EM-Spielcheck: Russland - Spanien im Eschholzpark

Meike Riebau

Xavi, Guiza und Silva putzten gestern die Russen aus dem Turnier und untermauerten ihre Favoritenrolle für den EM-Titel. Meike, des Spanischen mächtig, war dabei und dokumentiert: so oder so dürften wir am Sonntag deftige Flüche der symphatischen Casillasfreaks zu hören kriegen. [Mit Video!]



Geschätzte zehn Russen kommen auf einen Spanier an diesem Donnerstagabend im Eschholzpark. Die Zahl der rot-gelben Flaggen nimmt sich vergleichsweise bescheiden aus neben dem Meer aus rot-weiß-blau. Aber die zahlenmäßige Unterlegenheit machen die Bewohner der iberischen Halbinsel rein lautstärketechnisch von Anfang an wett: „Ca-si-llas, Ca-si-llas“ wird der beliebte madrilenische Torwart schon beim Einlauf beschworen. „Casillas wird uns ins Finale bringen“, erklärt mir Francisco aus Andalusien zu meiner Rechten siegesgewiss.




„Und außerdem ist er muy guapo, sehr hübsch“, flüstert die Katalanin Isabel zu meiner Linken und grinst. Nun denn. Wir schließen noch schnell eine Wette ab über den Spielausgang, Wetteinsatz: ein Bier. Bevor es richtig losgeht, werden noch die letzten spanischen Flaggen auf Wangen, Dekolletes und Arme gemalt und die Durstigen eilen noch mal schnell zum Bierstand.



Die spanische Hymne. Ergriffenheit macht sich breit, obwohl die spanische Hymne immer noch keinen Text hat: Anfang des Jahres wurde ein neuer Versuch gestartet, die "Marcha Real" zu vertextlichen - vergeblich. Deshalb ertönt eher ein inbrünstiges „Lalala“ aus den Reihen.



Als dagegen die russische Hymne erklingt, dröhnt es von hinten, rechts und links schwermütig „Rossija – swjeschtschennaja nascha derzhawa“. Aber was ein echter Südländer ist, lässt sich von einer kleinen Sangesdemonstration nicht bangemachen – jetzt gilt es erst recht, das „Villa-maravilla“, das Villa-Wunder zu beschwören.

Nach den ersten zehn Minuten erschlaffen die Venga- und Casillas-Rufe ein wenig; und als David Villa, der Stürmer, in der 35. Minute gar verletzt vom Spielfeld geht, rutscht Antonio hinter mir ein erstes „Scheiße“, was bei ihm mehr nach „Scheise“ klingt, heraus. Die meisten der Spanier um mich herum sind Austauschstudenten, und ihr Erasmusjahr geht gerade dem Ende entgegen.



Sprachlich drückt sich das so aus: „Scheise, hijo de puta, qué haces?!“ oder „Verdaaamt, fuera del juego,“, ruft Antonio, wenn die Russen die angreifenden Spanier stoppen oder der Ball mal wieder am Tor vorbeihoppelt. Nach den zwei Schüssen der Russen aufs Tor werden die Gesichter langsam etwas bedröppelt, und Stimmen gegen den Schiedsrichter laut. Der in eine Fahne gewandete Antonio vor mir bezichtigt ihn gar lautstark, „anti-espanol“ zu sein, und als „leninista y marxista“ gleich obendrein. Nunja, nach so langen Jahren des bangen Wartens müssen selbstverständlich sämtliche Waffen genutzt werden, um den „puto cabrónes“ zu zeigen, wo sie hingehören.

Hierzu ist zu sagen, dass der Spanier an sich gerne flucht, und zwar deftig. Es gilt der Grundsatz: Was man runterschluckt, führt zu Verstopfung. Auch unter Freunden kann man schon mal mit „Hijo de puta, qué pasa? [Hurensohn, wie geht’s?] begrüßt werden – kein Grund, nervös zu werden.

Aber dennoch ist es gut, dass bald Halbzeit ist, und die erhitzten Gemüter sich ein wenig abkühlen können. Obwohl sich alle gegenseitig versichern, dass die selección „unglaublich viel besser und vor allem schöner“ gespielt habe, macht sich eine leichte Nervosität breit: Zu viele Niederlagen mit guten Teams hat Spanien schon hinter sich.



Die zweite Halbzeit. Und zack, sowie in der 50. Minute das erste Tor fällt, tanzen, hüpfen und lachen die Exil-Matadore auf, über und zwischen den Bänken: Erleichterung mischt sich mit Prahlerei: „Das ist Fussball – macht uns das erstmal nach, ihr Deutschen“, rufen sie mir zu. Von jetzt an ist kein Halten mehr: Abwechselnd wird „Yo soy espanol [Ich bin spanisch]“ und „Vamos a ganar esta Eurocopa“ [Wir werden diese EM gewinnen] skandiert.

Beim zweiten Tor hält es selbst die schüchterne Südkoreanerin neben uns nicht mehr auf der Bank: Aufgeregt schwenkt sie ihre Fahne und stimmt sogar ein in die „Yo soy espanol“-Rufe. Der ganze Platz ist auf einmal espanol – zumindest scheint es so. Doch halt – nicht alle sind so erfreut über den iberischen Hochflug: Von hinten kommt der ein oder an andere Kronkorken und Plastikmüll geflogen, doch Antonio, Francisco und Isabel sind so siegestrunken, dass sie das auch nicht mehr anficht. „Bah, schlechte Verlierer“, heißt es nur abfällig.



Das dritte Tor von David Silva fällt, und die Euphorie kennt keine Grenzen mehr. Ringsum sitzen die armen Russen mit langen, traurigen Gesicherten – 3:0 in der 82. Minute, da bleibt nicht mehr viel Hoffnung.

Als Kronprinz Felipe und seine zierliche Frau Letizia gezeigt werden, wie sie sich jubelnd in die Arme fallen, dröhnt es gutgelaunt-spöttisch aus den Reihen der Erasmusstudenten: „Qué bonito, que bonito!“ Entspannt genießen die Spanier die letzten Minuten, schwelgen bei jeder Torwiederholung noch einmal mit, und freuen sich jetzt schon aufs Finale: „Ihr Deutschen wolltet nur bis ins Finale kommen, wir dagegen wollen es gewinnen“, ruft Francisco mir siegessicher zu.



Nach dem Abpfiff tanzen und jubeln sie über den Platz. Meine Wette gegen Isabel habe ich verloren, aber gut, das war es wert Gemeinsam machen sich spanische und russische Fans auf den Weg: Die einen, um Wunden zu lecken, die anderen, um ihre selección zu feiern.

Über den (zugegebenermaßen winzigen) Zusammenstoß zwischen einem weiblichen russischen Fan, die im Überschwange der Enttäuschung das Fähnchen eines Spaniers zerbricht, können die Spanier nur den Kopf schütteln: Es sei doch nur ein Spiel, rügen sie großäugig.