Eklat um Artikel: Wirbel in der Wikipedia

Christian Deker

Eine Posse in der deutschen Wikipedia gibt der Diskussion um die Artikelqualität neue Nahrung. Nach Abschluss des Wikipedia-Schreibwettbewerbs, bei dem besonders vorbildliche Artikel gekürt werden sollen, will ein Jurymitglied den Siegerartikel löschen lassen. Ob es hierbei allerdings wirklich um die Qualität des Artikels geht, ist fraglich – auch persönliche Motive könnten eine Rolle spielen.

Von Zeit zu Zeit veranstaltet die offene Enzyklopädie Wikipedia einen Schreibwettbewerb, bei dem vorbildliche Artikel aus der Mitmach-Enzyklopädie gekürt werden sollen. Anstatt aber die Qualität zu beweisen, die das offene Wiki-System hervorbringen kann, rückt die fünfte Auflage des Wettbewerbs die Gefahren der offenen Bearbeitbarkeit ins Rampenlicht. Nach dreiwöchiger Beratung der Jury aus besonders angesehenen Wikipedianern wurden am Sonntag die Sieger vorgestellt. Juror Dirk Franke freute sich: „Der Schreibwettbewerb setzt ein Zeichen, wie sich die Wikipedia weiter entwickeln soll.“ Schon einen Tag später kam es zum Eklat: Für den Artikel, der aus allen Kategorien des Wettbewerbs als Gesamtsieger hervorging, wurde ein Löschantrag gestellt. Als ob dies noch nicht pikant genug wäre: Ausgerechnet einer der Administratoren, die Mitglieder in der sechsköpfigen Jury waren und den Sieger gekürt hatten, stellte den Antrag auf Löschung.


Methodischer Kulturalismus: Fachliche Brillanz?

Der Stein des Anstoßes ist ein Artikel über die philosophische Richtung des Methodischen Kulturalismus. Dies ist laut Wikipedia eine philosophische Denkrichtung, „die alles das, was Ergebnis menschlichen Handelns ist, als Kultur begreift.“ In der Pressemitteilung von Wikipedia hört sich das Urteil über den Artikel noch ganz anders an als die Bewertungen, die in der späteren Diskussion abgegeben werden: „Der Siegerartikel verkörpert das, was die Jury idealerweise erwartet: fachliche Brillanz und dennoch auch für einen Leser mit Allgemeinbildung verständlich.“ Nur einen Tag später ist die Rede von „mangelnder Relevanz“, „Fangeschwurbel“ und „Unverständlichkeit“ der dargestellten Philosophie, die aufgrund ihrer jungen Geschichte noch nicht weit verbreitet zu sein scheint. Der Hauptvorwurf ist, dass sich der Methodische Kulturalismus erst in der Phase der Theoriefindung befinde, so dass ein großer Artikel bei Wikipedia nicht gerechtfertigt sei.



Ausgerechnet ein Artikel, mit dem die Wikipedia sich nach außen hin schmücken wollte, wird nun diskreditiert. Aber auch die Innenwirkung des Geschehens ist nicht zu unterschätzen, genießen die Siegerartikel bei den Benutzern doch immer hohes Ansehen. Der Vorbildcharakter ist schwer beschädigt, es herrscht hoher Wellengang in der Wikipedia.

Die Löschdiskussion geht mit üblichen Erscheinung einher: So genannte „Sockenpuppen“ werden aktiviert, also Benutzeraccounts, die eigens dafür eingerichtet werden, um unschöne Beiträge im Grabenkampf zu verfassen, für die man seinen echten Account nicht missbrauchen würde.

Die grundsätzlichen Kritiker des Systems jubeln, weil sie das generelle Scheitern der offenen Bearbeitbarkeit hier ad absurdum geführt sehen. Zwischenzeitlich wurde sogar beantragt, dem betreffenden Antragssteller die Adminrechte zu entziehen.

Fließende Grenzen bei der Artikelqualität

Hinter diesem Einzelproblem steht wieder einmal die Frage nach der Qualität bei Wikipedia. Welche Artikel sollen gelöscht werden, welche genügen den Ansprüchen?
Welches Thema hat genug Relevanz, um vor dem Löschvorgang durch die Gruppe bewahrt zu werden, welcher Artikel stellt einen Missbrauch der offenen Wikipedia-Struktur dar. Die Grenzen sind fließend – und das ist das Problem. Es scheint aber hier um mehr als nur Relevanz und Qualität zu gehen. Wenn sechs Juroren in einer Mehrheitsentscheidung einen Sieger küren, muss es möglich sein, dass das Jurymitglied mit anderer Meinung die Entscheidung akzeptiert. Oder sie zumindest nicht sabotiert. Vielleicht ist auch Eitelkeit im Spiel, denn nicht immer ist es leicht, sich einer Mehrheitsentscheidung unterzuordnen. Jedenfalls wirft diese Episode wieder einmal nicht das beste Licht auf die Wikipedia. Die Qualitätssicherung bleibt weiterhin ein heißes Eisen.