Einfach ein cooles Team: Hinter den Kulissen des Jazzhaus

Kim Kartscher, Christian Linner & Frederik Hesse

Wo treffen Pizzakartons, ein Cowboyhut und ein alkoholfreies Hefeweizen aufeinander? Zum Beispiel vor drei Wochen beim HISS-Konzert im Jazzhaus. Damit das funktioniert, arbeiten zwölf Mitarbeiter fünf Stunden am Stück zusammen - an der Kasse, der Garderobe, der Theke, dem Mischpult und im Büro. Wir haben sie begleitet - vor, während und nach dem Konzert:



Punkt 19 Uhr fängt das Jazzhaus an zu leben: Die Mitarbeiter am Einlass drücken Stempel auf jedes Handgelenk, reißen Karten ab und verkaufen Tickets an der Abendkasse. Die Mädels an der Garderobe tauschen Märkchen gegen Jacken und Taschen ein. Das Personal hat alle Hände voll zu tun, als die ersten 50 Gäste einströmen.


Ein normaler Konzertabend im Jazzhaus: Heute Abend betritt HISS nicht zum ersten mal die Bühne des Jazzhaus. Die fünfköpfige Folkrock-Polka-Band aus Stuttgart ist auf ein weiteres Mal zurückgekommen, um ihre Fans mit vertrauten Klängen aller Art zu begeistern - einer Mixtur aus Rock'n'Roll, Blues, Country und lateinamerikanischen Einflüssen. Das Publikum klatscht und bewegt sich im Takt zu Akkordeon und Mundharmonika.

Für die zwölf Jazzhaus-Mitarbeiter beginnt der Abend bereits eineinhalb Stunden vor dem Konzert. Während der Mischer mit technischen Problemen kämpft, gestresst wirkt und hektisch die Regler hin- und herschiebt, polieren zwei Mitarbeiter an der Theke Gläser und tauschen einige fast leere Flaschen in den Regalen gegen volle aus.



An der Treppe zum Eingang warten zwei Dutzend Gäste auf den Einlass. Zwei Fans drängeln sich vor und versuchen, selbst die Türen zu öffnen. Eine Mitarbeiterin des Jazzhauses bittet die beiden, noch ein paar Minuten zu warten. Eine Viertelstunde später sitzen die beiden schon auf den Stühlen vor der Bühne, von denen die meisten bereits belegt sind. Eine Frau Anfang 40 kommt für die erste Bestellung des Abends lachend an die Bar: "Einen Caipirinha, bitte. Aber Vorsicht, ich habe seit 14 Jahren keinen Alkohol mehr getrunken!"

Langsam formt sich ein Bild des typischen HISS-Konzertbesuchers: Sie bevorzugt einen Cocktail oder ein Glas Rotwein und ist mit Freundinnen ins Gespräch vertieft. Er ist Anfang 40, verheiratet und lehnt mit einem Hefeweizen an der Bar.

"Es ist einfach ein cooles Team"

Thomas (45) und Frank (42) aus Emmendingen besuchen schon zum zweiten Mal ein Konzert von HISS. Thomas ist froh, dass seine Frau zuhause auf die Kinder aufpasst, damit er mit seinem Bandkollegen hier sein kann. Vor allem freuen sich die beiden auf die "immer originellen Ansagen" des Frontmanns. "Wir sind zwar nicht regelmäßig unterwegs, aber ins Jazzhaus kommen wir immer wieder gerne.  Die Atmosphäre ist einfach cool, und man ist näher an der Band dran als anderswo."

Kurz nach acht geht im Gewölbekeller das Licht aus. Menschen, die gerade noch in ein Gespräch vertieft waren, verstummen und blicken gebannt auf die Bühne. An der Theke steht nur noch ein einzelner Mann, der eilig versucht, sein alkoholfreies Bier zu bezahlen. Dann verschwindet auch er in der dicht gedrängten Menschenmenge.

Hinter der Theke haben Klaus (23) und Aanschel (21) nun weniger zu tun. Klaus studiert Umwelt- und Naturwissenschaften und ist vor zweieinhalb Jahren eher durch Zufall an seinen Job gekommen. Damals war er mit einem Kumpel im Jazzhaus feiern und kam so mit Michael Musiol, dem Betreiber des Jazzhaus, ins Gespräch. "Es ist einfach ein cooles Team, da macht es natürlich Spaß. Mittlerweile habe ich mir auch abgewöhnt, nachzusehen, welche Bands in meiner Schicht spielen. Aber wenn man zufällig was Cooles läuft, freue ich mich natürlich umso mehr."



In einem kleinen Büro neben den Garderoben sitzt Betriebsleiterin Ariane Reiber und wirft einen Blick auf die Dienstpläne. Auf einem kleinen Besprechungstisch steht ein Laptop neben zwei leeren Pizzakartons, an der Wand hängen drei volle Pinnwände und viele Poster vergangener Konzerte. Ariane arbeitet seit zehn Jahren im Jazzhaus und ist an Abenden wie diesem für die Koordination der Mitarbeiter verantwortlich. Das Team besteht aus elf Festangestellten, 35 Studierenden und sieben freien Mitarbeitern für die Tontechnik.

"Besonders toll finde ich es, dass bei uns jeder jedem hilft. Wenn die Theke jetzt nach Hilfe schreien würde, wären ein, zwei Leute von der Garderobe sofort zur Stelle, um mal auszuhelfen. Abgesehen davon ist es natürlich toll, am Puls der Musik zu arbeiten."

Fast 300 Jacken und Taschen

Das Publikum wird von Song zu Song lauter.  Der Mann mit Cowboyhut in der ersten Reihe reißt sein Glas mit Whisky-Cola hoch und singt lauthals "Das Gesetz der Prärie" mit. In der letzten Reihe steht Paul (17) mit seiner Freundin und einer Flasche Bionade. "Wir haben die Karten von meinen Eltern bekommen und wussten gar nicht, was uns erwartet. Normalerweise hören wir eher Deutsch-Rap, aber für das, was die Jungs hier machen, ist es echt witzig."

Julia hat heute Abend fast 300 Jacken und Taschen entgegengenommen und mit Garderobenmärkchen versehen. Trotz dreineinhalbjähriger Routine hat sie für jeden Gast ein Lächeln übrig. "Es ist schon interessant, wie unterschiedlich die Leute so sind, je nach dem, was für ein Konzert ansteht. Nach dem ersten Ansturm ist bei mir dann kaum etwas los. Da ist es natürlich manchmal sehr witzig, die Leute von hier aus, beim Tanzen beobachten zu können."

Nach zwei Zugaben und mehr als 120 Minuten verabschieden sich HISS vom Publikum. Wie am Fließband tauschen Klaus und Aanschel Pfandmarken gegen 1-Euro-Münzen, während Julia an der Garderobe hektisch nach "Tasche 243" sucht. Es ist 22:30 Uhr, und in einer halben Stunde beginnt der Club-Betrieb. Feierabend wird die Jazzhaus-Crew erst gegen vier Uhr morgens haben. Ihre letzte Diensthandlung wird es dann sein, in geschlossener Runde noch ein Bier zu trinken.

Das Autoren-Team


Kim Kartscher
(21, VWL), Christian Linner (26, Politik & Geschichte) und Frederik Hesse (23, Medienkulturwissenschaften) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen (ZfS) haben sie im Wintersemester an einem Berufsfeldorientierte Kompetenzen (BOK)-Kurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Manuel Lorenz und Carolin Buchheim angeboten haben. Im Rahmen dieses Kurses haben die drei Studierenden diese Reportage konzipiert, recherchiert und geschrieben.

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