Encyclopaedia Southsidetica

Dirk Philippi

Nur noch einmal schlafen, dann steigt das Jubiläums-Southside 2008 in Neuhausen ob Eck. Das Wetter verspricht überraschend Gutes, wenn von Freitag bis Sonntag zum mittlerweile zehnten Mal das Zwillingsfestival des Hurricane vor den Toren Tuttlingens stattfindet. fudder wird Euch während des kommenden Wochenendes mit aktuellen Berichten, Fotos und allerlei Eindrücken versorgen und bietet Euch im Folgenden vorab ein Southside-Alphabet - unsere "Encyclopaedia Southsidetica".



A wie Anfahrt

Egal, ob im versifften Regionalzug oder Papas klapprigem VW-Bus, vor der Party ist während der Party. In der Regel beginnt das Southside mit einem hyperventilierenden Schaffner oder einer gepflegten Soireé am Stauende nach Tuttlingen. Ihr kennt die Bohemian-Rapsody-Nummer aus Waynes World? Genau so! („[…] to escape from reality […] Mama Mia!“



B wie Bändchen

Die Wolfgang-Petry-Gedächtnis-Riemen im All-Inklusive-Look sind mehr als nur die Eintrittskarten zum Glück. Immer öfter werden sie auch noch lange nach Festivalende als Türöffner für Flirts („Hey, Du warst auch auf dem Southside?!“) und nachhaltigen Teilnahmebeweis (Dabei war, wer´s dran hat!) genutzt. Aber Achtung: Selbstverliebtes Prahlgehabe kann spätestens vor Weihnachten zu Schimmelgeruch und wildem Fleisch am Handgelenk führen.

C wie Crowdsurfen

Das Engelchenflieg in der Horizontalen und über den Köpfen der Menschenmenge ist auf dem Southside zwar verboten, und dennoch sollte man stets auf rübergereichtes Humangut vorbereitet sein. Empfehlung: Mädchen surfen auf dem Rücken, Wuchtbrummen gar nicht.



D wie Dixiklo

Das blauweiße Festival-Guantanamo darf natürlich auch auf dem Southside nicht fehlen. Eine gut getimte Benutzung (morgens nach der Leerung) kann mehrtägigen Dauerbrechreiz verhindern. Zudem niemals – wirklich niemals – nach unten schauen! Bei abgelegeneren Dixi-Siedlungen unbedingt einen Body- bzw. Entleerungs-Guard zum Schutz vor den Dixikeglern mitnehmen. Wer einen Dixikegler zu fassen bekommt, lässt die Menschenrechte meist zuhause.

E wie Erbrechen

Schwallartige Entleerung des Magen- oder Speiseröhreninhaltes, reziprok zur natürlichen Richtung, durch den Mund. Neben abgelaufenen Ravioli-Verfallsdaten rangieren das Festival-Bungee-Springen mit Vodka-Antrieb sowie eine abwärts gerichtete Blickrichtung (siehe „Dixiklo“) auf Rang zwei der 12-seitigen Gründe-Liste, knapp hinter hybridem Ethanolgenuss.

F wie Frühstück

Einer der schönsten Flecken auf dem Flughafengelände in Neuhausen ob Eck ist der Stand der fahrenden Tuttlinger Bäckerei mit ihren anbetungswürdigen Frühstücks-Leckereien. Wer Geld und Geschmack sparen möchte, kann natürlich noch die roten Teigtaschen vom Vorabend kalt verschlingen oder gleich zum Buchstaben „K“ übergehen.



G wie Gummistiefel

Gehört für den Teil der Southside-Gemeinde mit einem Rest an Hygiene-Absicht und Funktionalitäts-Sinn zum absoluten Pflichtprogramm. Und man glaubt es kaum: Auch ohne Fetischgelüste sehen manche Damen in den Kautschuktretern recht lecker aus. Aber Achtung: Extremer Schweißfußalarm!

H wie Helga

Zweisilbige Festivalhymne, die bevorzugt volltrunken fremden Gästen unvorbereitet in die Hörmuschel gebrüllt wird und deren Spaßfaktor nur schwer zu entmystifizieren ist. Angeblich hat mal irgendjemand irgendwann und irgendwo seine Helga gesucht und ist Helga rufend über den Platz gerannt. Bevorzugte Antwort: „Helga ist tot“. Verwandte Hymnen: „Timmeeeyyyy“ oder „Slayer“, was beides so viel heißt wie „Hilfe, ich habe meine Synapsen verloren!"

I wie Indie-Ideologie

Eigentlich ganz einfach: Alles was Mainstream ist, ist scheiße. Die unbekannteste Band ist die beste. Und man selbst ist der einzige, der wirklich Ahnung von guter Musik hat. Neben allen Dogmen: Locker rockt besser!

J wie Joint

Auch Dübel, Spliff, Horn oder Tüte genannt. Zur konisch geformten und verbotenen THC-Kippe wird mancherorts nicht nur in Folge von Dauerregen und Frostfrust gegriffen. Zitat Southside-HP: „Solltest du allen Ernstes auf die Idee kommen, illegale Drogen ausprobieren zu wollen, lass dir gesagt sein, dass ein Festivalgelände ein denkbar schlechter Ort dafür ist. Das Festivalwochenende an sich ist schon surreal genug.“

K wie Konterbier

Gehört zum Southside wie Kondome ins Zelt. Wer seinen Saft nicht von zuhause aus mitschleppen möchte, der kann sich Dosenplörre auch in den Festival-Stores kaufen. Vorteil: Stets gekühlt. Nachteil: Fehlende Artenvielfalt und Preis. Alternative: Sangria in der 5-Liter-Pennerglück-Pulle – schmeckt auch warm nicht schlechter als kalt!



L wie Lineup

Eng verwandt mit dem Stichwort Timetable und jedes Jahr aufs Neue der Anlass für nervenaufreibende Planspiele: Wann will ich wo sein? Auch dieses Jahr gibt´s auf dem Southside wieder unlösbare Probleme. Gleich am Freitag etwa: Nada Surf oder The Kooks? Gesetzt beim 10-Jahre-Southside-Jubiläum: Calexico, Sigur Ros, Radiohead, Tocotronic, The Notwist, Deichkind, The Weakerthans, Chemical Brothers, The Wombats, Maximo Park, Foo Fighters (siehe aber auch “I wie Indie-Ideologie”).

M wie Mariniertes

Für das Durchgaren der mitgebrachten Schweinehälften bzw. Sojaschnitzel über offenem Feuer bietet die Catering-Beauftragte des Southsides den mittlerweile schon legendären „Helga-Grill“ in der Nähe des Haupteingangs (Für die unterirdischen Lust-Barden mit der Akkustik-Klampfe vom letzten Jahr übrigens: Hauptausgang!).

N wie Nahrung

Rot geht immer – auch kalt. Ravioli ist der Cuisine-Klassiker in Festival-Kochern. Tipp: Verfallsdatum checken und zur Steigerung der Nahrungsaufnahmeeffizienz Dixis unbedingt vor dem Essen aufsuchen. Zudem Achtung vor pubertären Ravioli-Terroristen, die beim Kochen des Dosenfutters auf das vorzeitige Entfernen des Deckels verzichten.

O wie Ohrstöpsel

Sehen weiß einfach appetitlicher aus als die klassischen gelben. Werden in magenta-weiß-gestreift auch als Werbepräsent verteilt. Auf Flirtsprüche wie „Soll ich Dir meine Stöpsel leihen?“ oder „Die hab ich schon seit dem ersten Southside!“ ist besser zu verzichten.

P wie Pogo

Abgesehen von all den physiologischen Trainingsaspekten des Ausdruckstanzes für Docs-Träger ist das Pogen vor den Bühnen in allererster Linie eine Top-Möglichkeit für Kurzsichtige und Groupies, sich vorzudrängeln.



Q wie Quarantäne

Der Ort, an den Euch Eure Eltern, Freundinnen oder Mitbewohner stecken, um in einer dreiwöchigen Hygiene wiederherstellenden Isolations-Maßnahme den Iltis aus und von Euren Leibern zu treiben. Waschlappen auf dem Southside? Schwamm drüber!

R wie Regenschirm

Selbst bei Frauen, die aus Zucker sind, ist der gedrahtete Nässeschutz ein absolutes No-go! Durchgefeuchtete Klamotten gehören nicht nur bei den inkontinenten Jennifer-Rostock-Fans zum guten Ton – so wie übrigens auch Frostbeulen zwischen den beiden großen Zehen. Achtung: Bei Nässe können Eure Zelte selbstständig den Platz wechseln. Witterungstaktisch solltet Ihr Euch besser dem geeigneten Sonnenschutz widmen, sonst geht´s vollends an die Hirnrinde.

S wie Seven Nation Army

Einer der zehn besten Gitarrensongs aller Zeiten (britische Musikzeitschriften) ist DER Party-Mitgröl-Klassiker schlechthin. Während auch auf dem Southside die Melodie mit Ohrwurm-Garantie wieder und immer wieder ertönen wird, haben es die White Stripes (mit zwei Mann bzw. Frau die kleinste Rockband der Welt!) mit ihrem Jahrhundert-Riff aktuell bis zur offiziellen Einlaufmeldodie bei der UEFA-Euro 2008 geschafft.



T wie Tetrapack

Einzig erlaubtes Behältnis, um mitgebrachte Trinkwaren aufs Festivalgelände zu bekommen. Mitunter existieren äußerst anspruchsvolle Haltevorrichtungs-Bastelarbeiten. Am beliebtesten aber: 1,5 Liter Tetrapack Eistee - Inhalt wechseln – mit Gaffa-Tape zum Brustbeutel oder Umhängetasche umfunktionieren – Prost!

U wie Unverständnis

Haltung der Mitmenschen Eurer Entscheidung gegenüber, freiwillig abseits der Genfer Konventionen in Schlamm- und Müllwüsten zu vegetieren und sich dabei gefühlte 100 Bands in drei Tagen anzuhören.

V wie Verletzungen

Bei mehr oder weniger großem Aua stehen die Helden der Malteser sowie erprobte Schlammdoktoren zur Verfügung. Häufigste Verletzungsursachen auf dem Southside: Bänderverlängerungen durch das Betreten von Bodenlöchern in vollkommener Dunkelheit, abgetrennte Gliedmaßen durch das plötzliche Vorfinden von Zeltschnüren bei Fangspielen in submaximaler Geschwindigkeit, Verschlucken von Sedimenten beim orgiastischen Schlammcatchen oder Genitalpilz nach einer Zeltverwechslung. Ach ja, Alkoholvergiftungen sollen auch schon vorgekommen sein.

W wie Wasser

Nein, das Bläuliche in den Dixis ist kein Trinkwasser! Das gibt es dort, wo sich Eure Mitmenschen wie die Schweine vorm Trog um die Wasserstellen versammeln. Bitte ordentlich in Zweierreihen aufstellen.

X wie Xavier Naidoo

Siehe R wie Rock am Ring

Y wie Y-Chromosom

Unterscheidet das Männlein vom Weiblein und ist damit mitverantwortlich für Lust und Frust während den Festivaltagen. Reichlich Zungengymnastiken und Körperverknotungen stehen mindestens genauso viel klagende und wimmernde Herzen gegenüber. Denn: Die oder der Schöne aus dem Nachbarzelt oder aus der Reihe vor einem ist prinzipiell immer schon vergeben!

Z wie Zuhause

Zwischenlager von Juli bis zum nächsten Juni. Hat das kuschligere Bett, das sauberere Klo, die heißere Dusche, das bessere Essen und kältere Trinken und ist doch nichts im Vergleich zu drei Tagen Musikgenuss mit Freunden in der Freiheit.



Mehr dazu:

Southside: http://southside.de/" titel="">Website

Was: Southside Festival 2008

Komplettes Line-Up: Apoptygma Berzerk · Bat For Lashes · Beatsteaks · Bell X1 · Biffy Clyro · Billy Talent · Black Rebel Motorcycle Club · Blackmail · British Sea Power · Calexico · Deichkind · Die Mannequin · Digitalism · Does It Offend You, Yeah? · Donots · Elbow · Enter Shikari · Flogging Molly · Foals · Foo Fighters · Jaguar Love · Jan Delay & Disko No 1 · Jason Mraz · Jennifer Rostock · Johnny Foreigner · Kaiser Chiefs · Kettcar · Krieger · Madsen · Maximo Park · Millencolin · Monster Magnet · Nada Surf · NoFX · Oceansize · Operator Please · Panic At The Disco · Panteón Rococó · Patrice · Paul Heaton · Radiohead · Razorlight · Rise Against · Rodrigo y Gabriela · Shantel & Bucovina Club Orkestar · Shy Guy At The Show · Sigur Rós · Slut · Tegan and Sara · The (International) Noise Conspiracy · The Beautiful Girls · The Chemical Brothers · The Cribs · The Enemy · The Flyer · The Kooks · The Notwist · The Pigeon Detectives · The Subways · The Weakerthans · The Wombats · Tocotronic · Turbostaat · Wrongkong · Xavier Rudd

Wann: Freitag, 20. bis Sonntag, 22. Juni 2008

Wo: Neuhausen ob Eck (bei Tuttlingen)

Tickets: *ausverkauft*