Einwanderung und Gewalt

Christoph Ries & David Weigend

Am 30. November haben wir die Polizeimeldung "Familienprügelei im Stühlinger" veröffentlicht. Obwohl in dieser Meldung nicht stand, welche Staatsangehörigkeiten die beteiligten Prügler hatten, entbrannte in den Kommentaren eine Debatte um das Thema "Immigration und Gewalt". Wir haben einige dieser Kommentare aufgegriffen und uns mit einem Experten darüber unterhalten. Ein Interview mit dem Kriminologen Hans-Jörg Albrecht.



Zu Beginn des Gesprächs lesen wir Herrn Albrecht einige Beiträge vor, die fudder-Leser unter die Polizeimeldung Familienprügelei im Stühlinger geschrieben haben.


Albrecht: Diese Kommentare sind in der Tat ganz nützlich. Sie geben einen ziemlich umfassenden Überblick über die Fragen, die im Zusammenhang mit Immigration und Gewalt seit langer Zeit anfallen.

Der Kommentator „frage“ schreibt: „der ehrbegriff ist traditionell in der tuerkischen und arabischen kultur sehr viel stärker verwurzelt als in den meisten ,westlichen' kulturen. Entsprechend sind die reaktionen bei einer gefuehlten verletzung dieses ehrbegriffs auch oftmals deutlich aggressiver als man es unter Umstaenden erwartet."

Die eigene Ehre und deren Verletzung spielt bei jungen Männern als Gewaltmotiv eine ausschlaggebende Rolle. Unabhängig vom Immigrationshintergrund dieser jungen Männer. Das wurde schon in den frühen Studien zu Gangs und Banden festgestellt. Bei Schlägereien in Festzelten, in Discotheken und auf der Straße heißt es immer wieder: „Der hat mich angemacht!“ Oder: „Der hat mich nicht mit Respekt behandelt!“  Junge Männer wollen ihren Status aufrechterhalten, damit sie anerkannt bleiben. Aber da unterscheiden sich junge Immigranten nicht von jungen Deutschen.



Zurück zur „frage“: Ist denn Ehre in anderen Kulturen stärker verwurzelt als in der deutschen?

In manchen Kulturen spielt die Ehre tatsächlich eine etwas weiter gehende Rolle. Insofern ist es auch richtig, dass vor dem Hintergrund der Familienrolle und den darauf bezogenen Ehrvorstellungen im islamischen Kulturkreis andere Voraussetzungen bestehen. Sie stellen in gewisser Weise ein Problem dar. Nicht, weil sie Gewalt auslösen können. Sondern, weil sie offensichtlich verbunden werden mit dem Anspruch, bestimmte Normen durchzusetzen. Und zwar außerhalb der staatlichen Strukturen.

Selbstjustiz?

Ja. Zum Beispiel der Ehrenmord. In Deutschland wurden in den letzten zehn Jahren 50 bis 60 Fälle registriert. Das Sensible ist hier wieder die Durchsetzung einer Norm, unabhängig davon, was als formelles Recht gilt. Das hat Bezüge zu dem, was in den letzten Jahren als „Parallelgesellschaft“ diskutiert worden ist.

In welchen Regionen greift heute noch das System Selbstjustiz?

Im Kosovo zum Beispiel. In Albanien sind diese Mechanismen noch sehr aktiv. Sie werden akzeptiert. Sie sind unter Umständen auch wichtig. Weil der Staat nicht existiert oder zu schwach ist, um etwas durchzusetzen.

Im Kosovo ist Blutrache gesellschaftlich akzeptiert?

Nicht nur akzeptiert, sondern auch gefordert. In Afghanistan, im vorderen und mittleren Orient, überall dort, wo die Zentralgewalt nicht existiert – beruht auf dieser Selbstjustiz die Durchsetzung von Recht.



Was hat das für Konsequenzen auf das Verhalten entsprechender Immigrantengruppen?

Die Gewalttätigkeit, die man in Immigrantengruppen beobachtet, geht im Grunde nicht über das hinaus, was man in der Mehrheitsgesellschaft beobachtet. Aber Art und Motivation für die Gewalt unterscheiden sich. Das weist unter Umständen auch auf Probleme der Anpassung hin.

Fudder-Leser Raul schreibt: „Auf Dorffesten wird selten zugestochen, Drogen verkauft, jemand fast halb tot geschlagen usw. Da gibt’s ne Rangelei aufgrund des Rauschs, und das wars.“ Sind Immigranten brutaler?

Das ist eine etwas zu weiche Zeichnung von Bierzeltprügeleien. Wenn man sich während des Oktoberfests die Polizeimeldungen in der Zeitung durchliest, wird man einiges finden. Die Wahrnehmung, dass junge Männer mit Immigrationshintergrund brutaler vorgehen, beruht auf Verzerrung. Die hängt vielleicht damit zusammen, dass in verschiedenen sozialen settings unterschiedliche Gewalt auftritt. Natürlich ist die Bierzeltschlägerei etwas anderes als die Gewalt, die in Drogenszenen dafür sorgt, dass Verträge durchgesetzt werden.

Raul schreibt weiter: „Und Politik kann noch so beschissen sein, die jugendlichen boxen sich vorm Nachtschicht sicher nicht, weil die Integrationspolitik im Moment versagt.“

Man könnte auch sagen: Das ist ein Hinweis darauf, dass die Integration ganz gut lief, weil sich junge Immigranten in Diskotheken manchmal genauso verhalten wie junge Deutsche, nämlich gewalttätig. Außerdem muss man berücksichtigen, dass sich Integration nicht nur auf junge Immigranten beschränkt.

Was sind denn überhaupt Integrationsprobleme?

Zum Beispiel die Arbeitslosigkeit. Sie ist bei Immigranten mindestens doppelt so hoch, wie bei der durchschnittlichen Bevölkerung. Wenn man diese Arbeitslosigkeit jedoch beziehen würde auf das, was die Soziologie vor langer Zeit als „Unterschicht“ bezeichnet hat, hätten wir hier die gleichen Integrationsprobleme. Finden von Arbeit und Abhängigkeit von Sozialhilfe – da gibt es keine Unterschiede zwischen Deutschen und Immigranten. Die Probleme weisen darauf hin, dass Immigranten mit einem bestimmten Ziel in europäische Länder einwandern. Dieses Ziel ist: Arbeit finden, ein besseres Leben haben. Die Diskussion zu diesem Thema ist meiner Meinung nach lange Zeit sehr unehrlich geführt worden.



Warum?

Da spielen sowohl die Parteien, als auch Nicht-Regierungsorganisationen eine Rolle. Die Einwanderungsfrage ist lange Zeit unter dem Asylgesichtspunkt behandelt worden. Das ist nicht ehrlich. In der Regel suchen Immigranten nicht politisches Asyl. Sie wollen Arbeit. Diese Tatsache, die Arbeitseinwanderung, hätte man in Europa sehr viel früher erkennen und diskutieren müssen. So, wie in den USA, in Kanada und Australien.

Ist der Zusammenhang von Gewalt und bestimmten Immigrantengruppen ein europäisches Problem?

Wir sehen in unterschiedlichen europäischen Gesellschaften, dass die gleichen Immigrantengruppen durchaus unterschiedliche Probleme haben oder erleben können. In den Niederlanden sind türkische Jugendliche im Vergleich zu niederländischen Jugendlichen nicht auffällig. Dort sind es eher Menschen aus Surinam, die als Problemgruppe gelten. In Deutschland sind es eher die türkischen Nachkommen der Arbeitsimmigranten der Sechziger- und Siebzigerjahre, die als Problemgruppe auftreten.

Macht die Globalisierung die Integration leichter?

Ja. In Europa hat sich die Veränderung am stärksten niedergeschlagen. Die europäischen Gesellschaften waren bis zum 2. Weltkrieg sehr homogen. Das hat sich heterogenisiert: in Sprache, Religion, in den Vorstellungen darüber, wie man leben sollte. Früher hieß es: Frankreich, Nationalstaat, weiße Hautfarbe, katholisch und so weiter. Das konnte man für jeden europäischen Staat deklinieren. Daraus ergeben sich auch Vorstellungen über Integration. Integration heißt: „Da ist jemand, der mir ähnelt.“ In Aussehen, Sprache und so weiter. Die Heterogenisierung geht von kleinen Sachen bis hin zur Religion.



Was bedeutet das für die Konflikte in einer Gesellschaft?

Sie verändern und erweitern sich. In homogenen Gesellschaften waren diese Konfliktmöglichkeiten vertikal angelegt. Heute sind sie horizontal. Es bestehen Konflikte zwischen Gruppen auf der gleichen Ebene. Etwa: „Da wollen welche eine Moschee bauen, das passt mir nicht.“

Sie haben bei verschiedenen Jugendlichen auch Untersuchungen durchgeführt zu ihrem Kriminalitätsverhalten. Was kam dabei heraus?

In vielen Deliktsbereichen sind Einwanderer durchaus vergleichbar mit Mehrheitsjugendlichen. Teilweise liegen sie sogar darunter, etwa bei Drogenkonsum. Das zeigt sich zum Beispiel bei türkischen Jugendlichen, die weniger konsumieren.

Welche Jugendgruppen fielen bei Gewaltdelikten ins Gewicht?

Die aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der Türkei. Man hat auch festgestellt, dass in Familien mit Migrationshintergrund, etwa in einer türkischen Familie, Gewalt in der Erziehung eine größere Rolle spielt. Prügelstrafe, körperliche Züchtigung, dies geschieht dort mit größerer Selbstverständlichkeit. Da sieht man zwar eine Korrelation. Aber man kann nicht sagen, dass dies einen Ausschlag gibt für spätere Gewaltdelikte.



Was denn dann?

Die ausländischen Staatsangehörigen, die in den Polizeistatistiken erfasst werden, sind in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht ganz anders ausgestattet als der Durchschnitt. Höhere Arbeitslosigkeit, niedrigeres Bildungsniveau.

Ist bei einem Einwanderer aus dem Kosovo eine Kriminalitätskarriere wahrscheinlicher als bei einem Schweizer Immigranten?

Die Risiken sind unterschiedlich verteilt. Sie hängen damit zusammen, welche Rolle die Familie in den jeweiligen Kulturen spielt. Einwanderer aus China oder Indien fallen weniger auf als andere – unabhängig davon, ob sie als Vorstandsmitglied einwandern oder als einfacher Arbeiter. Das spricht für einen sehr hohen Zusammenhalt. Chinesische Einwanderer sind sowohl in den USA als auch in Europa sehr unauffällig, was Kriminalität anbelangt, und sehr angepasst. Allerdings sozial auch kaum integriert.

fudder-Leser Rossak schreibt: „In Berlin gibt es eine asiatische Szene, in der ich auch oft gefeiert habe. Es gab NIE Stress. Alle haben gefeiert, waren gastfreundlich und zuvorkommend, obwohl natürlich auch Alkohol und Drogen im Spiel waren. Geht man ein paar Blocks weiter, gibt es täglich Messerstechereien, Raubüberfälle und schwere Körperverletzung, weil die Türken und Araber sich profilieren wollen und denken sie haben in der Stadt das Sagen. Und jetzt soll noh einer sagen das hat nichts mit Kultur und Herkunft zu tun."

Ich würde nicht sagen, dass es insgesamt mit Kultur oder Herkunft zu tun hat. Natürlich gibt es auch unter chinesischen oder vietnamesischen Einwanderern Gewaltprobleme. Man beachte zum Beispiel den siebenfachen Mord im Chinarestaurant von Sittensen im Februar. Selbstkontrollmechanismen. Andererseits sind die asiatischen Gesellschaften sehr stark durch eine konfliktscheue Philosophie geprägt. Konfuzius. Diese Konfliktvermeidung wird da effizient übertragen, wo die Gruppe stark zusammenhält.



Was würden Sie uns raten, wenn wir Integrationspolitiker wären?

Die Frage ist, was Sie wollen. Angenommen, sie sagen: „Wir wollen, dass sich die asiatischen Einwanderer besser integrieren. Die sollen möglichst schnell ihre Sprache vergessen und Deutsch als Muttersprache annehmen.“ Das wäre unter Umständen verheerend.

Warum?

Weil das doch Teil der Erklärung ist, warum diese Gruppen so gut funktionieren. Asiatische Einwanderungsgruppen sind übrigens auch ökonomisch sehr aktiv. So waren es bezeichnenderweise Vietnamesen, die nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern als Erste neue Geschäfte eröffneten.

Kann der Staat überhaupt etwas tun, um das Konfliktpotenzial von Immigranten in Deutschland zu entschärfen?

Soziale Integration kann von staatlicher Seite nicht forciert werden, jedenfalls nicht kurzfristig. Warum sollen wir mit Immigranten eine perfekte, soziale Integration hinkriegen, wenn uns das über 200, 300 Jahre nicht mit unseren eigenen Leuten gelungen ist? Gesellschaften sind nicht sozial integrierbar. Wir werden immer Konflikte haben, solange sich die Rahmenbedingungen nicht ändern; solange es hohe Arbeitslosigkeit gibt.

Es gibt ja Parolen wie: „Kriminelle Ausländer raus!“ Oder: „Wiederholungstäter abschieben!“ Stehen solche Sprüche eigentlich in irgendeinem Zusammenhang mit der Kriminalstatistik?

Nein, kaum. Der Anteil der Immigranten, die zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt werden, ist relativ gering. So gering, dass die Verwirklichung solcher Parolen nichts ändern würde an der Kriminalität insgesamt. Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte und das Bundesverfassungsgericht haben hier auch Schranken aufgestellt, die es sehr schwer machen, solche Parolen umzusetzen.



Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir einen 19-jähriger Mann, der seit seiner Kindheit in Deutschland gewohnt hat, aber die türkische Staatsangehörigkeit besitzt; er wird hier zu fünf Jahren Haft verurteilt. Es wäre einfach sinnlos, ihn in die Türkei abzuschieben, wenn er kaum Türkisch spricht und seine ganze Familie hier ist.

Das leuchtet ein.

Was anderes ist es natürlich bei Leuten, die hier keine sozialen Bindungen haben. Ein kolumbianischer Drogenkurier, der hier festgenommen wird, sonst aber keine Kontakte hat, wäre natürlich besser dran, wenn er seine Freiheitsstrafe im Heimatland verbüßen könnte. In solchen Fällen sind diese Mechanismen sinnvoll.

Zur Person

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht ist Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Er leitet die kriminologische Abteilung.