drängen.

Zwölf Jahre Schule waren in erster Linie nervtötend, manchmal anstrengend, keineswegs aber der Inbegriff von Freiheit. Eines allerdings war während der Schulzeit garantiert: Gewissheit.

Gelegentliche Fragen wie „Und? Was machste nach der Schule?“ waren mit einem Achselzucken und einem verständnisvollen „Naja, du hast ja auch noch Zeit!“ des Gegenübers schnell abgetan, und über Dinge wie den Lohnsteuerjahresausgleich oder Krankenversicherungen, die ab einem monatlichen Verdienst von mehr als 450 Euro nicht mehr über die Eltern laufen, hat man sich erst recht keine Gedanken gemacht. Wozu auch? Schließlich ist man jung und will von all dem nichts wissen.



Jetzt, nach der Schule, ist man zwar immer noch jung und sicherlich nicht wesentlich reifer als noch zu Beginn des Jahres, doch muss man plötzlich von all dem etwas wissen. Ob es einem passt, oder nicht.

Vermutlich ist es genau diese Freiheit, von der wir immer geträumt haben, diese Freiheit, in der wir völlig unabhängig vom Elternhaus sind, die uns jetzt Angst macht und uns zunächst einmal gefühlt mehr einengt, als alle Pflichten, die wir zuvor hatten. Denn Verpflichtung geht immer Hand in Hand mit Sicherheit. Wo steht man nun also als junger Springinsfeld, dessen einzige Verpflichtung gegenüber sich selbst besteht?

„Du lernst nicht für die Lehrer, du lernst für dich!" Wie oft hat man diesen Satz gehört und direkt wieder vergessen? Jetzt scheint er wahr geworden zu sein, und das muss ein junger Mensch, dessen Gedanken sich zwischen Tiefkühl- und Alkoholabteilung des örtlichen Supermarktes mehrfach überschlagen, erst mal verdauen.

Prost!



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