Zell am Harmersbach

Emesa Amze ist eine der wenigen Frauen in der Sprayerszene

Dierk Kenchtel

Ihre "Ladys" zieren schon etliche Walls – in Offenburg, Leipzig, Zürich und Lissabon. Emesa Amze, Kind litauischer Eltern, aus Zell am Harmersbach hat keine Angst vor großen Wänden.

Ihre Leidenschaft ist das Sprayen. Ihre Geschöpfe nennt sie "Ladies". Emesa Amze aus Zell am Harmersbach macht Graffiti-Kunst. Ihre Gesichter junger, sinnlicher Frauen in Knallfarben prangen auf etlichen Wänden im Raum Offenburg, aber auch in Lissabon, Zürich und Leipzig. Aktuell schmückt sie im Auftrag der Stadt Zell am Harmersbach die Wände des Pavillons im Stadtpark mit Motiven der Zeller Bürgerwehr.


Emesa, 22 Jahre jung, ist eine der wenigen Frauen in der Sprayerszene. Bei Wind und Wetter allein hinauszugehen und stundenlang irgendeine abgelegene "Wall" zu bearbeiten, das würden sich viele Frauen nicht trauen, sagt sie. Sie sucht nicht, wie viele ihrer Kollegen, explizit illegale Flächen. Aber nicht immer sei es klar, ob ein Areal freigegeben sei oder nicht. Es geht nicht darum, das geplante Motiv auf eine beliebige Trägerfläche zu bringen. An verlassenen Häusern, Bauruinen oder zerfallenden Fabriken fasziniert sie die spezielle Aura. Und dann ist da das passende Set, der magische Ort, etwa ein windiger Balkon oder ein kahler Raum mit hohen Wänden. Dort und nicht auf einer Spanplatte im Keller des Elternhauses platziert sie eine ihrer Ladys. Glatte, vor Spannkraft strotzende Wangen, aufgeworfene Lippen, laszive Augenblitze kombinieren sich fröhlich-selbstverliebt mit schimmeligen Putzplacken kurz vorm Abplatzen in Anspielung auf das alte Vanitas-Thema.

Marija Silvija Ambrazeviciute, szenegerecht codiert zu M.S.A, also Emesa, ist noch gar nicht so lange dabei. Ihre erste Wall war in einer verlassenen Klinik, das war Januar 2016. Malen und zeichnen konnte sie schon als kleines Kind, damals in Kaunas, Litauen, wo sie geboren ist. Die Familie ging nach London, als Marija acht Jahre alt war. In den zwei Jahren dort hat sie fließendes Englisch gelernt, was ihr im Kontakt mit ihren Fans sehr nützlich ist. PR und öffentliche Wahrnehmung werden gemessen an der Präsenz im Netz, das heißt in erster Linie in den Sozialen Medien. Das ist nicht nur in der HipHop-Kultur so, der sich viele Sprayer zugehörig fühlen. Eine Homepage, wenn man dies als solche bezeichnen will, hat Emesa bislang nur auf Facebook. Aber Facebook bringt ihr, wie sie sagt, nicht so viel wie Instagram, wo der Schwerpunkt auf Fotos liegt. 3000 Fans hat sie dort, aber das war der Stand im Monat Juni. Es sind ja Bilder, die sie erschafft, stumme Bilder, um genau zu sein.

Writing, wie das verbreitete alphanumerische Graffiti genannt wird, betreibt sie nicht. Deshalb bedrängen ihre Ladys den Betrachter nicht mit einer Botschaft. Sie entziehen sich und bleiben geheimnisvoll. Es seien keine Abbilder ihrer selbst, versichert die Künstlerin. Der Typus gefällt ihr, das ist alles.

Emesa plaudert offen und unbekümmert. Trotz rosa Haarschopf, goldenem Nasenring und Tattoos am Oberschenkel macht sie nicht auf Street-Art-Ikone.

Was als nächstes kommt, wohin sich ihr Style entwickelt, darüber macht sie sich keine Gedanken. Ob das Sprayen irgendwann zum Lebensunterhalt beiträgt? Die eine oder andere Auftragsarbeit hat sich schon ergeben, weiter plant sie nicht. Zuerst einmal hat sie eine gute Zeit, betont sie dankbar, lernt tolle Leute kennen und kommt viel rum. Wie etwa zum Urban-Art-Festival in Dinslaken. Dort war Emesa neben anderen Größen wie Akte One, Reych oder Stoke im Line-Up vertreten. Das ist, was momentan zählt.

Und ja, natürlich die Ausbildung. Nach drei Jahren Berufskolleg steht sie kurz vorm Abschluss zur staatlich geprüften Grafik-Designerin. Ein Job, bei dem ihr Erfolg an den Walls nicht von Nachteil sein wird.