Eine Typologie der Weihnachts-Schenker

Johanna Schoener

Der Countdown läuft! Nur noch drei Tage bis zum heiligen Konsumfest. Draußen, in der Stadt, ist es nicht mehr möglich, dem ganz normalen Weihnachtswahnsinn zu entfliehen – Zeit die unterschiedlichen Schenker-Typen mal unter die Lupe zu nehmen. Eine Typologie von Johanna.



Rund um die Kaiser-Josephstraße trifft man aktuell am Häufigsten

den Otto-Normal-Schenker.

Diese Kategorie ist Sammelbecken für die meisten von uns. Otto hat spätestens bei der Ankunft von Muttis Nikolauspäckchen registriert, dass die „gnadenbringende Weihnachtszeit“ mit Riesen-Weihnachtsmann-Schritten auf ihn zukommt und sich in ruhigen Straßenbahn-Minuten überlegt, was er dem ein oder anderen so schenken könnte. Nun sammelt er nach und nach ein Geschenk nach dem anderen. Er bleibt beim Altbewährten für die Eltern – Bücher, Filme, oder nochmal den Kalender von letztem Jahr? Der kam doch ganz gut an. Mit den Geschwistern spricht er sich nach Möglichkeit ab, schließlich will er selbst ja auch was bekommen, was er gebrauchen kann. Es sei denn, er hat zufällig selbst einen tollen Geistesblitz für die Schwester. Dann nörgelt er ins Telefon: „Ne du, ich find’s blöd, wenn wir was ausmachen, dann geht doch die ganze Überraschung flöten!“  

Spätestens ab Samstag morgen drängeln sich nur noch wenige Ottos durch Karstadt und Co. Ab dann trifft man eher 

den Last-Minute-Schenker.

 

Diese Spezies zeichnet sich durch ein ungesundes Maß an Verdrängung aus. Lebkuchen und Spekulatius im Supermarkt sind für sie kein hilfreicher Hinweis auf die bedrohlich näherrückende Geschenkeschlacht. Schließlich üben sie sich schon seit September darin, die Süßkramberge zu ignorieren. „Ich geh’ am 24. vormittags in die Stadt, da ist keine Sau mehr unterwegs“, posaunt der Last-Minute-Schenker lässig in die Runde, wenn seine Freunde sich über den Vorweihnachtsstress in den Straßen beklagen. Pustekuchen! Inzwischen ist die Last- Minute-Schenker-Fraktion halt auch nicht mehr die Kleinste. Deswegen muss sich der arme Mensch dann am 24., während Mama und Papa den Baum schmücken, hektisch durchs Gewühl schlagen und versuchen, noch ein paar Restposten zu ergattern. Sehr besinnlich – obwohl, vielleicht will der Verdränger eben auch die Stunden der familiären Besinnlichkeit herauszögern. Also: eine neue Teflon-Pfanne für Mama, eine Zigarrenetui für Papa und für die Schwester die CD von – „wie heißt er doch gleich?“. Einfallsreichtum gehört nicht zu seinen Stärken, aber ganz ehrlich – wenig Zeit in den Einkauf investieren, bedeutet auch eine geringere Enttäuschung bei wenig enthusiastischen Reaktionen der Beschenkten.

 



Die durchorganisierte Schenkerin

landet nämlich auch nicht mit jedem Präsent einen Treffer. Umso ärgerlicher, da sie sich bereits monatelang Gedanken gemacht hat. Das ganze Jahr über ist sie hellhörig. Wenn die beste Freundin mit begeistert verdrehten Augen vor den Ohrringen im Schaufenster des Schmuckladens steht, wird das sofort abgespeichert, egal ob im April oder August. So geht das quer durch den Bekannten- und Familienkreis. Anfang Dezember hat sie meist alles zusammen und erspart sich auf diese Weise einen Haufen Stress. Meistens liegt sie dann auch richtig mit ihren Geschenken. Zwei Probleme können allerdings auftreten. Problem eins: Die beste Freundin hat sich die Ohrringe längst selbst zugelegt. Problem zwei: Es kommt zu Peinlichkeitsmomenten, weil die Durchorganisierte fast an alle gedacht hat und mindestens dreimal ein Gegenüber mit leeren Händen vor sich hat. Ihr selbst passiert das nicht, denn sie kauft vorsichtshalber immer ein paar „personenunabhängige Geschenke“, wie sie es nennt, die bei Bedarf in die Hände derjenigen wandern, die ihr unerwartet etwas überreichen. 

Eigentlich macht sich nur eine noch mehr Gedanken über die Beschererei. Das ist 

die kreative Bastlerin.

Kaum einer kann sich dem Charme ihrer selbstgemachten Sachen entziehen. Eine liebevoll genähte Tasche für die Schwester, für den Vater seine Lieblingsplätzchen, der Mutter einen zu den Wohnzimmervorhängen passend bemalten Bilderrahmen mit einem Schnappschuss aus Kindertagen – von den tagelangen Bastelaktionen für den Partner ganz zu schweigen. Eigentlich liegt die Kreative mit ihren Ideen immer richtig. Für sie sind Geschenke wahrhafte Beziehungszeichen. Die eine Sorte dieses Typus ist glücklich, wenn die Beschenkten sich ehrlich freuen. Allerdings gibt es die andere Sorte, die ihrerseits Erwartungen hat: Wenn sie nur Gekauftes, Nützliches oder gar Geld auf dem Gabentisch findet, macht sie sich den Rest der Weihnachtstage Gedanken, ob ihr Freund sie auch wirklich liebt oder die geschwisterlichen Gefühle des Bruders tief genug gehen.



Der Geldüberweiser

würde sich niemals einen Kopf machen. Er ist entweder ein absoluter Pragmatiker oder vollkommen einfallslos. Vielleicht kommt bei ihm auch einfach beides zusammen und trifft sich gut – besonders, wenn es finanziell positiv bei ihm aussieht. Es gibt verschiedene Reaktionsmöglichkeiten auf die Erhöhung des Kontostands. Aber mal ehrlich, den Vorwurf der Ideenlosigkeit oder Lieblosigkeit sparen sich doch die meisten. Sind wir nicht alle ganz glücklich über Finanzspritzen? Besonders praktisch: Wenn der Geldsegen im Vorhinein berechenbar ist, kann man ihn gleich selbst in die Weihnachtsgeschenke investieren. 

Schwieriger wird die Reaktion bei den 

den Gutschein-Schenkern.

 

Hier muss man wirklich differenzieren: Es gibt die eine Sorte, die eigentlich zu der Last-Minute-Schenker-Fraktion gehört und auch noch die letzte Minute hat verstreichen lassen. Manchmal ähnelt sie auch dem Geldüberweiser – nur ohne Knete auf dem Konto. Bei diesen Menschen kann man die Gutscheine eigentlich gleich zerschreddern, denn sie werden bestimmt nicht von sich aus für die Einlösung sorgen. Und wer hat schon Lust sich hinzustellen und zu sagen: „Sorry, ich glaub’ du schuldest mir noch einen Kinobesuch.“ Es gibt aber auch Gutschein-Schenker, die eher den Bastlern und Durchorganisierten zuzuordnen sind. Aus phantasievoller Verpackung kann da schon mal in Reimform eine Ankündigung für ein gemeinsamen Wochenende in der Schweiz rausspringen – Verwirklichung garantiert, weil schon das Datum feststeht. Vollkommen okay, oder?

Eine verhältnismäßig junge Erscheinung unter den Schenkern sind 

die Internet-Besteller.

Man könnte meinen, die machen alles richtig. Sie überlegen sich durchaus etwas Nettes, haben, wenn sie früh genug dran sind, keinerlei Probleme und sparen sich das Gerenne durch die Stadt. Dementsprechend erkennt man sie daran, dass sie am ausgeglichensten unter dem Weihnachtsbaum ankommen. Allerdings fragt man sich: Gehört nicht der Sturm vor der Ruhe dazu, damit man diese so richtig genießen kann? 



Für Auseinandersetzungen bei Gans und Rotkohl sorgt regelmäßig

der Geschenkeverweigerer.

 

Das fängt oft schon bei der Gans an. „Ich find’ es nicht fair von euch, dass ihr immer noch keine Rücksicht darauf nehmt, dass ich Vegetarier bin“, klagt er, während er sich sichtlich gequält die trockenen Kartoffeln mit Rotkohl reinzwingt. „Und überhaupt, diese ganze Konsumschlacht hält doch kein Mensch aus.“ Allen Umsitzenden ist klar, dass mehr von ihm nicht zu erwarten ist. Natürlich habe sie ihn trotzdem mit Aufmerksamkeiten bedacht, was seine Stimmung nicht unbedingt hebt: „Ich hab’ doch gesagt, ihr sollt mir nichts mehr schenken, sondern das Geld lieber spenden.“ Wenn er sich am ersten Weihnachtstag kurz vor dem Besuch der Verwandtschaft verdrückt, ist sein Backpacker-Rucksack trotzdem immer um Einiges voller als bei der Ankunft – genauso wie sein Geldbeutel. 

An schätzungsweise jedem zweiten Weihnachtstisch sitzt meistens auch

ein verzweifelter Ehemann.

 

Er ist entweder eine Subkategorie des Geldüberweisers – nur kann man seiner Frau ja schlecht einen Scheck ausstellen – oder der Last-Minute-Schenker. „Jedes Jahr der gleiche Mist“, denkt er schon seit geraumer Zeit und verschiebt die Shopping-Tour ein ums andere Mal. Nur um am Ende in der Parfümerie zu landen und einen völlig überteuerten Duft zu erstehen, bei dem er noch nicht einmal sicher ist, ob seine Frau ihn mag. Also muss man sich auf die attraktive junge Verkäuferin verlassen – eine Begegnung, die ihn zumindest kurzzeitig mit seiner schweren Pflichterfüllung versöhnt. Ein Hinweis an die Frauen: Wenn euch der Duft nicht gefällt, ihr müsst euch nicht damit eindieseln – die Gefahr, dass der Mann merkt, dass ihr ihn bei nächster Gelegenheit Tante Hilde schenkt, ist nicht sonderlich hoch. 

Die jüngere Ausgabe des verzweifelten Ehemanns ist 

der ideenlose Partner.

In gewisser Hinsicht hat er es noch schwerer, denn nach 30 Jahren Ehe sind die Frauen eher gewillt, geschenketechnische Ausrutscher zu verzeihen, als nach drei Monaten Beziehung. Etwas Persönliches muss es sein, denn die Freundin ist potentiell eine kreative Bastlerin. Aus diesem Grund reiht sich der ideenlose Partner nach mehreren Telefonberatungsgesprächen mit seinen Schwestern in die Schlange vor dem Automaten ein, an dem man sofort Fotos ausdrucken kann. „Das zieht immer“, raunt er dem Typen vor sich verschwörerisch zu, als der gerade ein Strandbild vom letzten Mallorca-Urlaub aus dem Automaten lässt, auf dem sich die zwei mit bunten Cocktails zuprosten, während sie albern in die Kamera grinsen. Man(n) versteht sich…

Wirklich friedenstiftend und stimmungsvoll wirken sich im festlichen Familienkreis eigentlich nur die Päckchen von Oma und Opa aus. 

Die Schenker älterer Generation

bleiben traditionell und verpacken Selbstgebackenes liebevoll in Schachteln. Die Oma weiß ganz genau, wem sie welche Plätzchen zugedenken muss. Der Opa schreibt ein paar lustig-nachdenkliche Zeilen dazu. Dann vielleicht noch ein Buch für den Sohn, für die Schwiegertochter einen Schal und für die Enkel ein Spielzeug. Wunderbar und wenig streitbar. 

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