Elite-Freunde und Geisti-Bashing: Alexis von Wehlens Freiburg-Roman "Juristen"

Philip Hehn

Endlich meldet sich mal ein Jura-Student zu Wort. Erzählt uns, wie das so ist, in Freiburg Jura zu studieren. Wie man als Jura-Student so denkt, was man so macht. Sein Name: Alexis von Wehlen. Der Titel seines Tatsachenromans: "Juristen. Ein Studienbuch".



Freiburg wird in der Literatur ja - muss man leider feststellen - bei weitem nicht seiner Bedeutung angemessen gewürdigt. Umso mehr freut man sich aber, wenn es doch geschieht. Alexis von Wehlens „Juristen“ erzählt die schier unglaubliche Geschichte dreier typischer Freiburger Juristen, darunter die mit dem Autoren gleichnamige Hauptfigur.


Zu Beginn des Buchs frisch in Freiburg aufgeschlagen, begleitet das Buch Hauptfigur Alexis durch Kämpfe mit tumben Anglisten, seinem Frauenbild, sinistren Vorgängen, der Juristerei und militärischen Waffen (sic!). Meine Erwartungslage bei Lektürebeginn ist in ihrer vollen Komplexität nur schwer wiederzugeben.

Der Erzähler schreibt leicht selbstverliebt, von seiner Intelligenz sehr überzeugt. Jurist halt. Trotz zarter Distanzierung von Perlenpaulas und Farbenträgern lernt er Säbelfechten und ist doch sehr stolz auf sich und sein Elite-Studium an Elite-Uni mit Elite-Stipendium und Elite-Hiwijob mit Elite-Freunden. Man weiß, was man sich schuldig ist, zitiert Baudelaire und Eliot – natürlich besser als die Anglisten -, diskutiert beiläufig Tagespolitik und Geschichte, parliert auf Französisch ebenso wie Farsi.

Hinzu kommen Wehrdienstreminiszenzen, gepflegtes Geisti-Bashing und die das Buch sättigende selbstverständliche Gewissheit, dass Nichtjuristen, äh, eher schlicht in der Birne sind. Der Text gestattet sich den Abstand, den die Figuren selbst zu sich haben, nicht mehr.

Großzügig streut der Autor Fußnoten und beiläufig fallengelassene juristische Definitionen in seinen Text, der auch dadurch einen Nimbus außerordentlicher Authentizität erhält. Gleichzeitig eröffnet sich so für den Nichtjuristen ein neuer Blick auf die Welt, in der es nunmal für alles auch eine Rechtsnorm und ein Gesetz gibt, auf Gesetze als zur Beschreibung taugende Sprache und gleichzeitig als Gerüst, die das Ganze in den gewünschten Bahnen halten.

In einer Fußnote findet sich eine umfangreiche Bibliografie zur Juristenausbildung und Examensnotengebung. Der geneigte Leser erfährt von der Existenz nicht nur eines, sondern mehrerer „Kausalitätsansätze(n) bei strafrechtlich relevanten Gremienentscheidungen“ und findet die betreffende Seite zu seiner milden Überraschung nicht nur interessant, sondern gar unterhaltsam.

„Juristen“ bettet seine Exkurse und teils überkandidelten Manierismen nahtlos ein in ein lebendig erzähltes Freiburger Studentenleben zwischen Mensa, Café-Aspekt-Treuekärtchen und Penny Markt. Das zwischen Rechtsphilosophie und Deine-Mudder-Witzen changierende Spektrum studentischen Lebens wird in seiner ganzen Fülle dargestellt.

Nahtlos fließt auch das Banale ins Überlebensgroße. Es gibt in dem Buch Dinge, von denen ich weiß, dass sie wahr sind, es gibt Dinge, von denen ich weiß, dass sie erfunden sind, aber zwischen diesen Polen geht alles. Fußnote 117 bemerkt, dass „mit der Juristenausbildungs- und Prüfungsordnung (JAPrO) 2002“ das „Duellfechten nur im 1. Semester obligatorisch“ sei, was wahrscheinlich ein Witz ist. Dass die Spitze der juristischen Fakultät auf dem Dach des Kollegiengebäudes II eine Puttingbahn besitzt, ist für mich aber ab jetzt unverrückbare Tatsache.

Die Beschreibung der juristischen Fakultät samt sprechendem Porträt lässt das Gesamtwerk unvermittelt Richtung Harry Potter schlingern wie ein Jurastudent auf dem Heimweg von der Verbindungsfete, und liefert für diesen Stil in einem dreisten metafiktionalen Exkurs (S. 162-169) eine - natürlich juristische - Begründung.

Bei aller clever-bunten Unterhaltsamkeit gerät „Juristen“ doch gelegentlich etwas in Schieflage. Uni- und Schlüsselroman, Polemik, Thriller, Liebeserklärung an die Juristerei, zuweilen wird man ungeduldig. Man will wissen, wie es mit dem Charakter weitergeht und kämpft sich stattdessen durch einen mehrseitigen Exkurs zu einer juristischen Frage.

Die Geschichte entwickelt sich nicht zuletzt über drei gelungene, aber im Kontext zuweilen hypertroph wirkende Porträts Freiburger Jurastudenten, die den Thriller-Spannungsbogen gelegentlich bremsen. Mal stößt mir Pathos auf, mal Albernheit, wobei „Juristen“ es alles in allem dennoch vermeiden kann, vom Camp in den Klamauk zu rutschen, und die Fehler, die es macht oft genug wechselt, dass mir dabei nicht langweilig wird. Alles in allem ist „Juristen“ Ein Gutes Buch (TM).

Alexis von Wehlen (Hg.)
Juristen. Ein Studienbuch (Amazon.de)
Schillinger Verlag
ISBN-13: 978-3891553671
460 Seiten
16 Euro

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