Einmal Berlin Freiburg, bitte!

Markus Steidl

Eine Fahrt mit dem ICE von Berlin nach Freiburg dauert sechs Stunden und 23 Minuten; viel Zeit um Nachzudenken. Unterwegs im ICE denkt Markus Steidl über seine Fernbeziehung nach und das Einkaufen bei H&M. Ein Text mit Gedanken und Beobachtungen einer Zugfahrt, wie wir sie vielleicht alle schon mal erlebt haben.

Großstadtdissoziation heißt es, wenn man die Landschaft außen rum nicht mehr sieht. Im Zug ist es so laut, dass man wenig davon versteht, was geredet wird. Man hört aber, weil es sich bei dem Lärm eher um ein tiefes Summen handelt, durchaus, dass geredet wird. Das ist schon mal anstrengend. Es ist eine Stunde vergangen, Wolfsburg dürfte schon ziemlich nah sein. Wenn die Ansagerin jetzt schon wieder „In Kürze erreichen wir den Wolfsburg“ oder „In wenigen Minuten erreichen wir den Braunschweig“ sagt, ohne „Hauptbahnhof“ danach, gehe ich mal hin in ihre Kabine und frage sie, ob sie Schnaps getrunken hat.


Bis Freiburg wird es noch einige Zeit dauern. Man steht hier als Raucher unter einem enormen Druck, wenn man sich nicht die ganze Zeit zu den Wahnsinnigen ins Qualmabteil setzen möchte, aus Angst davor, mit ausgetrockneten Augen und pelziger Zunge zuhause anzukommen. Jedes Mal nämlich, wenn man dorthin geht, um sich eine anzuzünden, wird man mit Sicherheit an einer Schaffnerin vorbeikommen, der man mit ebenso großer Sicherheit seinen Fahrausweis schon mindestens dreimal gezeigt hat. Sie wird ihn trotzdem wieder verlangen. Man läuft außerdem Gefahr, dass einem der Sitznachbar in seiner Abwesenheit das zurückgelassene Gepäck plündert.

Während ich um 18.00 Uhr an Braunschweig vorbeifahren werde, sitzt meine Freundin in Berlin in einem Fischlokal und lässt sich in Gemeinschaft ihrer Kollegen vom Chef zum Essen einladen. Morgen früh wird sie in die Unibibliothek der Universität der Künste gehen und lesen, während ich in Süddeutschland beim Aufbau eines Konzerts der Hamburger Sprechgesangsquäke Jan Delay eine Helferrolle einnehmen werde. Das ist nichts Sonderbares, sondern der einfache Wiederbeginn unserer normalen Tätigkeiten. Ich erinnere mich, dass ein Freund von mir einmal gesagt hat, dass in Fernbeziehungen alles schwieriger sei: Die Regelung der Beziehung als solche, aber auch die Zeit, die man alleine zuhause verbringt.



Sich eine Zustimmung dazu abzuringen, ist nicht unbedingt schwer, wenn man soeben einen Abschied hinter sich gebracht hat, und den noch dazu an einem Bahngleis, was ja nun wirklich das klischeehafteste, aber zugegeben auch wirkungsvollste Abschiedsszenario ist, das man sich so vorstellen kann. Des Weiteren ist eine mehrstündige Fahrt in einem Schnellzug voller Business-Typen und junger Familien auch nicht der ideale Ausklang für einen solchen Tag, was dem allgemeinen Grundgefühl noch zusätzliche Fesseln anlegt.

Dennoch ist es vermessen, wenn jeder, der einmal eine gescheiterte Fernbeziehung hatte, das Scheitern allein auf die Distanz zurückführt. Das eigene Vermögen dazu, sich wegen der Entfernung nicht in die Hose zu machen, wird leider von zu vielen unterschätzt. Was an sich nicht schlimm ist, nur erwächst daraus meist eine grauenhafte Maxime, die sich dann in den Hirnen der Betroffenen festsetzt und den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun hat, als den ihr Aufgesessenen den Spaß an den eigenen Fähigkeiten zu versauen. Nämlich, indem sie schreit: „Fernbeziehungen funktionieren NIE!“

Das Problem an dieser Aussage ist, dass sie eine Lüge ist. Kann man ja alles nicht genau wissen. Es gibt sicherlich einen südfranzösischen Piloten, dessen Ehefrau seit vielen Jahren in Melbourne wächst und gedeiht, und was weiß ich über deren Beziehung, um solche bösartigen Behauptungen hinsichtlich des Grads ihres Glücks aufstellen zu dürfen? Eben.



Die Wahrheit ist vermutlich, dass viele Beziehungen einfach funktionieren und vermutlich ebenso viele einfach nicht funktionieren, aber dass man an keiner Stelle völlig sicher sein kann, wie lange sie noch so weitergeht.

Aber oh, der Drang der Menschen zu allgemeingültigen Gesetzen, die sie selbst hergestellt haben, ist beinahe so groß wie die allgegenwärtigen Relativierungen im Sinne von „In Afrika verhungern Kinder und DU heulst wegen einer Erkältung rum!“ So sehr man die desolaten Zustände in afrikanischen Städten beklagen muss und niemals vergessen sollte, in was für luxuriösen Verhältnissen man im Vergleich lebt, manchmal ohne dankbar dafür zu sein, umso mehr ist die Annahme lächerlich, der Gedanke an einen von Armut zerfressenen Slum wäre hilfreich für die Genesung eines grippalen Infekts. Es ist sogar unverschämt, zu glauben, dass es einem Armenjungen wichtig sein könnte, zu wissen, dass im Hochschwarzwald ihm zuliebe ein Erkälteter seine Krankheit wie ein gestandener Mann erträgt, anstatt sich von seinen Mitmenschen umsorgen zu lassen. Die Relativierung ist also gleich zwei Mal faschistisch.

Weil man sich natürlich immer bestrafen muss, wenn man während des Schreibens aufgrund wilder Schwallerei das Thema wechselt, habe ich mich soeben vor den Augen aller meiner Mitreisenden geohrfeigt. Ob dies eine Lüge war, und was nun mit dem anfänglichen Thema Fernbeziehung passiert, jetzt wo so ein Bruch in der Erzählstruktur klafft, lasse ich gleichermaßen im Dunkeln und bedanke mich bei mir selbst für diese kaum elegante Methode, von Themenblock zu Themenblock zu springen. Die Anmerkung zumindest, DASS jetzt ein weiterer Themawechsel stattfindet, ist man den Lesenden immerhin schuldig.

Gerade betritt jemand mit einem überdimensionalen Gepäckstück den Waggon in Hildesheim. Ich vermute, dass er sich einen besonders teuren Anzug gekauft hat, den er nicht knicken darf. Apropos Einkaufen: Ich bin seit zwei Jahren der festen Überzeugung, dass ich nicht mehr wachsen oder schrumpfen, geschweige denn ab- oder zunehmen werde, und kaufe mir deshalb alles nur noch in der Größe „M“. Bei einigen Kleidungsstücken, wie beispielsweise knopfloser Oberbekleidung der Warenhäuser Hennes & Mauritz, erziele ich mit dieser Vorgehensweise große Erfolge, aber zum Teil auch einfach deshalb, weil alles, was andere Messungen verwendet als die S-M-L-XL-Schiene, zum Beispiel groteske Zahlen wie 58 oder 100 oder so, eiskalt ignoriert und liegen gelassen wird. So vermeide ich auch die langen Schlangen vor den Umkleidekabinen und stolziere triumphierend, mit den Hemden am Bügel, direkt zur Kasse. Dort frage ich mich meistens, ob man H&M-Mitarbeiten einen Kleidungsstil vorschreibt.



In dieser Hinsicht ist Freiburg liebenswürdig. Man versucht sich zwar einem Trend gemäß zu kleiden, trägt also gerne mal gestreifte Pullöverchen und streckt dem Kunden einen verwegenen Seitenscheitel entgegen, der sicherlich das eine oder andere Tocotronic-Plattencover zierte, bevor ein findiger Friseur in auf den Kopf des freundlichen Kassierers zu Fleisch, nein, Haar hat werden lassen. Sonst aber vermeidet man hier glücklicherweise ästhetische Totalausfälle wie zum Beispiel schwarzglänzende Strumpfhosen-Mullbinden im Stil amerikanischer Rapper, die in Berliner Filialen aber auch durchaus die Durchblutung einer elfenbeinweißen Stirn erschweren können. Überhaupt muss man viel Wunderliches zwischen Fernsehturm und Reichstag, Spree und Havel, zu Gesicht bekommen. Ein Freund, der die Berlinale besucht hat und, wie beinahe jeder, mit einer zugehörigen quietschbunten DJ-Tasche ausgestattet wurde, mahnt: „Bleib lieber in Freiburg, dort produziert zumindest niemand.“ Was er damit genau meinte, kann ich nur erahnen. Aber ich glaube zu wissen, dass es in Freiburg sehr wohl jemanden gibt, der ‚produziert‘. Da man aber Äpfel nicht mit Birnen vergleichen kann, muss man aus Gründen der Aufrichtigkeit hinzufügen, dass die Menge dessen, was in Freiburg so vorkommt, der Spreestadt natürlich hinterher hinkt.

Apropos Vergleiche: Der Schaffner, der in Kassel zugestiegen ist, redet mit den Passagieren wie mit Kleinkindern, in so einer Dutzi-Dutzi-Dutzi-Sprache, und formt seinen Mund dann in der Tradition einer Ente zu einem Schnabel. Ich stelle mir vor, wie er Jan-Delay-Lieder quäkt oder „Fernbeziehungen funktionieren NIE!“ sagt. Bestimmt ist er ein ganz unglücklicher Fatzke, der mit seinem Wellensittich Ida seit drei Jahren abwechselnd in Kassel und Fulda übernachtet. Ein wenig wie Fulda fühle ich mich im Moment auch, aber das ist immerhin besser als nichts. Es gibt einen Satz, der so schön ist, dass ihn die Leute sich auf die Zunge tätowieren lassen sollten, weil er die gesamte Situation gut beschreibt: „Man hört nie auf, sich zu freuen.“ So ist es nämlich. Viele Nachteile eines „Long-distance relationships“, wie der Anglophone sagt, lassen sich nämlich auf den zweiten Blick mit Vorteilen entkräften.

1.)„Man sieht sich nicht oft.“ Das ist wahr. Man muss es aber auch so sehen: Wenn man sich dann nämlich sieht, freut man sich im Normalfall viel mehr übereinander, als wenn man beispielsweise zusammen wohnt und sich, wenn überhaupt, höchstens während der Arbeit oder der Vorlesung nicht auf die Nerven geht. Dazu kommt, dass man sich eben fast gar nicht auf die Nerven gehen kann, weil man einander nicht ständig die Luft zum Atmen nimmt.

2.)„Telefonieren ist auf Dauer anstrengend.“ Auch das ist gewissermaßen richtig. Jedoch muss man ja nicht andauernd den anderen anrufen. Es gibt eine großartige Erfindung in der Geschichte des menschlichen Verstands. Die Urteilskraft. Hat man den Eindruck, man hätte etwas zu erzählen, kann man sehr wohl den Griff zum Hörer tätigen – aber natürlich auch ohne spannende Geschichten. Man sollte jedoch darauf achten, dass man nicht den Hang dazu hat, bei einem Mitteilungsvakuum anzufangen, sich zu streiten. Es gibt auch manche, die gerne nach dem nächtlichen Besuch in gewissen, Kribbelwasser ausschenkenden Lokalitäten berauscht ihre Liebste aus dem Schlaf reißen. Einen oder zwei Versuche ist das auch mal wert, aber nicht mehr, sonst drängt sich dem anderen möglicherweise der Verdacht auf, man wäre vollends der Trunksucht verfallen, was tags drauf ein eher unschönes nüchternes Klärungsgespräch heraufbeschwören könnte. Zu den klaren Vorteilen gehört übrigens eindeutig, dass man alle möglichen Städte zu Gesicht bekommt, beziehungsweise im Idealfall nur eine einzige, man möchte ja nicht dreißig Fernbeziehungen hintereinander führen, sondern die eine, die man hat, nach Möglichkeit florieren lassen. Geschweige denn dreißig Mal umziehen, nur nicht in die Stadt, in der die Freundin oder der Freund lebt. Das wäre wenig wünschenswert, das sehe ich ein.

Dass das ständige Umherfahren auf die Nerven ginge, verstehe ich nicht, es fühlt sich eher an wie Hochfrequenzurlaub. Auf den Geldbeutel schlägt es natürlich ein wenig, aber Mitfahrgelegenheiten sind eine hervorragende Methode, Menschen kennenzulernen (und auch Berufe und Lebensgeschichten, von denen man zugegebenermaßen in der Hälfte der Fälle lieber nichts gehört hätte. Aber man ist ja schließlich keine Mimose) und im Gegensatz zum tiefen schwarzen Schlund der deutschen Bahn relativ günstig.



Da sich das jetzt sicherlich so liest, als wollte ich irgendwas verkaufen, schließe ich hiermit meine Betrachten und halbwertigen Analysen mit etwas anderem: Jedes Mal, wenn man in Frankfurt am Main einfährt, beschleicht einen ein unangenehmes Gefühl. Und nachdem jetzt oft genug Gelegenheit war, nach dem Grund dafür im Unbewussten zu forschen, ist es endlich klar: Es liegt nicht daran, dass der Hauptbahnhof in einem Stadtviertel liegt, in dem ich meine Kinder, sollte ich denn irgendwann einmal welche in Frankfurt haben, niemals allein zur Schule gehen ließe, sondern schlichtweg an der Tatsache, dass es sich um einen Sackbahnhof handelt.

P.S.: Es gibt übrigens auch im Freiburger H&M Möglichkeiten, sich völlig bekackt anzuziehen, nicht nur in den Berliner Filialen. Wer daran zweifelt, setze sich bitte einmal samstags von 12-13 Uhr auf eine nahegelegene Bank auf der Kaiser-Joseph-Straße und erweitere sein Weltbild.

Zweitens: Hat man, wie ich, Größe M und möchte in den Longsleeves nicht wie eine Presswurst aussehen, darf man sich auch gern Größe L kaufen. Ich möchte ja schließlich nicht altklug klingen. Obwohl das jetzt vermutlich auch nicht mehr abzuändern ist.

[Fotos: caro]