Einschlag einer Silvesterrakete

David Weigend

Das ist Peter Schubert, 18. Er steht in einem Raum, der vor drei Tagen noch sein Zimmer war. An Neujahr schoss jemand eine Silvesterrakete auf den Balkon der Schuberts in der Krozingerstraße. Die Rakete verursachte einen Brand. Jetzt müssen die Schuberts ausziehen. Ein Lagebericht.



Silvester

Den letzten Abend des Jahrs 2007 begeht Familie Schubert feierlich. Daheim in Weingarten, im zwölften Stock des Hochhauses der Krozingerstraße 52, sitzen Katrin (41), ihr Sohn Peter (18), ihr Lebensgefährte Giuseppe Moscatiello (43) sowie zwei weitere Freundinnen gemütlich beisammen. Man isst Häppchen mit Tomaten und Mozzarella, Radieschensticks und trinkt einen Silvesteraperitif.

Um 23 Uhr verlässt die Gruppe die Wohnung, um den Jahreswechsel in der Innenstadt zu erleben. Nur Peter bleibt zu Hause und passt auf die zwei Hunde und die zwei Katzen auf, die teils ihnen und teils den Freunden gehören.



WoW zum Jahreswechsel

Um Mitternacht sitzt Peter am Computer im Wohnungsflur und spielt das Online-Rollenspiel "World of Warcraft". Er ist vertieft in das Geschehen auf dem Monitor. Vom Geböller draußen vor dem Haus nimmt er wenig Notiz.

Irgendwann zwischen 0.30 Uhr und 0.45 Uhr riecht Peter den Rauch. Er springt auf, rennt in sein Zimmer und sieht das Feuer.

Die Hitze ist schon so stark, dass die Fensterscheiben geplatzt sind. Da Peter eine Ausbildung zum Gärtner macht, lagern auf dem Balkon viele brennbare Gartenutensilien.



Die Flammen auf dem Balkon greifen über in sein Zimmer, in seinen Kleiderschrank. Peter holt einen Eimer Wasser und versucht zu löschen. Vergebens. Dann bringt er die vier Tiere in Sicherheit. Peter trägt die viel zu kleinen Hausschlappen seiner Mutter, als er immer wieder den Notruf anläutet, doch die Leitung ist permanent belegt.

Erst eine Viertelstunde später, als er in der Wohnung der Nachbarn steht, kommt er durch und alarmiert die Feuerwehr. Erst gestern gab die Polizei die Wohnung wieder frei. (Polizeimeldung)



Neujahr: Der schwarze Balkon

Katrin Schubert hat den Jahreswechsel in der Innenstadt verbracht und danach bei Giuseppe übernachtet, der ebenfalls im Freiburger Westen wohnt. Von dem Brand in ihrer Wohnung weiß sie nichts, ihr Handy hat sie in der Küche liegenlassen. Am Vormittag des ersten Januar spaziert sie mit Giuseppe über die Brücke, die Haslach mit Weingarten verbindet.



Sie sehen sofort die schwarze Fassade an ihrer Hausfront und zählen leicht panisch die Stockwerke. Es ist das zwölfte. Ihr Balkon.

"Mein erster Gedanke war: Hoffentlich ist meinem Sohn nichts passiert." Inzwischen stehen sie beide in der 75 qm großen Wohnung, gesund, manchmal sogar lächelnd. "Wir sind am Leben. Das ist das einzige, was zählt", sagt Peter. Er stapft durch die kalten Räume, in denen es nach Rauch riecht und nach verbranntem Dämmmaterial. Peter schaut auf den Computer. Auf der Tastatur liegt fingerdick der bläuliche Löschschaum.

Peter geht hinüber in sein verrußtes Zimmer, einen Müllsack in der Hand. Der Fitnessturm mit dem Latzug, die rußschwarze Decke, die zerbrochenen CDs am Boden, das ist alles ziemlich trist. "Hier will ich nicht mehr rein", sagt Peter.



Sechser im Lotto

Katrin Schubert, die seit zweieinhalb Jahren hier wohnt, reagiert auf den Raketenbeschuss ihrer Wohnung mit Galgenhumor: "In diesem Haus gibt es 22 Stockwerke. Auf jedem Stockwerk liegen sechs Wohnungen. Warum ausgerechnet unsere?" Sie sagt, das sei wie ein Sechser im Lotto, bloß, dass man dafür nichts kriege.

Dann ruft ihr Chef an, vom Lidlmarkt in Weingarten. Er erkundigt sich nach der Situation. Frau Schubert sagt in den Hörer: "Morgen um Neun habe ich den Termin bei der Stadtbau. Angeblich bekomme ich eine Übergangswohnung, unten, im sechsten Stock. Das mit der Versicherung muss noch geklärt werden."



Kritik an der Polizei

Währenddessen ist Giuseppe dazugekommen. Ein netter Mann mit festem Händedruck, aus Molise an der Adria. "Ich verstehe nicht, warum die Polizei hier in Weingarten nicht mehr Präsenz zeigt an Silvester. Das ganze Jahr über patroulieren sie im Stadtteil. Die wissen doch, dass es hier abgeht mit den Raketen."



Man verabschiedet sich und verlässt das Schlachtfeld, auf dem die Antipasti und die Alkoholika immer noch an derselben Stelle stehen, wie am Silvesterabend. Unten auf der Krozingerstraße zünden Kinder die Böller, die sie übrighaben oder die noch liegengeblieben sind.