Ohne Schule

Eine zweite Gruppe Schüler bereitet sich autonom aufs Abi vor

Anja Lusch

"Abinom", so nennt sich eine Gruppe von elf Schülern, die sich ohne Schule auf das Abi vorbereiten. Die Idee haben sie nicht erfunden. Eigentlich sind sie ein Haufen abgelehnter Bewerber.

"Wir sind offen für alle, die sich bei uns bewerben wollen, um ihr Abitur zu machen", meint Kelvin, einer der Schüler. Er möchte wie die anderen seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen – und ist für Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring der Gruppe zuständig. Was unterscheidet diese "Schule", die keine staatliche Unterstützung bekommt, von anderen Schulen?


"Methodos" waren die Ersten in Freiburg

Die Teilnahme bei Abinom wird als "Schulbesuch" im Rahmen der Schulpflicht anerkannt, aber es gibt in der Vorbereitungszeit keine Klausuren, die für die Abiturnote zählen. Dafür ist die Abschlussprüfung umfangreicher. Die Schüler bereiten sich gemeinsam auf die "Schulfremdenprüfung" vor. In Baden Württemberg ist kein spezieller Schulabschluss für die Anmeldung notwendig. Aber die Schüler dürfen im Prüfungs- oder im Vorjahr nicht an einem staatlich anerkannten Gymnasium unterrichtet worden oder bereits zweimal durch die Prüfung gefallen sein. Dann entscheiden sie selbst, in welchem Jahr sie sich zur Prüfung anmelden. Das Oberschulamt teilt die Schüler, je nach Fächerkombination, einem Gymnasium in der Nähe zu. Dort legen sie die Prüfungen mit den anderen Schülern gemeinsam ab. Vier von Abinom starten am heutigen Dienstag mit ihren Abiturprüfungen, die anderen lernen noch ein oder zwei Jahre weiter, je nach Wissensstand.

"Hier komme ich gerne und freiwillig zum Unterricht. Wir lernen im Team und besprechen die Inhalte gemeinsam." Kelvin, "Abinom"-Schüler
Die Idee, sich selbstständig auf das Abitur im Rahmen der Schulfremdenprüfung vorzubereiten, hatten schon vor neun Jahren Schülerinnen und Schüler des Freiburger Vereins "Methodos". Derzeit lernen dort 18 Lernwillige. Wer mitmachen möchte, bewirbt sich und kann dann drei Tage lang hospitieren. Wie die endgültige Auswahl erfolgt, entscheidet die jeweilige Gruppe jedes Jahr neu. "Auch die Gruppengröße wird von der je aktuellen Gruppe bestimmt", meint Lola von Methodos. 2016/2017 bewarben sich so viele, dass nicht alle aufgenommen werden konnten.

Die Motivation kommt aus der Freiwilligkeit

Die abgelehnten Bewerber schlossen sich zusammen und gründeten mit weiteren Mitstreitern im September 2016 "Abinom" als neuen Verein mit dem Ziel sich auf das Abitur vorzubereiten. "Wir lernen alle gerne und freiwillig. Dadurch sind wir sehr motiviert, was auch für die Lehrer eine gute Erfahrung ist", sagt Kelvin. Die Schüler entscheiden selbst, welche Themen sie sich alleine erarbeiten und welche sie mit den selbst finanzierten Lehrern besprechen. "Es ist ein Dialog, die Lehrer schlagen Themen vor, oder wir bestimmen die Themen, die wir für das Abitur brauchen. Der Vorteil ist, wir lernen wirklich nur, was in der Prüfung gefragt wird. Dadurch steigt die Motivation. Hier geht es darum, den Gesamtzusammenhang zu verstehen, eigenständig zu denken und sich die Themen auch selbstständig anzueignen. Es entsteht ein viel besseres Verständnis", so Kelvin. Diese freiere Form des Lernens ist einer der Hauptgründe für die meisten Schüler zu dieser Schulform zu wechseln. Einige hatten Schwierigkeiten mit dem bisherigen Schulsystem. Luise kam mit den Schulstrukturen nicht zurecht. "Mir war das Schulsystem zu starr und ich hatte Probleme mit der Autorität der Lehrer." Für Kelvin war der Druck, den Lehrer und Schule ausgeübt haben, zu hoch: "Hier komme ich gerne und freiwillig zum Unterricht. Wir lernen im Team und besprechen die Inhalte gemeinsam."

Diese Schulform versteht Bildung auch im Sinn von Persönlichkeitsbildung. Eigenständiges Denken, Organisieren und Handeln ist gefragt. Das fördert Eigenschaften und Fähigkeiten, die Firmen bei vielen Bewerbern vermissen. Die Schüler hoffen, dass ihr Projekt aus diesem Grund für Unternehmen interessant wird.

Bei Abinom finanzieren sich die Schüler ihren gesamten Unterricht, die Lehrer, Räume und alle Materialien selbst, auf ihrem Weg zu einem staatlich anerkannten Abitur. Sie bezahlen 180 Euro im Monat, meist mit Unterstützung der Eltern, einige arbeiten nebenher. Das Honorar für die Lehrer liegt bei 25 Euro je Zeitstunde. Zehn Lehrer unterrichten ihre Fächer jeweils 90 Minuten in der Woche. Einige unterrichten hauptberuflich an einer Regelschule und möchten das Projekt unterstützen. Andere sind pensioniert. Alle Lehrer genießen die konstruktive Lernatmosphäre mit den motivierten Schülern bei Abinom.
Wer im nächsten Schuljahr mitlernen möchte, kann sich bis 31. Mai bewerben.



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