EM-Spielcheck: Portugal-Tschechien beim FC Portugiesen

Nina Braun

EM-Vorrundenspiel Portugal gegen Tschechien - die beiden Favoriten der Gruppe A. Hier könnte der erste Viertelfinalist ermittelt werden. Carina hat sich das Spiel im Clubhaus des FC Portugiesen angesehen und dabei ein bisschen das portugiesische Fanverhalten studiert.

 



Es ist lange nicht so viel los an diesem Wochentag, erklärt man mir mehrmals bedauernd, wie am Samstag gegen die Schweiz. Viele arbeiten noch um 18 Uhr. Im Clubheim des FC Portugiesen, weit draußen in Freiburg-Haid, gibt es trotzdem keinen freien Stuhl mehr. Gut gefüllt statt dicht gedrängt. Die Sache verspricht entspanntes Schauen – höchst angenehm nach meinen leidvollen Erfahrungen beim Public Viewing der Party-Fußballfans.


Ich frage mich, ob es ein portugiesisches Pendant zum unsäglichen „Auf geht’s Deutschland, schieß ein Tooor...“ gibt. Soweit im Voraus: Gibt es, graças a Deus, nicht. Portugiesische Kollektiv-Anfeuerungsrufe erschöpfen sich, zumindest hier und heute, im rhythmischen Anstimmen des Ländernamens „Por-tu-gal, Por-tu-gal“, was sich nach deutscher Lautschrift „Purtugal“ spricht und, in der tiefen Stimmlage des Portugiesischen, ein bisschen so anhört wie die dumpfen Schlachtgesänge eines todgeweihten Bataillons.



Mein erster Eindruck wird nicht enttäuscht: Die Konzentration aufs Spiel steht im Vordergrund. Hier scheinen Party und Nationalismus auf Fußball zu folgen, nicht, wie dieses Jahr häufig gesehen, anders herum. Die Deko ist dezent gehalten, neben zahlreichen Portugal-Fläggchen gibt es auch ein paar kleine italienische und schwarz-rot-goldene Banner. Etwa die Hälfte der Clubmitglieder sind Deutsche, erklärt mir der Präsident des FC Portugiesen, Manuel.

Er ist seit 38 Jahren in Deutschland und der typische Vertreter des portugiesischen Fußballfans, wie ich ihn schon oft kennen gelernt habe: Zurückhaltend in der Erwartung, qualvoll konzentriert im Spiel, gefasst auch in der Niederlage. Der Portugiese geht in der Regel nicht von einem Sieg aus, zieht auf Frage nach dem Ergebnis sorgenvoll die Augenbrauen hoch und spricht dann gerne von Hoffnung, esperança. Wird sie enttäuscht, bewahrt er Haltung und ergibt sich seinem Schicksal. Manchmal fühlt er sich gar bestätigt.

„Wir hoffen es natürlich“, sagt auch Manuel auf meine Frage, ob Portugal Europameister wird, um gleich hinzuzufügen, dass es aber sehr, sehr schwer werde in einem möglichen Viertelfinale gegen Deutschland, und dass seiner Meinung nach eigentlich die Spanier die Favoriten sind. Das Schlimmste, was einem Portugiesen passieren könnte? Manuel zieht die Schultern hoch und scheint das Klischee erst nicht bestätigen zu wollen. Das wäre natürlich besonders hart, sagt er dann doch, obwohl sie ja schon irgendwie Brüder seien.

Anpfiff

Keine fünf Minuten sind gespielt, da schütteln sich schon sorgenschwer die ersten Köpfe. „Die gefallen mir heut net“, sagt Manuel. Es wird mehr Deutsch gesprochen als Portugiesisch, die Stimmung ist gelassen, nicht brennend erwartungsvoll. Man trinkt Superbock, das portugiesische Bier, und isst Salgados, frittierte Teigtaschen. Das 1:0 von Deco schon in der 8. Minute trifft die Fangemeinschaft fast unerwartet. Der Jubel ist ausgelassen und kurz, mündet schnell in erregten Diskussionen, um dann zur Anspannung zu werden, es sind ja noch gut 80 Minuten zu spielen. In der 17. schon gleicht Sionko für die Tschechen aus. Als hätte man es geahnt.

Die Fans

In den folgenden 50 Spielminuten entfaltet sich ein portugiesisches Fanverhalten, das vielleicht am besten im Vergleich zu dem eines anderen südeuropäischen Urlaubslandes charakterisiert werden kann: Italien.

Die Unterschiede beginnen bei der Erwartungshaltung in einer Situation wie der diesen, wo alles noch offen ist: Der Italiener gibt sich meist siegessicher, zumindest hoffnungsvoll, er hat das Ziel, den Sieg, klar vor Augen und glaubt im Allgemeinen auch lauthals daran. Im Portugiesenclub dagegen sind schnell Gründe für das Debakel ausgemacht, das für viele schon zur Halbzeit festzustehen scheint: Das Tor fiel zu früh. Quaresma spielt nicht von Beginn. Ronaldo ist vielleicht noch immer zu eigensinnig. Der offene Ausgang gibt Anlass zur Sorge.



Und auch das Leiden läuft hier anders ab. Bangen Italiener mit der Squadra Azzurra, so tun sie dies in der Regel aktiv. Sie erliegen ihrer Trauer in schwerer Gestik, oft blumigen Worten, und fast immer gemeinschaftlich. Kummer wie Freude werden hier vor allem anderen erst mal kommuniziert. Überhaupt wird ununterbrochen, laut und erregt gesprochen, Gefühle müssen kundgetan, Gedanken in Worte gefasst werden.

Anders hier und heute. Man leidet im Stillen, allein, maximal zu zweit. Die Blicke gehen konzentriert zur Leinwand. Nur selten wird Gefühlen übermäßig Ausdruck verliehen, „Scheiß Griechen“ schallt es ein-, zweimal frustriert aus einer Ecke. Das verlorene Finale 2004 im eigenen Land ist noch nicht vergessen, ebenso wenig die sogenannte "goldene Generation" der Spieler, die heute nicht mehr auf dem Platz steht. Neben mir sitzt Manuels Mutter Maria, 80 Jahre alt. Sie ist aus Lissabon gekommen, um ihren Sohn zu sehen, trägt ein Trikot und trauert noch ein bisschen wehmütig Figo hinterher. In Portugal spielt vergangene Größe allgemein eine bedeutende Rolle. So stolz auf die Vergangenheit, so unsicher zeigt man sich in Bezug auf die Gegenwart.

„Lieber erst das Schlimmere annehmen und dann positiv überrascht werden“, fasst Silvia diese Haltung zusammen. Die 34-jährige Tochter von Portugiesen ist in Deutschland geboren und kennt die Unterschiede zwischen den Ländern, die im Fußball versinnbildlicht werden. „Die Deutschen sind anders. Die geben nicht auf, glauben auch nach einem Gegentreffer noch an den Sieg. Wir Portugiesen treten sofort einen Schritt zurück und sagen, na, dann gewinnen eben die anderen.“



Spielende

Bis zur 70. Minute dauert die Zurückhaltung, dann bricht der Jubel wieder unvermittelt los. Nach dem 2:1 von Ronaldo scheint plötzlich doch etwas möglich, „Jetzt ist wieder Hoffnung da“, sagt Silvia und strahlt. Mit einem Mal liegt höchste Spannung in der Luft, man hört nun mehr Portugiesisch als Deutsch, Raunen begleitet jeden Ball, wir befinden uns irgendwo zwischen verhaltenem Euphorieversprechen und Panik. Vorne drängen die Tschechen auf den Ausgleich, Brückner bringt Koller, Scolari im Gegenzug Meira – und in der 91. Minute lösen sich alle bösen Spekulationen in Wohlgefallen auf. Ronaldo, endlich uneigennützig, bedient Quaresma, endlich eingewechselt, zum entscheidenden 3:1. Portugal hat als erste Mannschaft das Viertelfinale erreicht.

Silvia hebt ihren kleinen Sohn Leandro hoch, der zwar von der zweiten Halbzeit kaum etwas mitbekommen hat, nun aber eifrig die Fäuste empor streckt. „Und jetzt ein Korso“, sagt sie. Zur Eile drängt aber kaum jemand. Man lässt sich noch Zeit, genießt erst ein wenig den Spielausgang. Die Freude, die nun herrscht, hat nicht viel zu tun mit selbstbewusster Siegermentalität oder grölender Kundgebung. Es ist Erleichterung. Erlösung fast.

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