Eine WM-Fernsehfan-Typologie

Adrian Hoffmann

Alle schauen Fußball-WM! Doch Fernsehfan ist nicht gleich Fernsehfan. Eine Typologie:



Der Analytiker

Er hat meistens sehr viel zu sagen - mehr, als seine Nebensitzer hören wollen. Der Analytiker hat auch jetzt noch nicht kapiert, dass Jürgen Klinsmann der Bundestrainer ist und deshalb auch über die Mannschaftsaufstellung entscheidet. Der Analytiker hätte jemand anderen für Poldi eingewechselt, und er wäre insgeheim natürlich auch der bessere Moderator.

Die Unwissende

Sie ist einfach nur nervig. Die Unwissende erwischt immer die falschen Zeitpunkte, um nach der Erklärung für die Abseitsregel zu fragen. Das Schlimme ist: Sie ist kein Mythos, es gibt sie wirklich. Und zwar definitiv zu oft. Noch dazu tut sie immer wahnsinnig interessiert, hat aber zehn Minuten nach dem Abpfiff keine Ahnung mehr, wie das Spiel ausging.

Der Public-Viewing-Besoffene

Er hat nicht bedacht, dass die Sonne stärker ist als sonst. Und er hat auch nicht bedacht, dass Mittagsspiele deshalb gefährlich sind. Deshalb mutiert der Public-Viewing-Besoffene, wenn auch unfreiwillig, in Eschholzpark zum Proll. Das kann passieren, sich auch im witzigen Rahmen halten, es kann aber gut sein, dass er die Halbzeitpause hinterm Bierstand verbringt.

Der Public-Viewing-Besoffene-Beobachter

Er ist der eigentliche Proll, im Grunde ein Oberproll. Denn er geht in den Eschholzpark, um danach über gröhlende Fans zu lästern. Der Public-Viewing-Besoffene-Beobachter ist voyeuristisch veranlagt und vergisst in aller Aufregung über die vielen unkontrollierten Fans das Spiel anzuschauen. Kann ihm egal sein, damit setzt er sich sowieso nicht auseinander.

Die Herzdame

Sie verwechselt das Public Viewing mit einer Modeschau. Mit schwarz-rot-goldenen Herzchen auf den Bäckchen signalisieren Möchtegern-Püppchen ihre Paarungsbereitschaft. Die Herzdame ist oft blond (sorry, ist halt so) und wenn sie während des Spiels den richtigen Begleiter findet, gehen sie danach die ersten Kinder zeugen und dann einen Retriever kaufen.

Der Frenetische

Er ist der Sympath schlechthin. Er feiert begeistert, und wenn seine Mannschaft auch nur einen Angriff startet - er steht schon halb vom Sitz auf. Der Frenetische muss viel seufzen, wenn viele Chancen vergeben werden. Wenn er auf dem Platz stünde, würde er sie natürlich alle reinhauen. Wenn sein Team verliert, ist er traurig. Aber die Welt geht nicht unter.

Der Pessimist

Eine sehr anstrengende Spezies. Da kann Deutschland 3:0 führen, er glaubt trotzdem an den Ausgleich. Und umgekehrt: Kriegen die Deutschen das erste Tor, ist er es natürlich, für den das Spiel schon verloren ist. Wenn der Pessimist echte Fans um sich hat, sollte er besser die Klappe halten. Sonst kriegt er ganz, ganz schnell eine auf den Deckel.