Einen Monat leben von Hartz IV: Wie war's?

Nora

359 Euro – so viel Geld hat ein alleinstehender Hartz IV-Empfänger monatlich zur Verfügung. Ganz schön wenig, findet unsere Autorin Nora. Einen Monat lang hat sie getestet, wie es ist, vom Arbeitslosengeld II zu leben. Über ihre Erlebnisse mit dieser neuen finanziellen Herausforderung hat sie auf fudder im August regelmäßig berichtet. Hier ein letzter Rückblick ihres Selbstversuches.



Es war eine Art Experiment. Ich wollte sehen, ob ich einen ganzen Monat lang von 359 Euro leben kann. Oder besser gesagt: Ob ich überleben kann. Denn was für viele Studenten ein ansehnliches Monatsbudget ist, erscheint mir ganz schön knapp bemessen. Dank eines Stipendiums und einiger Ersparnisse habe ich seit Beginn meines Studiums in Freiburg mehr Geld zur Verfügung als noch zu Schulzeiten zu Hause bei meinen Eltern. An diese neuen finanziellen Verhältnisse haben sich meine Ausgaben erschreckend schnell angepasst.


Nach einem Blick auf meine Ausgabenbilanz im Juli ziehe ich deshalb die Notbremse: Ich muss meinen Lebensstil herunterschrauben, so viel ist klar. Aber von wie wenig Geld kann man eigentlich leben? Wie leben Menschen, die nicht nur aus Vernunft sparen wollen, sondern aus Notwendigkeit sparen müssen? Wie kommt jemand klar, der plötzlich mit Hartz IV - dem Existenzminimum - auskommen muss? Ich will es herausfinden.



Warum ich mir ausgerechnet den Hartz IV-Regelsatz als Limit gesetzt habe? Wahrscheinlich, weil dieser Betrag einfach am griffigsten ist. 359 im Monat gelten als Existenzminimum, also muss es theoretisch möglich sein, mit dieser Summe über die Runden zu kommen. In der Praxis stellt es sich dann aber als gar nicht so einfach heraus.

Die ersten Tage verlaufen relativ problemlos. Noch ist mein Kühlschrank gefüllt und größere Anschaffungen stehen nicht an. Doch bei meinem nächsten Supermarktbesuch wird mir klar, dass genaues Rechnen angesagt ist. Die Tour über den Markt am Münsterplatz spare ich mir und gehe direkt zum Discounter. Auch da heißt es jedoch: Abstriche machen. Saft, Schokolade und Kaugummi bleiben als Luxusartikel im Regal zurück, dafür stürze ich mich auf jedes Angebot. Jede Menge Nudeln und Dosentomaten landen in meinem Einkaufswagen. Das macht satt und ist billig.

Feiern gehe ich in diesem Monat kein einziges Mal. Wenn ich Freunde treffe, dann meistens zu Hause. Wenn ich mich zum Trinken gehen verabrede, beschränke ich mich auf ein Getränk am Abend – meistens eine Apfelschorle oder einen Kaffee. Nicht selten ernte ich dafür böse Blicke von den Kellnerinnen. Immer wieder kommen sie im Laufe des Abends an den Tisch und fragen: „Darf es noch etwas sein?“, mit einem Ton, der eher meint: „Bestell noch etwas oder verschwinde!“Immerhin gebe ich jedes Mal Trinkgeld. Eine Freundin, der ich von meinem Experiment erzähle, sagt dazu: „Warum hast du ihr denn drei Euro gegeben anstatt 2,70 Euro? Ich glaube nicht, dass Hartz IV-Empfänger den Kellnern noch Trinkgeld geben können.“ Das macht mich nachdenklich. Muss ich tatsächlich schon an solchen Stellen sparen?



Schwierig wird es, als ich für eine sehr gute Freundin ein Geburtstagsgeschenk finden muss. Was kauft man, wenn man ein bisschen mehr als 10 Euro am Tag zur Verfügung hat? Die üblichen Geschenke wie CDs, Bücher, Kosmetik oder Klamotten fallen schon mal weg. Nach einer langen Suche und vielen Überlegungen entscheide ich mich schließlich für ein kleines Tapas-Kochbuch, das im Sonderangebot ist und mich 2,99 Euro kostet. Dazu bastel ich einen Gutschein für einen kleinen Tapas-Abend bei mir zu Hause, mit Käse, Oliven und Rotwein. Das scheint mir erschwinglich, doch insgeheim hoffe ich, dass meine Freundin diesen Gutschein erst im nächsten Monat einlösen wird.

Überhaupt frage ich mich, ob Hartz IV-Empfänger noch zu Geburtstagsfeiern gehen. Oder überhaupt etwas verschenken können. Dass mit Hartz IV das soziale Leben auf längere Sicht hin gesehen leiden muss, kann ich schon relativ früh nachvollziehen. Nicht selten klinke ich mich aus, wenn meine Freunde ins Kino oder feiern gehen. Um die sechs Euro für knappe zwei Stunden Vergnügung im Kino kann ich mir unter diesen neuen Umständen nicht mal so eben leisten, ebenso wenig teure Cocktail- oder Clubabende. Entweder ich schaffe es, meine Freunde in Discos mitzuschleifen, in denen der Eintritt kostenlos ist, oder ich bleibe zu Hause. Konzerte, Theater- oder Ausstellungsbesuche sind überhaupt nicht mehr drin.

Auch gelegentliche kleine Freuden wie ein Eis, ein Coffee to go oder ein schickes paar Ohrringe muss ich mir verkneifen. Diese Einschränkungen fallen mir – um ehrlich zu sein – ziemlich schwer. Während meines Experiments unterhalte ich mich auch mit Ruben. Ruben ist 18 Jahre alt und er und seine Familie leben seit 2005 von Hartz IV, davor drei Jahre lang von Sozialhilfe. Die Einstellung dieses jungen Mannes beeindruckt und berührt mich: Einerseits bewundert er seine allein erziehende Mutter dafür, dass sie ihn und seinen Bruder all die Jahre irgendwie durchgeboxt hat, dafür, wie sie mit dem wenigen Geld für die Familie sorgt. Auf der anderen Seite merke ich, wie wichtig es ihm ist, später selbst nicht von Hartz IV leben zu müssen. Vor allem seine Einstellung gegenüber materiellen Dingen bewundere ich. „Für viele meiner Freunde ist es selbstverständlich, alles zu bekommen“, erklärt er nachdenklich. „Sie denken gar nicht mehr groß darüber nach und verschwenden eine Menge Geld. Ich bin jedes Mal stolz darauf, wenn ich mir eine Sache erspart oder erarbeitet habe und kann das dann viel mehr genießen, glaube ich.“

Während sich Ruben schon an die finanzielle Situation seiner Familie gewöhnt hat, versteht sein zwölf Jahre jüngerer Bruder oft noch nicht, warum er – im Gegensatz zu anderen Kindern im Supermarkt oder Kaufhaus – kein Eis, kein neues Spielzeug bekommen kann. Wie reagiert man als Mutter oder älterer Bruder, wenn von einem Kind die Frage kommt: „Warum kann ich nicht auch so was haben?“„Wir versuchen, es meinen Bruder so wenig wie möglich spüren zu lassen, dass wir nicht so viel Geld haben“, sagt Ruben. „Kinder lassen sich sehr von der Werbung beeinflussen. Meine Mutter und ich erklären ihm dann, dass viele Dinge zwar schön, aber nicht unbedingt notwendig sind.“

Mit diesem Beispiel macht Ruben mir deutlich, dass es einen Unterschied zwischen wollen und brauchen gibt und man auf viele Dinge, die man sich einfach mal gönnt, ebenso gut verzichten kann.

Interessant sind auch die Kommentare der User zu meinem Hartz IV-Blog auf fudder.de. Die Kritik und Polemik, die vor allem am Anfang noch von allen Seiten kommt, nehme ich mir zu Herzen. Da gibt es Bemerkungen, die dieses Experiment als unrealistisch, naiv oder sogar unverschämt abstempeln. Nicht selten greife ich Ideen der User auf und lasse mich in einer gewissen Weise durch die Kommentare beeinflussen. Alles in allem versuche ich aber, mich so gut wie nur möglich in die Situation eines Menschen mit sehr wenig Geld hineinzuversetzen. Das ist schwierig und gewiss nicht hundertprozentig authentisch, da ich den psychischen Druck nicht habe. Die Angst, mit dem Geld nicht auszukommen, ist nicht so groß, da ich weiß, dass es für mich ja nur ein Experiment von einem Monat ist und ich inzwischen schon wieder „normal“ leben kann.



Am Ende des Monats ziehe ich Bilanz: 285,28 Euro habe ich im August ausgegeben, plus 39 Euro Fitnessvertrag, plus 26 Euro Strom und Telefon. Insgesamt 350,28 Euro. Darin sind außer Essen nicht viel enthalten und es ist mir unbegreiflich, wie man auf Dauer mit so wenig Geld auskommen kann. Was tun, wenn der Computer kaputt geht, man mal zum Frisör muss oder eine neue Jacke braucht? An verreisen gar nicht erst zu denken. Ich habe auf jeden zusätzlichen Luxu“ verzichtet und bin trotzdem nur knapp unter den gesetzten 359 Euro geblieben. Müsste ich tatsächlich länger von Hartz IV leben, so würde ich vermutlich als erstes meinen Fitnessvertrag kündigen.

Das Experiment war definitiv eine wichtige Erfahrung und ich bin gespannt, wie es sich auf mein zukünftiges Konsumverhalten auswirkt. Ich merke, dass ich in der ersten Septemberwoche weiterhin sehr sparsam mit meinem Geld umgegangen bin. Coffee to go bleibt – wie auch in meinem Hartz IV Monat – ein Luxus, den ich mir nicht mehr täglich leisten will. Auch überlege ich dreimal, bevor ich einfach so einen Euro für irgendeinen Schnickschnack ausgebe. Ich denke, dass ich zumindest den Unterschied zwischen wollen und brauchen gelernt habe.