Elfmeter: Mann gegen Hund

Arne Bicker

Khemaies Harrabi (40) sieht so gut wie nichts mehr. Das Augenlicht, das er noch hat, trainiert er im Seepark durch Elmeterschießen. Im Tor steht dabei Harrabis Rottweiler Zeus (9). Eine Reportage.



Khemaies Harrabi (40) und sein Rottweilerrüde Zeus (9) auf dem Weg zum Freiburger Seepark: Der Eine füttert den Anderen, der Andere führt den Einen. Denn der Eine sieht fast nichts mehr. Khemaies Harrabi, Sohn eines Taxifahrers und einer Bäuerin aus der tunesischen 120.000-Einwohner-Stadt Kairouan, fünf Brüder, drei Schwestern, ist fast blind. Er hat noch fünf Prozent Sehkraft auf dem linken Auge, 20 Prozent rechts.


Retinopathia pigmentosa heißt die erbliche Netzhautdegeneration, die bei dem kleinen Khemaies erstmals im Alter von sieben Jahren zu Sehschwächen führte. „Du musst viel Fisch essen und Karotten“, sagten ihm die tunesischen Ärzte. Khemaies tat wie ihm geheißen, doch es wurde schlimmer statt besser. Mit 22 Jahren machte er sich auf eigene Faust auf den Weg nach Italien, weil es dort bessere Ärzte gibt. Doch die Ärzte in Neapel verlangten zu viele Lire von dem tunesischen Patienten, und so reiste Harrabi nach ein paar Jahren weiter nach Freiburg.



Der gelernte Fundamentbauer sagt: „Die Deutschen sind gut zu den Menschen. Sie behandeln Alle korrekt und haben die besten Ärzte der Welt.“ „Sie werden bald gar nichts mehr sehen“, sagten die weltbesten Augenärzte an der Freiburger Uniklinik. „Dann implantieren wir Ihnen einen Chip.“

„Bis dahin therapiere ich mich selbst“, sagt Harrabi. Er geht im Dunkeln spazieren, dann, wenn er noch nicht mal mehr Konturen erkennen kann, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Und er spielt Fußball mit seinem Hund. Seit Kurzem üben die beiden fast täglich Elfmeterschießen. Harrabi: „Ich hatte die Idee, Zeus als Torwart hinzustellen, weil wir so einen Wettkampf austragen können.“



Und Zeus ist ein guter Schlussmann. Hechelnd steht der Rottweiler im Tor, das Harrabi sehr geduldig, aber etwas windschief aus zwei Besenstielen und einem rotweißen Absperrband aufgebaut hat, und erinnert sein Herrchen an Oliver Kahn. „Die beiden ähneln sich, besonders in dem Moment, wenn Zeus den Ball fängt“, meint der Tunesier. Er läuft zwei kurze Schritte an, täuscht an, schießt nicht. Zeus-Kahn zuckt, starrt in nicht zu überbietender Konzentration die längst plattgebissene Kugel an. Dann schießt Harrabi. Der Ball geht über das Tor. Uli Hoeness wird wissen, warum.

Bis 2008 war Harrabi Bayern-Fan. Dann endete die Karriere von Oliver Kahn. „Der hatte immer so eine geile Mimik und Körperhaltung. Und auch als Torwart war er nicht schlecht“, erinnert sich Harrabi. Mit Kahns Rückzug aus dem aktiven Profisport endete auch Harrabis Liebe zu den Bayern. Seither ist der 40-Jährige vereinslos, auch wenn er ein Mal ein Bundesliga-Spiel live im Stadion erlebte. SC Freiburg gegen Schalke 04, am 6. Februar dieses Jahres. Harrabi hatte Pech, es war kalt und das Spiel endete 0:0.

Im frühlingswarmen Freiburger Seepark schlurft ein Rentner in einer beigen Jacke vorbei, einen winzigen Schoßhund an der Leine. Das kleine schwarz-weiße Fellbündel zappelt hierhin, hüpft dorthin; der Torwartrottweiler Zeus scheint seinen Artgenossen nicht zu bemerken. Es ist Halbzeit. Zeus trottet zum nahen See, steht bis zur Brust im kühlen Nass. Er trinkt nicht, er beißt Wasser aus dem See, mit schnellen, seitlichen Kopfbewegungen, bestimmt zwanzig Mal.



Das Herrchen trinkt Apfelschorle aus der PET-Flasche, unter der weißen Adidas-Trainingsjacke beruhigt sich der Puls. Am Anfang wollten sie ihm nicht glauben, dass er im Halbdunkel gar nichts und auch sonst nur noch wenig sieht. Für ein kleines Bauunternehmen am Kaiserstuhl hatte Khemaies Harrabi bis Ende 2008 Stahleimer mit flüssigem Asphaltestrich auf Baustellen geschleppt. Den verwendet man speziell für Fußbodenheizungen, weil der Asphalt die Wärme so gut speichert.

„Der Job war hart, und der deutsche Asphalt war heiß und gefährlich“, so Harrabi. Der Tunesier überlegt im Gespräch oft lange, bevor er antwortet. Manchmal fragt man sich, ob er die Frage verstanden hat. „Mein Chef wollte mir zuerst nicht glauben, dass ich nichts mehr sehe.“ Die Arbeitskollegen legten einen Hundert-Euro-Schein auf den Fußboden, genau in den Trageweg von Khemaies Harrabi. Als der Geldschein nach drei Eimerstrecken immer noch an der gleichen Stelle lag, stand die Diagnose auch für sie fest.

Im Freiburger Seepark beginnt die zweite Halbzeit. Oliver Kahn gegen – ja gegen wen eigentlich? „Ronaldo“, sagt Harrabi, wie immer erst nach längerem Nachdenken, und grinst plötzlich. Zeus zuckt. Der Ball fliegt zwischen die Bäume. Zeus trabt los, Ballholen, Torwartschicksal auf allen Bolzplätzen dieser Welt, macht auf dem Rückweg kurz halt an einem Stamm, Ball im Maul, Bein hoch, das Wasser. Auch eine Art Torwartabschlag.



Vor dem heimischen Fernseher in seiner nahen Zwei-Zimmer-Wohnung, die sich Harrabi mit seiner deutschen Ehefrau Monika teilt, kann der Hausherr seine Fußballträume nicht mehr ausleben. „Nach ein paar Sekunden kommt der Nebel, dann muss ich meine Augen ablenken, woanders hinschauen.“ So wird Fußball anstrengend für Einen, der auch im Leben schon dunkle Seiten erlebt hat - zum Beispiel Spielautomatensucht und Geldprobleme.

Heute würde Khemaies Harrabi auch gern mal ins Kino gehen, einen Film anhören. Oder in die Disko. Aber er hat Angst vor Zusammenstößen mit anderen Besuchern an einem Ort, zu dem ihn Zeus nicht begleiten darf und die Ehefrau nicht begleiten kann oder will. „Meine Frau arbeitet oft sieben Tage in der Woche. Sie liebt ihre Arbeit als Altenpflegerin“, erzählt Harrabi und drückt eine Hand vorn auf die Trainingsjacke. „Sie hat ein großes Herz für alte Menschen.“

Das Elfmeterduell nähert sich dem Ende. Der 58 Kilogramm schwere Rottweiler überzeugt auch in der Verlängerung. Khemaies Harrabi packt ein. Ein Mann, ein Hund und ein kaputter Ball machen sich auf den Heimweg. „Wer hat denn gewonnen, Herr Harrabi?“ „Zeus gewinnt immer. So oder so.“