Selbstversuch

Eine Woche leben ohne Plastik – funktioniert das in Freiburg?

Dorothea Winter

Kann man Plastik aus dem Alltag streichen? Ist Nachhaltigkeit nur Gutverdienern vergönnt? fudder-Autorin Dorothea wagt den Selbstversuch: Eine Woche hat sie ohne Plastik gelebt. Und musste schnell klein beigeben.

Die Regeln:

  • Ich versuche, kein neues Plastik zu kaufen
  • Mehrweg-Plastik ist in Ordnung
  • Ausnahmen: Elektronische Geräte, wie Laptop, Smartphone, Zubehör, Kleidung

Vorbereitung

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Zahnbürste, Zahnpasta, Haarshampoo, Handseife, Spülmittel, Mülltüten und Putzmittel werden weggesperrt. Der Keller meiner Oma wird geplündert und alle brauchbaren Einmachgläser mitgenommen. Plastik ist echt überall. Und so praktisch. Nach dem Aussortieren und dem Blick in meine leere Wohnung bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob ich Plastik wirklich so böse finde.

Anschließend geht es für mich in den Unverpackt-Laden. In den Warenkorb kommt eine Brotdose aus Metall, eine Holz-Zahnbürste, eine Holz-Haarbürste, Zahnpflege-Tabletten, eine Deocreme im Glas, eine Seife und ein passendes Säckchen. Der Preis ernüchtert: Fast 70 Euro kosten die paarwenigen Artikel. Und mir schwant: Plastiklos durchs Leben ist nichts für Geringverdiener.

Montag

Schlimmer kann ein Montagmorgen nicht beginnen. Zähneputzen ohne meine geliebte elektrische Zahnbürste und Zahnpasta. Stattdessen kaue ich auf einer grauen, modrig schmeckenden Zahnpflege-Tablette rum und schrubbe meine Zähne mit einer Bambus-Holz-Bürste. Auf meinen morgendlichen Kaffee muss ich heute auch verzichten. Ich hatte vergessen, Filterkaffee zu Kaufen und trinke normalerweise Kapselkaffee, der jetzt für die kommenden sieben Tage tabu ist. Wer hat nochmal gesagt, dass Nachhaltigkeit Spaß macht?

Den weiteren Vormittag bringe ich ohne weitere Plastik-Vorkommnisse rum. Zum Mittagessen bin ich mit einer Freundin auf dem Wochenmarkt verabredet. Und dort gibt es zahlreiche Möglichkeiten, plastikfrei Mittag zu essen.

Nach der Arbeit geht es an meinen Wocheneinkauf. Um die These "Plastikfrei ist teuer" auf den Prüfstand zu stellen, versuche ich mein Glück in einer Discounter-Kette. Die Ausbeute ist ernüchternd. Joghurt, Aufstriche, Süßigkeiten, Nudeln, Reis, Wurst und Käse – alles ist in Kunststoff eingepackt. Mit einem Glas Rothkohl, zwei Äpfeln und einem Brötchen aus dem Backautomaten geht es für mich heim.

Dienstag

Nach dem Debakel beim Einkaufen im Discounter versuche ich heute mein Glück in einem besser aufgestellten Lebensmittelmarkt. Fast alle Arten von Lebensmitteln gibt es ohne Plastikverpackung. Die Auswahl schränkt sich bloß ein und der Preis wird oftmals teurer. Das einzige, was ich nicht ohne Plastik-Verpackung finde, ist Toilettenpapier und Schokolade. Da ich auf die beiden Sachen auf keinen Fall verzichten kann, kommt heute dann doch bewusst Plastik mit in meinen Einkaufswagen.

Abends bin ich mit meiner Freundin zum Picknick an der Dreisam verabredet. Der Picknickkorb ist durch die vielen Glasbehälter schwerer, aber sonst ist alles wie sonst auch. Mein erster Lichtblick in dieser Woche.

Mittwoch

Als ich in der Mittagspause meinem Kollegen den harten Alltag ohne Plastik schildere, falle ich aus allen Wolken. Sie eröffnen mir, dass die Bambus-Zahnbürste, die ich im Unverpackt-Laden gekauft habe, überhaupt nicht plastikfrei ist. Die Borsten bestehen aus Nylon. Und im gleichen Atemzug weisen sie mich darauf hin, dass weder meine Schnürsenkel, noch meine Hemdknöpfe oder mein Haargummi ohne Plastik auskommen. Die Lage spitzt sich zu.

Den Abend verbringe ich mit meinem Freund im überfüllten Ikea. Dementsprechend hoch ist das Stresslevel. Sechs Einzelbestandteile eines Schreibtisch, ein Teppich und ein paar Pflanzen mit passenden Töpfen kommen in den Einkaufswagen. An fast jedem Produkt ist Kunststoff oder Plastikverpackung. Der Hot Dog und die Pappbecher-Cola am Ende sind das einzig plastikfreie, was ich aus dem Ikea mitnehme. Aber das ist mir nach diesem anstrengenden Besuch auch egal.

Donnerstag

Mein Morgen startet mit einem Zahnarzt-Besuch. Raus komme ich mit einer Plastik-Zahnspange und Medikamenten, die in Plastik eingepackt sind. Ich ergreife die Gunst der Stunde und frage meine Zahnärztin, was sie von meiner neuen Zahnpflege-Routine hält. Ihre Antwort lautet "Nicht viel". Normalerweise beinhaltet meine Nachdem-Zahnarzt-Routine einen Schokoriegel und einen Matcha-Latte. Ersterer ist ohne Plastikverpackung unauffindbar. Naja, meine Gesundheit wird es mir danken.

In der Mittagspause machen sich die vier Tage fast ohne Süßigkeiten langsam bemerkbar und ich lege einen Boxenstopp in meiner Lieblingseisdiele ein. Ganz plastikfrei wird dort Eis verkauft. Genau mein Ding.

Am Abend bin ich bei Freunden zum Grillen eingeladen. Der Dorfmetzger meines Vertrauens legt mir meine gekauften Würstchen und Steaks unverpackt in meine mitgebrachte Glasdose. Eigentlich sollte ich noch einen Salat mitbringen, hatte aber keine Zeit, einen vorzubereiten. Und verkauft wird der Salat dort nur in kleinen Plastikdosen. Pech gehabt.

Freitag

Auf dem Weg zur Arbeit kaufe ich mir einen Kaffee. Der Kunde vor mir fragt die Verkäuferin nach einem Deckel. Und bekommt prompt die Antwort " Das ist schlecht für die Umwelt! Die gibt’s bei uns nicht", wenig begeistert nimmt der Kunde seinen brühheißen Kaffee in die Hand und balanciert ihn aus der Bäckerei. Fluchend und eine Kaffee-Tropfen-Spur hinter sich her ziehend verlässt er die Bäckerei. Ihm scheint der Umweltschutz wenig Spaß zu machen.

Und auch bei meinem Drogerie-Besuch am späten Nachmittag fällt der Sinneswandel des Einzelhandels auf: In den meisten Drogerieläden, in denen bis vor kurzem noch kostenfreie Plastiktüten für alle Kunden angeboten wurde, ist dies heute undenkbar. Ob der Umweltschutz dabei wirklich die übergeordnete Rolle spielt, sei dahingestellt.

Den Abend und meine fast plastikfreie Woche lasse ich mit Freunden bei einem Drink ausklingen. Auf meinen Hinweis, dass ich meinen Cocktail bitte ohne Strohhalm möchte, sagt die freundliche Bedienung "Wir haben doch den Eco-Straw!" Nicht ganz sicher, ob biologisch abbaubare Kunststoffe für No-Plastik-Verfechter OK sind, drücke ich beide Augen zu und trinke meinen Mojito durch den Trinkhalm.

Fazit

Dass unser aller Plastik Konsum verringert werden muss, steht außer Frage. Aber ganz ohne geht nicht. Und das muss es meiner Meinung auch nicht. Viel eher sollte man sich um ein sinnvolles Recycling kümmern. Ich werde weiterhin vermeiden, Einmal-Plastik zu kaufen. Aber Plastik nicht aus meinem Leben streichen. Dafür gibt es viel wichtigere Dinge, mit denen man seinen Tag verbringen kann.

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