Emanzipiert euch!

Hengameh Yaghoobifarah

Emanzipation? Da ist die Emanze nicht weit, der Busch unter den Achseln, Verklemmtheit und Sterilität. Eigentlich geht's dabei aber um was anderes. fudder-Autorin Hengameh Yaghoobifarah erklärt, wie sie den Begriff versteht und ruft dazu auf, alte Laster abzulegen und sich von seinen Ketten zu befreien.



Sobald der Emanzipationsbegriff fällt, wird dazu geneigt, über das Verhältnis zwischen Mann* und Frau* zu diskutieren. Bewegungen wie der Feminismus bekommen schnell eine negative Konnotation, denn „so eine Emanze“ sei doch die Spaßbremse schlechthin, sie verkörpere Sterilität, Ernsthaftigkeit und Verklemmtheit, gepaart mit Achselhaaren – ganz schlimm. Und diese Militanz, der Männerhass, das hätte doch auch nichts mehr mit Gleichstellung zu tun. Dann sind sich alle einig: Emanzipation, das muss doch nicht sein, das ist nichts Schönes.


Von Klischees belastet wird das Thema in eine Mappe geheftet, ins Regal einsortiert und landet nach einigen Jahren in den Papierwolf. Dabei ist Emanzipation eines dieser Begriffe, die ich sehr schätze, weil sie mehrfach aufzufassen und anzuwenden ist. Emanzipation ist vielmehr als das Distanzieren von Schönheitsidealen, Geschlechterrollen und Paarkonstellationen. Es umfasst jegliche Form des Loslösens gesellschaftlicher, häufig unterdrückender Strukturen und Abhängigkeiten.

Dies kann in unterschiedlichen Kontexten zwischenmenschlicher Beziehungen geschehen. Frauen* können sich von Frauen* emanzipieren, Männer* von Frauen*, Kinder von ihrem Elternhaus, Individuen von der Meinung anderer, ihrer Peer Group, ihrer Szene oder von sich selbst.

Das Geschlecht spielt eigentlich keine Rolle, doch im Kontext patriarchischer Strukturen, wie sie derzeit vorhanden sind, tut sie es trotzdem. Somit ist es selbstredend, dass oft Frauen* oder Queers die sich Loslösenden sind, denn sie geben den tradierten Vorstellungen Kontra.

Apropos Feminismus:

Erinnert ihr euch noch an Kate Nash? Die britische Popsängerin mit den subversiven Texten? Momentan wird sie als eine derjenigen gefeiert, die das Comeback des Feminismus für junge Mädchen ermöglicht hat. Auf ihrer aktuellen Platte „Girl Talk“ strotzt es vor Grrrl Power, aufmüpfig ist sie ja schon immer gewesen.

Doch es bedarf einen kritischen Blick auf ihr früheres Werk. Von Männern* ließ sie sich in der Tat nichts bieten, doch oft gerät in Vergessenheit, dass Misogynie nicht nur von Männern* praktiziert wird. Wenn Frauen* sich frauenfeindlich äußern, macht es die Sache nicht weniger verletzend. So gibt es in ihrem Song „We get on“ eine ordentliche Portion Slut Shaming, sie verurteilt eine andere Frau auf der Basis ihres sexuellen Habitus.

Auf Album Nummer Zwei lässt sich in „Do-Wah-Doo“ die altbackende Heilige/Hure-Dichotomie erkennen. Doch angekreidet wird sie hierfür nicht, sie ist schließlich Kate Nash, sie meint es nicht so. Oder etwa doch?

Wie anti-feministisch dies ist, muss nicht diskutiert werden, die Frage ist vielmehr: Macht es die zeitgenössische Kate Nash weniger feministisch? Ist ihre Vergangenheit so ausschlaggebend für ihr Hier und Jetzt? Und wird sie diesen hässlichen Song jemals aus ihrer Geschichte löschen können?

Klar ist, dass sie sich heute gegen Slut Shaming ausspricht. Girl Hate hat sie scheinbar hinter sich gelassen. Während die einen sie als „female chauvinist pig“ bezeichnen  (und das vielleicht gar nicht zu Unrecht), möchte ich nicht ausschließen, dass sie sich von der internalisierten Misogynie emanzipiert hat oder noch dabei ist, dies zu tun. Für mich ist es eine Frage über Vergeben von Chancen. Wenn ich mir an die eigene Nase fasse, fällt mir ein, dass ich aus einem sehr konservativen Elternhaus in einer konservativen Kleinstadt, umgeben von Jungen Unionist_innen, komme. Habe ich von Anfang an alle goldenen Regeln befolgt, die heute für mich die Grundlagen sind?

Natürlich nicht. Ich machte viele Fehler. Oft, weil ich es einfach nicht besser wusste. Manchmal, weil meine Umgebung mich nicht zu korrigieren wusste. Irgendwann kam die persönliche Weiterbildung durch Bücher, durch das Internet, durch neue Bekanntschaften. Zeit für (Selbst-)Kritik, Reflexion, Positionierung. Und auch für Veränderung.

Und da wären wir beim Hiphop

Dass das alte Ich nicht d’accord mit dem jetzigen Weltbild ist, bedeutet nicht, dass du für immer ein schlechter Mensch bleiben wirst. Im Gegenteil, du kannst stolz auf dich sein, dich von deinem übernommenen, unkritischen Habitus losgelöst zu haben. Dazu gehört nicht nur Input, sondern vor allem Mut. Diesen Aufbruch wagst du oft allein, dein Umfeld zieht nicht mit und das solltest du auch nicht erwarten. Vielleicht neigst du anfangs dazu, in alte Muster zu verfallen, doch auch davon kannst du dich emanzipieren.

Doch nur weil du dich von deinen Ketten befreien konntest, bedeutet es nicht, dass alle anderen es können. Vielleicht hast du Privilegien wie einen hohen Bildungsstatus, den andere nicht haben. Es fehlt ihnen vielleicht an Aufklärung, Mut oder an Möglichkeiten. Es hilft, ihnen mit Geduld entgegenzukommen. Kommunikation als Katalysator für Selbsthinterfragung. Und da wären wir beim Hiphop, in der die „Each one teach one“-Kultur sehr verbreitet ist.

Es kann hilfreich sein, die eigene Erfahrung zu teilen, wobei es nicht bedeutet, dass alle genauso funktionieren wie eins selbst. Selbstverständlichkeiten variieren von Mensch zu Mensch, aber auch von Zeit zu Zeit. Vielleicht möchten andere sich auch gar nicht von gesellschaftlichen Zwängen befreien, weil es anders bequemer ist. Es erfordert viel Energie, gegen den Strom zu schwimmen, insbesondere dann, wenn andere dich mit viel Gewalt mitziehen wollen. Es wird Menschen geben, die sich über dich lustig machen, die dich beleidigen. Auch von ihnen gilt es, sich zu emanzipieren.

Eine ausführlichere Version dieses Textes ist Anfang der Woche in der "Krombergerin" erschienen - einem Ego-Fanzine des Freiburger DJs MC Krom,  das normalerweise "Kromberger" heißt. Da in dieser Ausgabe aber ausschließlich Frauen zu Wort kommen, hat er sein Magazin vorrübergehend umbenannt bzw. die Nachsilbe -in angehängt.

Das Magazin bekommt man auf MC Kroms Gigsoder online:  

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[Bilder: Privat]